Detroit Electric 1918: Teslas Urgrossvater, sein Besitzer und die Suche nach dem Lächeln
Reportage

Detroit Electric 1918: Teslas Urgrossvater, sein Besitzer und die Suche nach dem Lächeln

Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Zürich, am 21.08.2020
Bilder: Thomas Kunz
Hansueli Wartenweiler tritt mit seinem 103 Jahre alten Elektroauto an einem Schönheitswettbewerb für Autos an. Siegeschancen malt er sich keine aus. Der 65-Jährige hat ganz andere Ziele.

«Damals… ja, damals, da gab es viele Autos mit Dampf- oder Elektroantrieb», sagt Hansueli Wartenweiler. Der 65-Jährige ehemalige Numismatiker blickt auf sein Auto. Alle anderen auch. Mit Baujahr 1918 sieht der Detroit Electric so gar nicht aus wie die anderen Fahrzeuge am Zürich Classic Car Award auf dem Zürcher Bürkliplatz.

Hansueli Wartenweiler, Autosammler.
Hansueli Wartenweiler, Autosammler.

«Jetzt kommen die Juroren», sagt er und rückt sich seinen Strohhut zurecht. Er lässt seine Zuhörer kurz im Sonnenschein stehen. Jetzt gilt es Ernst. Die Richter des Concours d'Élegance bewerten die schönsten Oldtimer aus 103 Jahren Automobilgeschichte.

8km/h bergauf

Der Detroit Electric ist sogar unter den Autos auf dem Platz ein Unikum. Das wohl einzige Fahrzeug ohne Steuerrad sondern mit einer Art Pinne, mit der Hansueli das Elektromobil steuert. Wenn er sie nach vorne drückt, dann drehen die Räder nach links. Zieht er am Hebel, so gehen die eigens für das Auto angefertigten Reifen – Kostenpunkt 600 Franken pro Reifen – nach rechts.

Die eigens angefertigten Reifen kosten 2400 Franken pro Satz.
Die eigens angefertigten Reifen kosten 2400 Franken pro Satz.

Der Detroit Electric ist ein Liebhaberobjekt. Hansueli besitzt zwar 80 Autos, alle in einer Halle untergebracht, aber «Oma Duck» hat einen besonderen Platz in seinem Herzen. Er nennt das Gefährt Oma Duck, da Dorette Duck aus den Lustigen Taschenbüchern ein Auto vom selben Bautyp fährt. Auch das sei einer der Gründe gewesen, warum Hansueli sich das Gefährt auf Ebay gekauft hat.

Für die Restauration hat er sich zwei Studenten angestellt, die im Rahmen ihrer Masterarbeit das Auto wieder zur Funktionsfähigkeit gebracht haben. Ihr Auftrag: So viel originalgetreu lassen wie nur irgendwie möglich. Die Batterien mussten ersetzt werden, der Holzrahmen ist geblieben. Heute surrt der Oldtimer wieder über die Strassen.

Der Motor des Detroit Electric ist noch original.
Der Motor des Detroit Electric ist noch original.

«Also 30 km/h kriegt er schon hin, abhängig vom Gefälle der Strasse», sagt Hansueli, «Bergauf macht er noch 8 km/h. Da muss ich aufpassen, dass ich nicht von Fussgängern überholt werde.»

Die Zuhörer lachen. Um ihn herum stehen Frauen, Männer, Kinder. Sie hören dem Mann in Hosenträgern und Fliege, manchmal mit dem Bambusstock gestikulierend, zu, wie er mit Liebe und Leidenschaft über sein Vehikel erzählt. Aber die Juroren, die kommen gleich. Ganz bestimmt. Sie prämieren das schönste Auto des Tages.

Gewinner des Tages? Der Willys Jeep im Postauto-Design
Gewinner des Tages? Der Willys Jeep im Postauto-Design

«Ach, die prämieren eh ein anderes Auto», sagt Hansueli, «wahrscheinlich einer der schönen Ferraris da drüben. Oder den Opel Olympia Rekord. Mit meiner Oma Duck habe ich keine Chance.»

Rastloser Enthusiast

Hansueli ist eine rastlose Seele. Er reist, sammelt Autos und unterstützt die Jugend. Sonst ergehe es der Oldtimer-Szene wie es den Münzsammlern ergangen ist. Kein Nachwuchs, die Szene stirbt aus.

«Das wäre doch schade», sagt der Mann, der wenn es sein muss, im Alleingang gegen den Tod seiner Leidenschaft kämpft. Der Mann, der heute auf einem Platz mit Gleichgesinnten steht, zwischen Ferraris und Opels, bei einem Willys Jeep im Postauto-Design, neben Rolls Royces und Seltenheiten wie dem Marcos Mantis.

Hansueli tut alles, damit die Automobilszene der Schweiz nicht ausstirbt.
Hansueli tut alles, damit die Automobilszene der Schweiz nicht ausstirbt.

Er hat während dem Lockdown im Zuge der Covid-19-Pandemie ein Magazin in Eigenregie geplant, Werbekunden gesucht, gedruckt und legt den «Kolbenfresser» auf dem linken Trittbrett auf. 500 Exemplare des Magazins des Rollermobilclub der Schweiz gibt es. Hansueli ist Präsident des Rollermobilclubs. Selbstverständlich.

Einen Moment lang bleibt der «Kolbenfresser» mit Typographie in Comic Sans MS noch auf dem Trittbrett. Denn Hansueli muss noch schnell ein Herzensprojekt erwähnen. Er fördert den Nachwuchs. In Rümlang unterstützt er die Rally Academy, eine Autogarage für Classic Cars und Youngtimer.

«Und Kurse für Rallyfahrer machen wir auch», sagt er. Da ist seine Fahrleidenschaft. Im Dreck, auf Kies und über Stock und Stein. Da fühlt sich Hansueli am wohlsten. Er tschuttet eine Staubwolke auf dem Kiesplatz des Bürkliplatzes auf.

Schon anno 1918 sind Elektroautos durch die Strassen gekurvt.
Schon anno 1918 sind Elektroautos durch die Strassen gekurvt.

Der «Kolbenfresser» muss aber schnell weg. Nur für ein paar Minuten. Denn die Juroren kommen. Gleich sind sie da. Bestimmt. Sie sollen den Detroit «Oma Duck» möglichst in ganzer Schönheit sehen.

Fahrt in die Freude

Aber es sei ihm eigentlich egal, was die Jury denkt, denn ihm geht es nicht um die Auszeichnung am Ende des Concours d'Élegance. Im Gespräch mit zwei Frauen, eine davon in einem Kleid mit Blumenmuster, erklärt er, weshalb er mit einem 103 Jahre alten Auto, teuer gekauft, mühsam restauriert, heiss geliebt, morgens früh mit höchstens 30 km/h lostuckert, damit er an einem nach eigenen Angaben aussichtslosen Wettkampf verlieren kann. Apropos Jury. Die Juroren. Sie kommen. Jeden Moment werden sie hier sein und Oma Duck ansehen.

«In unserer Welt gibt es so viel, das einem das Herz bricht. Sexismus, Rassismus, Politik, Hunger, Armut. Das kann überwältigend sein.»

Er holt mit seinem Bambusstock aus, zeigt auf den Platz, denkt kurz nach, als ob er an seiner eigenen Logik zweifelt.

«Aber wenn ich mit meiner Oma Duck in die Stadt fahre, dann fahre ich nicht die Stadt. Ich fahre in ein Lächeln.»

Hansueli Wartenweiler hofft, den Alltag der Menschen mit seinem Uralt-Auto etwas aufzuheitern.
Hansueli Wartenweiler hofft, den Alltag der Menschen mit seinem Uralt-Auto etwas aufzuheitern.

Er erzählt von all den Gesichtern, die ihm – selbstverständlich in adäquat quirliger Kleidung – entgegenlachen. Das löse zwar keine Probleme in der Welt, aber Hansueli hofft, damit eine kurze Pause vom Alltagstrott zu verschaffen. Des Lachens wegen kauft er sich jedes Jahr eine Autobahnvignette für Oma Duck.

Er hält inne. Viel Zeit hat er nicht. Die Juroren. Sie sind schon in Sichtweite.

«Oh! Hört euch das an.»

Die drei Sitze des Detroit Electric 1918 sind wie ein Zugabteil angeordnet.
Die drei Sitze des Detroit Electric 1918 sind wie ein Zugabteil angeordnet.

Er klettert ins Innere des Detroit. Ein Dreisitzer. Der Fahrer sitzt hinten links, Beifahrer hinten rechts. Dann ist da ein Sessel neben der Pinne, der für einen weiteren Passagier gedacht ist. Er ist wie ein Zugabteil zu den anderen Sitzen gedreht.

Ein gelungener Witz: die Hupe des Detroit Electric
Ein gelungener Witz: die Hupe des Detroit Electric

Er hebelt an den zwei Hebeln herum. Auf einmal dringt ein röhrendes, grunzendes Hupen durch die Luft. Genau das, was du dir unter dem Hupen eines 100 Jahre alten Autos vorstellst. Hinter der Pinne sitzt Hansueli, drückt einen Knopf. In seinem Gesicht ein fast kindliches Grinsen. Ein 65-Jähriger Lausbub, der gerade einen richtig guten Witz erzählt hat.

Die Menschen auf dem Bürkliplatz lachen.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher

Senior Editor, Zürich

Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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