Sunrise Skylights: Luca Hänni und der Pannendienst für die Popkultur
Reportage

Sunrise Skylights: Luca Hänni und der Pannendienst für die Popkultur

Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Zürich, am 31.07.2020
Luca Hänni tritt vor einem Parkplatz auf, ich trinke Bilz, ein Mädchen klettert auf einer Pick-Up-Ladefläche herum. Festivalromantik definiert sich gerade neu als Parkplatzfest.

Ein kleines Mädchen neben meinem Pickup sieht nichts. Aufs Dach des Jeep Grand Cherokee ihrer Eltern kann sie nicht klettern, obwohl das Versprechen vorher scheinbar abgegeben wurde. Ich öffne die Pickup-Fläche meines Dodge Ram 1500, sie klettert hoch und kann Luca Hänni zusehen. Sie ist zwar wegen Loco Escrito hier, aber aktuell spielt Luca auf. Sie ist eine der maximal 1500 Personen am Sunrise Skylights Festivals, an dem 300 Autos auf dem Parkplatz vor der Bühne stehen und hören via Radio zu.

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RAM 2020 5.7 HEMI 1500 Crew Cab Limited 4x4 Rambox (Benzin, Kaufen, 395 PS)
Dodge RAM 2020 5.7 HEMI 1500 Crew Cab Limited 4x4 Rambox (Benzin, Kaufen, 395 PS)
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Das Konzept des Sunrise Skylights Festivals ist neu und alt zugleich. Im Wesentlichen soll die Romantik eines Drive-in-Kinos der Vereinigten Staaten der 1940er- bis 1960er-Jahre mit dem krampfhaften Bedürfnis der Schweizer nach Konzerten unter offenem Himmel vereint werden. Damit die vom Bund vorgeschriebenen Richtlinien zum Social Distancing eingehalten werden können, stehen auf der Bühne keine grossen Boxen. Du musst die Stereoanlage deines Autos auf FM 89.5 einstellen.

Die Theorie klingt gut. Die Musik je nach Auto auch. Die Stimmung aber bleibt aus.

Die Popkultur darf nicht aufhören

Die 299 Autos und der eine Pick Up wirken etwas verloren. Konzertstimmung fühlt sich anders an. Es fehlt die Ausgelassenheit, das Miteinander, das lauwarme Bier aus der PET-Flasche und irgendwer, der «Helga!» schreit. Oder alternativ: Die Cocktails beim unsäglichen Glamping, einer Bastardisierung des Campings, aber dafür mit Glamour. So die Idee von Zelt ohne Zelt.

Das ist ein Konzert und kein Aldi am Samstag. Ehrlich.
Das ist ein Konzert und kein Aldi am Samstag. Ehrlich.

Die Reise- und Unterhaltungsindustrie ist sich nie zu Schade, mit neuen Ideen hinter dem Ofen hervorzukommen. Glamping ist 2005 als Begriff von den Engländern erfunden worden und 15 Jahre später sind Drive-In Open Airs der Vorschlag zum Ersatz für Schlammbäder im Sittertobel oder High Heels am Frauenfelder Open Air.

Umweltschützer hoffen auf die Elektrowende. Das Sunrise Skylights hofft auf mehr Benzin. Die Seepromenaden mit ihren E-Bikes sind zu, der Parkplatz wird extra geöffnet. Tessiner Nummernschilder, Thurgauer Nummernschilder und Nummernschilder Vaudoises sind gekommen. Sie scheinen den durch die Pandemie ausgelösten grössten Einbruch der CO2-Emissionen weltweit eigenständig wieder wettmachen zu wollen. Dazu meine weisse fahrende Umweltkatastrophe, die ich trotz allem heiss liebe.

Der Dodge Ram wird zum Publikumsmagnet, denn die Ladefläche ist hoch genug, dass jeder über die 300 Autos auf dem Platz blicken kann und die Bühne sieht. Die Stereoanlage im Auto ist laut genug, dass sie bei geöffneten Dach- und Rückfenstern guten Sound in Richtung Ladefläche schiessen kann. Der Ladefläche eines 18,1 Liter saufenden US-amerikanischen Pickups mit einem V8-Motor. Energieeffizienzklasse G, Baby!

Pannendienst nicht nur für Autos

CO2-Gegner maulen. Ärzte machen sich Sorgen. Die Unterhaltungsindustrie rotiert und erfindet. Vielleicht ist das Sunrise Skylights nicht die Lösung all unserer gesellschaftlichen Probleme. Vielleicht war die Idee der Organisatoren die blödeste aller Zeiten. Aber sie ist immerhin besser als gar nichts, wenn denn vorausgesetzt wird, dass der Kultur-Mob sich dann und wann wieder treffen muss.

Zudem fungiert der Event gut als Pannendienst. Für die Popkulturellen, die sich gerne zum gemeinsamen Event treffen. Für den unter dem ausfallenden Flugverkehr leidenden Flughafen, der den Parkplatz mit dem klingenden Namen P17 wohl gewinnbringend vermietet hat. Für Luca Hänni, sowohl seine Karriere als auch seinen Wunsch, seine Fans zu treffen.

Und nicht zuletzt für die Autos auf dem Platz. Denn was das Publikum nicht bedenkt, die Organisatoren aber bedacht haben: Eine Autobatterie ist nicht gemacht, um ein ganzes Auto einen Abend lang mit Strom zu versorgen. Das Konzert auf FM 89.5 braucht Strom. Lichter, um ein verlorenes M&M zu suchen, das dann aber als verschollen zu erklären, auch. So kommt es, dass einige Autos am Ende partout nicht mehr losfahren wollen. Die Batterie des Dodge hat es überlebt. Etwa 25% bleiben noch. Nicht alle haben so viel Glück.

Wider dem Suff

Nicht nur den Autos fehlt der Saft, auch die Besucher sitzen hier meist auf dem Trockenen. Wo am St. Galler Open Air saufende – nicht trinkende – Gäste einen Vorrat an Bier auf dem Gelände vergraben, bevor das Festival losgeht, stellt sich die Frage am Skylights gar nicht. Wer fährt, der säuft nicht. Basta.

Bier? Ja, aber wennschon dennschon, dann alkoholfrei
Bier? Ja, aber wennschon dennschon, dann alkoholfrei
Panaché 0.0% Alkoholfrei Biermischgetränk (6 x 33 cl)
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Bilz Panaché 0.0% Alkoholfrei Biermischgetränk (6 x 33 cl)
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Auf dem Armaturenbrett des Dodge sind Dosen. Alkoholfreies Pale Ale der Marke Brewdog. Punk AF. Guter Stoff. Dazu ein paar Dosen Bilz. Das alkoholfreie Gebräu aus dem Hause Feldschlösschen, das seit 30 Jahren gefühlt ohne Redesign überlebt hat, ist die pure Nostalgie. Ich erinnere mich an den Denner an der Rorschacher Fliederstrasse, wo mir mein Grossvater das erste Mal eine Dose gekauft hat. Lange ist das her. Frühe 1990er. Hat damals besser geschmeckt, meine ich.

So findet das Skylights dann doch seinen Charme und ich werde ob der Nostalgie nachdenklich. Luca Hänni hat im Vorfeld angekündigt, dass ihm die Bühne fehlt, das Miteinander mit seinen Fans. Hat er sich das so vorgestellt? «Bella Bella» vor der Blechlawine? Möchte Loco Escrito noch mehr solcher Konzerte geben? Wie hat DJ Tanja La Croix das so gefunden? Antworten bleibt mir die Welt schuldig, denn ich sitze bequem im Fahrersitz, schlürfe Bilz und esse M&Ms. Der Regen prasselt auf die Frontscheibe, ich sehe die Bühne nicht mehr. Dafür Leute in orangen Sicherheitswesten mit Überbrückungskoffern, die durch den Regen zu Autos mit verdutzten Fahrern hasten. Egal. Denn da kann jemand sagen, was er oder sie will, für mich gibt es definitiv schlimmere Arten, einen Abend zu verbringen.

Und nebenan im Grand Cherokee schläft ein kleines Mädchen mit Zahnlücke. Sie ist noch vor Loco Escrito auf die Rückbank des Autos ihrer Eltern gekrochen und eingeschlafen. Darum endet das Skylights nicht mit einem Autokorso von P17 in Richtung Autobahn, sondern teilweise mit Leuten mit Überbrückungskoffern in orangen Sicherheitswesten, die durch den Regen zu Autos mit verdutzten Fahrern hasten.

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Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher

Senior Editor, Zürich

Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.

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