

Deine Tasse hat ein Geheimnis – und ein Sprung verrät es
Ein Chip im Tellerrand genügt: Plötzlich liegt der weisse Rohling darunter frei. Glasierte Keramik kann täuschen, die Farbe ist oft nur Fassade. Buchstäblich. Durchgefärbtes Porzellan macht da kurzen Prozess mit der optischen Täuschung.
Porzellan ist aussen bunt und innen weiss. Das ist seit Jahrhunderten so. Anders ist das bei durchgefärbtem Porzellan, auch «solid color» genannt: Hier werden die Farbpigmente direkt in den Ton eingearbeitet, bevor er gebrannt wird. Das Resultat ist ein Material, das durch und durch dieselbe Farbe hat.
Marcel Krummenacher stellt in seinem Studio Sediment in Zürich genau solche Stücke her. Er pigmentiert die Prozellanmasse, formt und brennt sie zu Objekten. «Jedes Stück durchläuft dabei meine Hände», sagt er.

Was Durchfärben technisch bedeutet
Bei herkömmlichem Geschirr liegt die Farbe als Glasurschicht auf dem weissen Scherben. Die Keramik wird nach dem ersten Brand glasiert und dann nochmals in den Ofen gestellt. Bei durchgefärbtem Porzellan gibt es folgenden, entscheidenden Unterschied: Die Pigmente werden direkt mit der Tonmasse vermischt, noch bevor das Stück überhaupt geformt wird. So ist der Ton an sich bereits farbig. Die Glasur, wenn überhaupt eine verwendet wird, ist transparent und dient nur dem Schutz.
«Ich arbeite die Pigmente homogen in die flüssige oder plastische Masse ein», erklärt Krummenacher. «Man muss extrem sauber arbeiten, da kleinste Reste einer Farbe die nächste Charge verunreinigen können.» Beim Brennen – oft über 1200 Grad – verändert sich die Farbe teils dramatisch: «Ein grauer Rohling kann leuchtend blau aus dem Ofen kommen. Die Hitze fixiert die Farbe untrennbar in der Molekularstruktur des Scherbens. Sie liegt nicht nur oben drauf, sondern ist Teil des Objekts.»

Das hat Konsequenzen: Ein Sprung im Rand fällt optisch kaum auf, weil die Masse darunter genauso farbig ist wie die Oberfläche. Unglasiertes Porzellan, auch Biskuit-Porzellan genannt – weil es wie ein zweimal gebackener Keks zweimal gebrannt wird – wirkt matt und samtig. «Das schafft eine Struktur, die der Hand besonders schmeicheln kann.» Glasierte Oberflächen dagegen wirken kühler und glatter, was sie hygienischer, aber weniger sinnlich macht.
Was spricht dafür
Die Technik hat Vorteile: Die Glasur blättert nicht ab, die Spülmaschine verfärbt das Geschirr nicht. Ausserdem lässt sich durchgefärbtes Porzellan besonders gut kombinieren: Weil es keine Schimmereffekte durch Glasurreflexionen gibt, wirkt es auf dem Tisch ruhiger und konsistenter.
Krummenacher empfiehlt die Technik vor allem «für Design-Liebhaberinnen und -Liebhaber, die Wert auf Ästhetik und Haptik legen. Sie ist ideal für Deko, Vasen oder haptisch besondere Stücke wie Espressogeschirr.» Auch glasiertes Porzellan hat aber seinen Platz: «Sobald es um maximale Hygiene und Abriebfestigkeit geht, etwa in der Systemgastronomie oder bei stark färbenden Lebensmitteln wie Kurkuma, ist die geschlossene Glasurschicht oft die praktischere Wahl.»
Was du wissen solltest
Die Technik ist aufwendiger und entsprechend teurer in der Herstellung. Ausserdem reagieren eingearbeitete Pigmente im Brand anders als in einer Glasur. Nicht jede Farbe lässt sich problemlos durchfärben. «Lila- und Pinktöne sowie kräftige Rottöne sind die Endgegner», sagt Krummenacher. «Viele Pigmente verbrennen bei den hohen Temperaturen oder werden grau. Auch ein sattes Tiefschwarz ohne Blaustich ist eine technische Herausforderung.»

Hinzu kommt: Durchgefärbtes Porzellan entwickelt mit der Zeit eine Patina. Die offenporige Oberfläche nimmt Gebrauchsspuren auf. Das ist kein Makel, sondern das Wesen des Materials. Es altert mit dir.
Krummenachers Tipp: Hartnäckige Flecken lassen sich mit einem feinen Schmutzradierer oder etwas Backpulver entfernen. Wer Salzränder vom Geschirrspüler loswerden und die Farben wieder auffrischen möchte, reibt die Flächen mit etwas pflanzlichem Öl ein «und sie sind wieder wie neu.»
Mehr vom Trend
Das Prinzip «Farbe bis in den Kern» findet sich in sehr unterschiedlichen Preislagen und Looks. Die «Good Mood»-Kollektion von Chic.mic überzeugt mit satten Farben und Kugelformen.
Etwas puristischer: Die Serie «Basalt» von Revol in durchgefärbtem Schwarz, entwickelt für die Gastronomie, ist auch zu Hause eine Ansage. Hinter der Marke steckt eine seit 1768 von derselben Familie geführte französische Manufaktur. Die weiss, wie Keramik altert. Revol selbst schreibt über Basalt: «Wie Leder entwickelt die Oberfläche mit der Zeit eine Patina, wird mit dem Gebrauch weicher.» Ganz im Gegensatz zu einer Glasur, die sich mit der Zeit verabschiedet.
Wenn du also das nächste Mal einen Sprung am Tellerrand entdeckst, weisst du: Bei durchgefärbtem Porzellan ist das kein Verrat. Sondern der Beweis, dass da nichts zu verbergen war.
Wie ein Cheerleader befeuere ich gutes Design und bringe dir alles näher, was mit Möbeln und Inneneinrichtung zu tun hat. Regelmässig kuratierte ich einfache und doch raffinierte Interior-Entdeckungen, berichte über Trends und interviewe kreative Köpfe zu ihrer Arbeit.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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