Das Obligatorische der Jäger
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Das Obligatorische der Jäger

Patrick Bardelli
Patrick Bardelli
Zürich, am 18.08.2021
Mitarbeit: Claudio Viecelli
Im September wird im grössten Kanton der Schweiz gejagt. Aber nicht nur während der Bündner Hochjagd wird scharf geschossen: Im Sommer müssen die Jäger ihren Schiessnachweis erbringen. Ein Besuch im Jagdschiessstand.

«Treffpunkt Parkplatz, Schiessanlage St. Luzisteig. 10 Uhr 30. Bring einen Gehörschutz mit. Es wird laut». Die SMS von Claudio ist kurz, die Anweisungen klar. Erinnerungen an meine Zeit in der Schweizer Armee kommen auf. Das Obligatorische: Einmal pro Jahr zum Schiessplatz Allschwiler Weiher – liegen, laden. Feuer frei. Gewehr putzen und wieder nach Hause.

Diese Zeiten sind vorbei. Doch als wir den Schiessstand St. Luzisteig in Maienfeld betreten und nebst der Schutzmaske den Pamir montieren, überkommt mich wieder dieses mulmige Gefühl. Das hatte ich schon damals immer, wenn scharfe Munition im Spiel war. Mir wurde dann immer ein wenig flau in der Magengrube.

Hier wird grosskalibrig geschossen

Marco und Claudio entspannt konzentriert.
Marco und Claudio entspannt konzentriert.

Claudio und Marco, die Jäger, denen ich heute über die Schulter schaue, habe ich vor einigen Wochen in ihrem neuen Revier im Calancatal bei den Jagdvorbereitungen begleitet.

*Bündner Hochjagd:** auf Spurensuche im Calancatal
ReportageDo It + Garten

Bündner Hochjagd: auf Spurensuche im Calancatal

Die beiden scheinen so etwas wie Nervosität nicht zu kennen. In einer konzentrierten Entspanntheit sehen sie den anderen Jägern beim Schiessen zu und warten, bis sie an der Reihe sind. Vier Schüsse auf eine 150 Meter entfernte Scheibe, viermal im Minimum eine Acht. Das ist gefordert, um den Schiessnachweis für das Bündner Jagdpatent zu erfüllen. Eine Eigenheit der Bündner Hochjagd: Geschossen wird mit Patronen von mindestens Kaliber 10.2. Nach oben gibt es keine Begrenzung. Zum Vergleich: Das Sturmgewehr 90 der Schweizer Armee verschiesst Patronen des Kalibers 5.56 Millimeter. Theoretisch dürfte man(n) im Kanton Graubünden mit einer Panzerhaubitze auf Gämse, Reh und Hirsch schiessen.

Geschossen wird mit mindestens Kaliber 10.2.
Geschossen wird mit mindestens Kaliber 10.2.

Neben den Bündnern sind heute auch Jäger aus dem benachbarten St. Gallischen und aus Liechtenstein zu Besuch in der Anlage. Sie sind leicht zu unterscheiden, schiessen sie doch mit kleinkalibrigeren Gewehren, wie der .308 Winchester und nutzen in der Regel einen Schalldämpfer. Marco meint dazu, es sei nur eine Frage der Zeit, bis auch im Kanton Graubünden der Einsatz eines solchen Dämpfers auf der Jagd und im Schiessstand obligatorisch sein werde. Die Gegner eines Obligatoriums argumentierten bisher unter anderem mit den zusätzlichen Kosten, die mit dem Schalldämpfer und dem angepassten Gewehrlauf auf die Jäger zukämen.

Der Bündner Jäger schiesst (noch) ohne Schalldämpfer.
Der Bündner Jäger schiesst (noch) ohne Schalldämpfer.

Vier Schuss, vier Treffer: viermal die Zehn

Claudio macht sich unterdessen für seine vier Schüsse bereit. Im Gegensatz zum militärischen Schiessen mit dem Sturmgewehr liegt der Schütze nicht, er sitzt auf einem Stuhl. Der Lauf liegt auf einem Dreifuss auf, kleine Kissen unter dem Schaft sorgen für die optimale Position. Claudios Handgriffe sitzen, ruhig macht er seine Waffe, eine Blaser R8 Professional Success, schussbereit.

Claudio beim Sitzen, laden.
Claudio beim Sitzen, laden.

Das Zielfernrohr von Zeiss, ein Victory V8, ermöglicht es Claudio, sein Ziel maximal 35-fach zu vergrössern. Die Scheibe, die 150 Meter entfernt für das blosse Auge kaum zu erkennen ist, wirkt so rund fünf Meter entfernt.

Da gibt's nicht viel zu sehen.
Da gibt's nicht viel zu sehen.
So ungefähr musst du dir den Blick durchs Zielfernrohr vorstellen.
So ungefähr musst du dir den Blick durchs Zielfernrohr vorstellen.

Dann folgen zwei ohrenbetäubende Schüsse, nach denen Claudio sein Schussbild auf der Scheibe analysiert. Scheint alles zur Zufriedenheit des Jägers zu sein. Es knallt noch zweimal und Claudio hat sein Programm absolviert. Resultat: viermal die Zehn. Schiessnachweis erbracht. Und Marco? Viermal die Zehn. Somit können beide diesen September an der Bündner Hochjagd teilnehmen.

Auf der Scheibe ist übrigens mit einer gepunkteten Linie ein Herz eingezeichnet. Das soll möglichst zentral getroffen werden. Auch auf der Jagd, damit das Tier sofort tot ist.

Schwarz gibt eine Acht oder neun, weiss eine Zehn.
Schwarz gibt eine Acht oder neun, weiss eine Zehn.

Viermal die Null

Ich will schon meinen Fotoapparat einpacken und Richtung Ausgang marschieren, als Claudio fragt, ob ich es nicht auch einmal probieren will? Ich zögere kurz, denn ich schoss schon früher nicht gern und war noch nie ein guter Schütze, dann packt mich doch die Neugier. Stefan, der heute unter anderem für den Betrieb in der Anlage zuständig ist, leiht mir für vier Schuss sein Gewehr. Es ist im Bild weiter oben das Graue in Tarnfarbe und mit Schalldämpfer auf dem Lauf. Ich schiesse viermal null und habe einmal mehr die Gewissheit, dass ich Zappelphilipp nicht zum Schützen tauge.

Null, null, null, null. Ich bin eine Null im Schiessen.
Null, null, null, null. Ich bin eine Null im Schiessen.

Nach dem Schiessstand ist vor dem Ansitzen

Zeit, die Waffe zu reinigen. Wieder kommen die Erinnerungen an die Militärzeit in mir hoch. PD, oder Parkdienst, der unter anderem die Wartung der persönlichen Waffe beinhaltete. Verrückt, wie dir manche Sachen ein Leben lang in Erinnerung bleiben. Durch unzählige Repetitionen auf ewig eingebrannt. Allerdings ist die Reinigung des Blaser R8, das mit dem Zielfernrohr zwischen 8'000 und 10'000 Franken kostet, verglichen mit dem Sturmgewehr 57 oder 90 ein Klacks.

Claudio zerlegt das Gewehr in drei Teile – Lauf, Verschluss, Pistolengriff – und stösst den Lauf einige Male kräftig aus. Fertig. Der Verschluss sieht aus, als wäre mit dieser Waffe noch nie geschossen worden. Da er im September damit auf die Jagd geht, verzichtet er auf den kleinen Fettstoss zum Schluss.

Vorher ...
Vorher ...
... nachher.
... nachher.

Ein letzter prüfender Blick in den Lauf. Alles sauber, alles bereit für die Bündner Hochjagd, die diesen Herbst vom 03. bis und mit 12.9. sowie vom 20. bis und mit 30.9. stattfindet.

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Weitere Informationen dazu findest du beim Amt für Jagd und Fischerei des Kantons Graubünden.

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Patrick Bardelli
Patrick Bardelli

Senior Editor, Zürich

Es zählt nicht, wie gut du bist, wenn du gut bist. Sondern wie gut du bist, wenn du schlecht bist.

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