Die Home-Office-Droge
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Die Home-Office-Droge

Natalie Hemengül
Natalie Hemengül
Zürich, am 04.05.2021
In der Home-Office-Szene grassieren gefährliche Aufputschmittel. Auch Minderjährige sind betroffen. Die Behörden sind alarmiert.

Die monotone Arbeit in den eigenen vier Wänden belastet die Psyche. Immer mehr greifen zu Muntermachern. Zurzeit erfreut sich ein spezifischer Stoff besonderer Beliebtheit in der Home-Office-Szene: die Schreibwaren. Oder wie er von Insidern auch genannt wird: «Stat», abgeleitet vom englischen Wort «stationery». Besonders gefährlich: «Stat» lässt sich nicht immer eindeutig identifizieren. Pastellfarbene Marker, Radiergummis in Blumenform, gepunktete Haftnotizen, Zierfüllis, verschnörkeltes Briefpapier, zu Flamingos geformte Büroklammern und schimmernde Wachssiegel. Eine Sucht mit vielen Facetten. Die Wirkung bleibt aber immer dieselbe: Betroffene brauchen mehr. Mehr Farben. Mehr Auswahl. Mehr Formen. Auf Social Media teilen sie unter dem Hashtag #stationery unverblümt ihre Erfahrungen mit dem Stoff, der vermeintlich glücklich macht.

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BOSS ORIGINAL Textmarker (Sortiert, 23, 2 mm)
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STABILO BOSS ORIGINAL Textmarker (Sortiert, 23, 2 mm)
Büroklammer/>
Flamingo (8 x)
Trendform Flamingo (8 x)
Haftnotiz/>
Page Marker Panda (2 x 5 cm)
I Am Creative Page Marker Panda (2 x 5 cm)
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Immer mehr Menschen verzetteln sich

Experten warnen: Die Glücksgefühle sind nur von kurzer Dauer. Ein Höhenflug durch den Heimbüro-Alltag fühlt sich zunächst an, als würde sich die Arbeit von selbst erledigen. Die Langzeitfolgen sind jedoch verheerend. Abnehmende Konzentration sowie Down-Gefühle beim Anblick von Mainstream-Büroartikeln wie dem roten Caran D'Ache Bleistift, blauen Kugelschreibern oder Notizheften ohne inspirierende Quotes sind nur ein paar Beispiele dafür. Betroffene erzählen auch von stundenlangen To-Do-List-Schreib-Sessions. Erledigt wird jedoch nichts von dem, was auf der Liste steht. Dafür bleibe keine Zeit, erzählt Marie-Sofie*. «Die Zeit geht in erster Linie dafür drauf, die passenden Washi-Tapes zu finden, um die Listen zu dekorieren.» Die 26-Jährige ist selbst dem Büroartikel-Wahn verfallen, findet daran aber nichts Verwerfliches. «Ich mache es ja nicht auf der Strasse, sondern in meinen eigenen vier Wänden.»

*Name von der Redaktion geändert

Marie-Sofie ist 17, als sie zum ersten Mal mit «Stat» in Berührung kommt. «Ich brauchte Klebemarker, um meine Ausgabe des Oblitationenrechts zu Prüfungszwecken zu katalogisieren. Die Auswahl war gross. Zu gross. Die Farben setzten Glückshormone in mir frei. Bald schon gab ich mein ganzes Taschengeld aus. Erst nur für Klebemarker, dann kam Härteres dazu», erinnert sie sich. Ihre Eltern wollen von all dem nichts mitbekommen haben. Mittlerweile hat sich «Stat» auf dem Konsumentenmarkt etabliert – Lockdown sei Dank. «Seitdem das Home Office an der Tagesordnung steht, sind auch die alten Verhaltensmuster wieder zurück.»

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Besorgte Eltern und Vorgesetzte zeigen nun mit dem Finger energisch in Richtung Online-Händler und werfen den Behörden ein skandalöses Regulationsversagen vor. Das Problem mit Schreibwaren: Sie sind überall erhältlich. Papeterien und Online Shops verkaufen ihre Ware am helllichten Tag und völlig legal – auch an Schüler. Den Behörden sind laut eigenen Angaben die Hände gebunden. Sie setzen deshalb auf eine präventive Digitalisierungsstrategie. Die Betroffenen sollen dadurch bei der Verrichtung ihrer Arbeit gar nicht erst auf physische Hilfsmittel angewiesen sein. Erste Zahlen einer nichtssagenden Kurzzeitstudie auf Gefühlsbasis zeigen aber: Die Massnahmen schlagen nicht an. Im Gegenteil. Die Szene verkommt zur Gegenbewegung des digitalen Zeitalters. Der Protest aus der Home-Office-Szene wird immer lauter. Die Betroffenen fordern mehr Akzeptanz für ihr Laster.

Noch gibt es keine offizielle Anlaufstelle für Stat-Verfallene wie Marie-Sofie. Es dürfte aber nur noch eine Frage der Zeit sein, bis Aussteigerprogramme und spezialisierte Therapieformen angeboten werden.

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Ecoline Brush Pen Set (Multicolor, 30)
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Drehgriffel (Puder, 0.50 mm)
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Natalie Hemengül
Natalie Hemengül

Editor, Zürich

Als Disney-Fan trage ich nonstop die rosarote Brille, verehre Serien aus den 90ern und zähle Meerjungfrauen zu meiner Religion. Wenn ich mal nicht gerade im Glitzerregen tanze, findet man mich auf Pyjama-Partys oder an meinem Schminktisch. PS: Mit Speck fängt man nicht nur Mäuse, sondern auch mich.

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