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Studiocanal
Hintergrund

«Die Klapperschlange» wird 45: Warum John Carpenters Dystopie niemals altert

Kim Muntinga
10.7.2026

Als «Escape from New York» 1981 erschien, lag seine Zukunft nur 16 Jahre entfernt. Heute ist auch diese Zukunft längst Vergangenheit. Zum 45. Jubiläum zeigt sich: Carpenters Film war nie eine Prognose, sondern eine Verdichtung politischer und urbaner Ängste, die erstaunlich wenig verschwunden sind.

Es ist 1997. Manhattan ist keine Stadt mehr, sondern eine Insel der Verdammten. Jede Brücke ist vermint, das Wasser unter Strom gesetzt, die Freiheitsstatue dient nur noch als Wachturm. Über drei Millionen Verurteilte leben in den Ruinen des einstigen Sehnsuchtsorts. Dann stürzt die Air Force One mit dem Präsidenten an Bord ab.

So beginnt eine der prägnantesten Prämissen, die das amerikanische Genrekino je ersonnen hat. «Escape from New York» (im deutschsprachigen Raum als «Die Klapperschlange» bekannt), veröffentlicht am 10. Juli 1981, hat aus heutiger Sicht ein kleines Problem mit dem Kalender: Das Jahr 1997 ist längst vergangen, Manhattan wurde nie zur Strafkolonie, und die Realität hat sich etwas anderes ausgedacht. Trotzdem wirkt der Film nicht lächerlich veraltet. Eher, als wäre er gestern gemacht worden. Oder als würde er gerade jetzt erst vollständig verstanden werden.

Der Grund: John Carpenter hat keinen klassischen Zukunftsfilm gedreht. Er hat die Ängste seiner Gegenwart in die nahe Zukunft verschoben.

John Carpenters Amerika: Misstrauen als Grundton

Carpenter entwickelte den Stoff bereits Mitte der siebziger Jahre, im unmittelbaren Nachhall von Watergate. Der Präsident als Lügner, die Regierung als Apparat, dem kein Mensch trauen kann. Das war damals keine Science-Fiction, sondern politische Gegenwart. Watergate beendete nicht nur Karrieren. Es beschädigte das Vertrauen in staatliche Institutionen nachhaltig – und vermutlich dauerhaft.

Carpenter selbst wuchs in einer Zeit auf, in der das Kino begann, diese Desillusionierung ästhetisch zu verarbeiten. «Chinatown», «The Parallax View», «Three Days of the Condor». Der Hollywood-Thriller der siebziger Jahre war ein Genre des systematischen Misstrauens. Carpenter nahm diese Einflüsse auf und verband sie mit europäischem Exploitation-Kino, der Lakonie von Sergio Leones Westernhelden und einem tiefen Gleichmut gegenüber staatlicher Autorität.

Heraus kam ein Film, in dem der Präsident der Vereinigten Staaten kein moralisches Zentrum darstellt, sondern ein austauschbares Symbol staatlicher Macht: hilflos, feige, letztlich bedeutungslos. Im Film schlicht «The President» genannt und von Donald Pleasence mit herrlich blasierter Insuffizienz gespielt, ist er nicht der Mann, den irgendjemand aus Überzeugung retten will. Er wird gerettet, weil das System ihn braucht. Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.

Angekettet, verletzt, entmachtet: Donald Pleasence erlebt Carpenters Manhattan nicht als Staatsoberhaupt, sondern als Beute.
Angekettet, verletzt, entmachtet: Donald Pleasence erlebt Carpenters Manhattan nicht als Staatsoberhaupt, sondern als Beute.
Quelle: Studiocanal

Die Welt in «Escape from New York» ist keine klassische Warn-Dystopie. Sie ist die Verlängerung eines Gefühls: Kontrollverlust, kaputte Institutionen, ein urbaner Raum, der sich selbst überlassen wurde und darüber in Finsternis versunken ist.

Die Kriminalitätsrate in New York stieg im wirklichen 1981 gerade auf historische Höchststände. Der Times Square war damals tatsächlich ein Ort, an dem man lieber nicht zu lange stehen blieb. Carpenters Albtraum-Manhattan war also weniger Prophezeiung als ein extremes Gegenwartsgefühl: auf die Zukunft projiziert, damit man es besser sehen konnte.

Snake Plissken: der Antiheld, der keine Erlösung anbietet

Eine der wichtigsten Entscheidungen des Films: Der Held ist keiner.

S. D. Bob «Snake» Plissken, ehemaliger Kriegsheld und inzwischen verurteilter Krimineller, trägt eine Augenklappe, eine Cobra-Tätowierung und die emotionale Verfassung eines Mannes, der seit Jahren schlechter schläft als sein letztes Opfer. Alle scheinen seinen Namen zu kennen. Fast alle sagen denselben Satz: «Ich dachte, du wärst tot.» Schon bevor der Film viel über ihn erzählt, ist klar: Diese Figur kommt aus einer Geschichte, die größer wirkt als der Film selbst.

Snake rettet den Präsidenten unter Zwang. Die Regierung hat ihm mikroskopische Kapseln injiziert, die ihn nach 24 Stunden töten, falls er nicht zurückkehrt.

Gerade deshalb ist Snake Plissken bis heute so modern. Der amerikanische Actionheld der achtziger Jahre sollte bald muskulöser, lauter und triumphaler werden. Stallone und Schwarzenegger prägten das Jahrzehnt mit Körpern wie Monumenten und Gewalt als Spektakel. Snake ist anders. Er bezwingt diese Welt nicht durch rohe Überlegenheit, sondern weil er ihre Regeln längst durchschaut hat.

Kurt Russell war dafür die entscheidende Besetzung. Er kam nicht als offensichtlicher Endzeit-Hardliner ins Projekt, sondern als ehemaliger Disney-Junge mit sauberem Abenteuerimage. Carpenter, der mit ihm bereits für den Elvis-Fernsehfilm gearbeitet hatte, besetzte Russell gegen dieses Image.

Kurt Russell spielt Snake als Mann, der jedes Wort abwägt und trotzdem schon alles entschieden hat.
Kurt Russell spielt Snake als Mann, der jedes Wort abwägt und trotzdem schon alles entschieden hat.
Quelle: Studiocanal

Russell spielt Snake als destillierte Gleichgültigkeit: wortkarg, müde, kontrolliert und cool auf eine Art, die nichts mit Selbstverliebtheit zu tun hat. Snake sagt wenig, weil er wenig sagen will. Er ist kein Zyniker, der sich über die Welt lustig macht. Er hat sie nur aufgegeben.

Damit wurde er zur Blaupause für viele spätere Antihelden aus Film, Comic und Videospiel: lakonisch, beschädigt, misstrauisch gegenüber Autoritäten, gewaltbereit ohne heroischen Glanz. Snakes Härte ist keine dramaturgische Pose. Sie entsteht aus seiner Erkenntnis, dass das System nur nach eigenen Regeln spielt, und aus seiner Weigerung, weiter daran teilzunehmen.

Diese Haltung kulminiert am Ende. «Escape from New York» gibt Snake die Chance, sich doch noch in einen klassischen Helden zu verwandeln. Er könnte die Ordnung retten, seine Mission erfüllen und dem System dienen. Stattdessen entscheidet er sich für Sabotage. Weniger aus großer politischer Überzeugung als mehr aus trockenem, persönlichem Ekel. Snake hat gesehen, wie wenig das alles wert ist. Also zerstört er, was die Mächtigen für entscheidend halten.

Das ist ein klassischer Mittelfinger.

Manhattan ist ein Albtraum

Ein Produktionsdetail, das viele nicht kennen, führt direkt ins Zentrum von Carpenters Vision. Das postapokalyptische Manhattan wurde größtenteils nicht in New York, sondern in St. Louis gedreht. Verlassene Straßenzüge, verfallene Gebäude, zerstörte Infrastruktur: St. Louis bot Anfang der achtziger Jahre genau jene Ruinenlandschaft, die in New York erst hätte gebaut werden müssen.

Das zeigt, was Carpenter suchte: statt einem echten New York, ein übersteigertes, verzerrtes und bis zur Unkenntlichkeit zugespitztes Gefühl davon. Der Broadway wird zum Spießrutenlauf, durch den Snake seinen Wagen prügelt, während aus den Fenstern Angriffe niedergehen. Die Freiheitsstatue dient nicht mehr als Symbol der Freiheit, sondern als Wachturm. Goldschmuck und ein Lincoln Continental werden zu Insignien von Macht, weil es keine anderen mehr gibt.

Der Duke of New York, gespielt von Isaac Hayes mit souveräner Überlegenheit und bedrohlicher Lässigkeit, ist deshalb keine bloße Schurkenerfindung. Er ist eine logische Konsequenz. Wenn der Staat einen Ort aufgibt, bildet sich gezwungenermaßen eine andere Ordnung: brutaler, direkter und in ihrer Logik vielleicht sogar konsequenter als das System hinter den Mauern.

Isaac Hayes spielt den Duke nicht als klassischen Schurken. Er braucht keinen Staat mehr. Ihm reichen Gold, Gefolge und ein Wagen, der wie ein Thron wirkt.
Isaac Hayes spielt den Duke nicht als klassischen Schurken. Er braucht keinen Staat mehr. Ihm reichen Gold, Gefolge und ein Wagen, der wie ein Thron wirkt.
Quelle: Studiocanal

1981 war das nicht bloß Fantasie. New York steckte tief in den Folgen der Fiskalkrise, ganze Viertel verfielen, viele Angehörige der Mittelschicht zogen ins Umland. Carpenter dachte diesen Zustand weiter. Daraus entstand eine Albtraumkulisse, die im Gedächtnis bleibt, weil sie sich weniger wie Erfindung anfühlt als eine Vorahnung.

Minimalismus als Stilmittel: wenn wenig mehr ist

«Escape from New York» kostete sechs Millionen Dollar. Für einen Independent-Film war das 1981 ein respektables Budget, gemessen an Carpenters Ambitionen aber knapp kalkuliert. Zum Vergleich: Der Bond-Film des gleichen Jahres, «In tödlicher Mission» (orig. «For Your Eyes Only»), verfügte mit rund 28 Millionen Dollar über mehr als das Vierfache des Budgets.

Dass der Film trotzdem größer wirkt, liegt an klaren Entscheidungen: weniger erklären, stärker verdichten, Dunkelheit gezielt einsetzen. Ein prägnantes Bild schlägt hier jedes Effektgewitter.

Statt Effektgewitter setzt Carpenter auf Schatten, Kerzenlicht und einen Blick, der mehr erzählt als jede Explosion.
Statt Effektgewitter setzt Carpenter auf Schatten, Kerzenlicht und einen Blick, der mehr erzählt als jede Explosion.
Quelle: Studiocanal

Kameramann Dean Cundey, der mit Carpenter eine der effizientesten Regisseur-Kameramann-Beziehungen des amerikanischen Genrekinos pflegte, baut den Film auf harten Kontrasten auf: tiefes Schwarz, wenige Lichtquellen, Silhouetten statt Details. Aus finanziellen Grenzen entsteht so eine visuelle Identität, die kein größeres Budget hätte kaufen können.

Und dann ist da der Score. Carpenter komponierte die Musik wie fast immer selbst, diesmal zusammen mit Alan Howarth. Das synthetische, pulsierende Hauptthema gehört zu den sofort erkennbaren musikalischen Signalen des Genrekinos. Es macht wenig von dem, was Filmmusik üblicherweise tut. Es steuert keine großen Gefühle, schwelgt nicht und drückt keine Szene in Richtung Pathos. Es marschiert vorwärts: unaufhaltsam, leicht bedrohlich, vollkommen cool. Es klingt wie Snake Plissken in musikalischer Form.

In den 99 Minuten Laufzeit bleibt der Film erstaunlich direkt. Es gibt keine langen Erklärsequenzen, große Gefühlsausbrüche oder dramaturgischen Umwege. Carpenter kommt schnell zum Punkt und bleibt dort.

Warum der Film Kult wurde

Nicht alles an «Escape from New York» ist elegant. Manche Figuren sind dermaßen überzeichnet, dass sie aus dem Storyboard eines Comics stammen könnten. Die Dialoge sind zuweilen so knapp, dass sie an Comic-Panels erinnern. Und die Logik des Plots hält einer strengen Prüfung nicht immer stand.

Brain und Maggie gehören zu den Figuren, die wirken, als hätten sie schon lange vor Snakes Ankunft gelernt, in Manhattan zu überleben.
Brain und Maggie gehören zu den Figuren, die wirken, als hätten sie schon lange vor Snakes Ankunft gelernt, in Manhattan zu überleben.
Quelle: Studiocanal

Aber genau das macht den Ton aus: dreckig, lakonisch, cool, ein bisschen absurd und irgendwo tief im Herzen doch absolut ernst gemeint. Der Film glaubt an seine eigene Prämisse. Er ist keine Parodie auf das Subgenre. Er ist das Subgenre in seiner damals reifsten Form.

Carpenter selbst beschreibt den Film rückblickend als «eine dunkle, spaßige Zukunftsabenteuer-Geschichte» und hebt vor allem die bleibende Kraft von Snake Plissken hervor. Die Figur, so Carpenter, sei größer als der Film geworden. Das ist ein Zeichen dafür, dass Russell und er etwas getroffen haben, das über das Genrekino hinausweist.

Der kulturelle Nachhall ist bemerkenswert. Snake Plissken taucht als direktes Vorbild für Big Boss in der «Metal Gear»-Videospielreihe auf. Hideo Kojima hat das oft und gerne bestätigt. Die dystopische, von Zynismus durchtränkte Heldengestalt, die sich weigert, ein Held zu sein, wurde zu einem Bauplan, der in den folgenden Jahrzehnten immer wieder kopiert, variiert und zitiert wurde.

Von Carpenter zu Kojima: Snake Plisskens Silhouette wurde auch im Videospiel zur Blaupause des beschädigten Antihelden.
Von Carpenter zu Kojima: Snake Plisskens Silhouette wurde auch im Videospiel zur Blaupause des beschädigten Antihelden.
Quelle: Studiocanal / Konami

Es gab Comicserien (die kurzlebigen «Snake Plissken Chronicles» von CrossGen, 2003), Pläne für ein Videospiel von Namco mit Russells Stimme und Gesichtszügen, die leider nie über das Prototypenstadium hinauskamen, aber der Geist der Figur lebt in Dutzenden von Nachkommen weiter.

Das Jubiläum 2026: Warum Snake wieder passt

45 Jahre später hält Hollywood das für einen guten Moment, um den alten Stoff neu aufzurollen. Im April 2026 bestätigt StudioCanal auf der CinemaCon in Las Vegas, dass eine vollständige Neuverfilmung in Entwicklung ist. Und wenige Wochen danach, Anfang Juni, meldet der Hollywood Reporter, dass Zack Snyder als Regisseur und Drehbuchautor gewonnen werden konnte.

Das klingt groß. Vor allem wirft es eine Frage auf, in der fast alle Probleme eines neuen «Escape from New York» stecken: Warum ist dieser Film so verdammt schwer neu aufzulegen?

An Versuchen hat es nicht gemangelt. Seit den späten 2000ern wandert der Stoff durch verschiedene Entwicklungsphasen, mit wechselnden Regisseuren, Schauspielern und Ansätzen. Keine Version wurde realisiert.

Diese lange Vorgeschichte erzählt mehr als nur das übliche Hin und Her in Hollywood. Sie zeigt, wie schwer sich der Stoff greifen lässt. Die Prämisse ist einfach zu verkaufen: ein abgeriegeltes Manhattan, ein Präsident in Gefahr, ein zynischer Einzelgänger unter Zeitdruck. Aber «Escape from New York» lässt sich nicht allein über Plotmechanik neu bauen. Der Film lebt von Ton, Dreck, Lakonie und einer Hauptfigur, die sich jeder Vereinnahmung entzieht.

Dass nun ausgerechnet Zack Snyder mit einer neuen Version verbunden wird, wirkt deshalb weniger wie eine Lösung als wie eine Zuspitzung des Problems. Zack Snyder steht für ikonische Bilder, Pathos und starke visuelle Überhöhung. Genau darin liegt die Gefahr. Sein Kino neigt dazu, Größe mit Tiefe zu verwechseln. Es stapelt Pathos, Zeitlupe und Bedeutungsgesten aufeinander, findet aber selten zu echter Ambivalenz oder innerer Spannung. «Watchmen» bleibt sein interessantester Film, vielleicht gerade deshalb, weil die Vorlage seinem Hang zur Überhöhung ein stärkeres Fundament gab.

Für «Escape from New York» wäre dieser Ansatz fatal. Carpenters Film funktioniert nicht, weil er monumental sein will. Er funktioniert, weil er trocken, knapp und schmutzig ist. Seine Coolness entsteht aus Verweigerung und Wortkargheit.

Augenklappe, schwarzes Shirt, misstrauischer Blick: Snake Plissken braucht keine große Einführung.
Augenklappe, schwarzes Shirt, misstrauischer Blick: Snake Plissken braucht keine große Einführung.
Quelle: Studiocanal

Gerade deshalb passt Snake wieder in die Gegenwart. Viele Motive des Films sind erstaunlich vertraut geblieben: das Misstrauen gegenüber Institutionen, die Angst vor Kontrollverlust, die Großstadt als Ort von Versprechen und Überforderung zugleich.

«Escape from New York» ist aus einem solchen Unbehagen gewachsen. Carpenter machte daraus keine politische Analyse, sondern eine Genrefantasie mit erstaunlich klarem Instinkt: Solche Geschichten brauchen keine strahlenden Helden. Es reicht jemand, der seinen Job macht und danach sofort wieder verschwindet.

Snake Plissken würde das am allerbesten verstehen.

Titelbild: Studiocanal

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