Die No Make-up Make-up Challenge

Armin Tobler
Armin Tobler
Zürich, am 13.05.2020
Schnitt: Armin Tobler
Video: Stephanie Tresch
Mitarbeit: Natalie Hemengül
Ein vermeintlicher Schönheitsmakel, 100 Franken und eine Mission: Schmink dich so, dass es niemand sieht.

Seit die Menschheit existiert, kommentiert jeder meine dunklen Augenringe. Die Primargspänli: «Der Pandabär kommt.» Die Lehrer: «Waren die Hausaufgaben zu streng?» Meine Ex-Freundin: «Hast du zu viel gekifft? Ich mach Schluss mit dir!» Oder nonchalant morgens um acht Uhr auf der Arbeit: «Ui, du siehst aber heute wieder müde aus.» Aussagen wie diese kratzen an meiner Selbstverliebtheit, die ich meinem freshen, jugendlichen Aussehen verdanke. Eine Mischung aus asiatischen Genen und dem eiskalten Thurgauer Quellwasser, das ich mir jeden Morgen ins Gesicht träufle. Das hat mir Pharell Williams beigebracht.

Eine Frage des Alters

Dennoch wurde ich erst kürzlich mit meinen 35 Jahren auf 26 geschätzt. 26! Fünf Jahre zu alt. Die magische Zahl war immer 21. Es heisst ja auch forever 21 und nicht forever 35. Was ist passiert? Ist mein Job als Videocutter bei Galaxus doch mehr eine Tortur als eine Freude? Und während ich die Schuld bei meinem Arbeitgeber suche, finde ich bei ihm auch meine Rettung: Natalie Hemengül. Editorin, erfahrene Beauty-Bloggerin und die gutmütige Seele der Redaktion. Denn nach stundenlangem Bingewatchen von «RuPaul's Drag Race» und «Glow up» auf Netflix will auch ich meine dunklen Augenringe loswerden und ganz nach Beauty Slang Manier «slayen», «fierce» sein und hören, wie mir wildfremde Leute energisch hinterherrufen «You go guuuurl». Nati hilft mir dabei.

Ich an meiner Sweet Sixteen Party
Ich an meiner Sweet Sixteen Party
Zwei Jahre später.
Zwei Jahre später.

Bye bye darkness my old friend

«If you can’t love yourself, how in the hell are you gonna love somebody else! Can I get an amen?»
RuPaul, Drag-Legende

Amen. Also weg mit dem dunklen Schatten. Als passionierter Dokumentarfilmer halte ich den Selbstversuch auf Video fest. Natalie schlägt einen «No Make-up Make-up» Look vor. Also ein Make-up, bei dem du nicht siehst, dass ich Make-up trage. Aus der Idee wird eine Challenge: Jeder von uns erhält ein Budget von 100 Franken, um sich die nötigen Produkte zu besorgen. Später versuchen wir, uns mit unserer Ausbeute so natürlich wie nur möglich zu schminken.

Als Make-up-Neuling recherchiere ich zuerst, dann geht's ab auf den Galaxus-Shop. Mir scheint the sky is the limit. Mit hundert Franken kann ich mir bestimmt tausend Dinge kaufen. Not. Fünf Artikel später bin ich schon bei 97 Franken. Totale Überforderung macht sich breit, weshalb ich mich von da an nur noch auf mein Bauchgefühl verlasse. Ich setze auf Produkte, deren Namen meine Person beschreiben: «Master Prime», «Fite me!», «der Löscher», «Sensational» und «Original». Kaum habe ich mich für ein Produkt entschieden, folgen weitere Fragezeichen: Bestelle ich überhaupt die richtigen Farben für meinen Hautton? Bin ich süss wie «18 Raw Chocalate» oder «04 Honey»?

Meine Auswahl findest du hier.

Natalies Auswahl findest du hier.

Wie sich die Produkte auf unseren Gesichtern machen, erfährst du im Video oben.

Natürlich, aber zu welchem Preis?

Während ich enthusiastisch für das Nachher-Bild posiere, als wären es die Fotos für meine imaginäre Setkarte, steigt die Aufregung darüber, mein neues Ich der Welt zu präsentieren. Zurück im Büro s-m-i-s-e (smile with your eyes) ich mir meinen Weg zurück an das Pult. Keine Reaktion. Ich sitze im Tram, begrüsse mit meinem Glow meine Mitpassagiere. Keine Reaktion. Zuhause, in meiner WG angekommen, slaye ich durch das Wohnzimmer. Keine Reaktion. Dann aber die Reaktion am nächsten Tag, als mich meine Arbeitskollegin fragt, ob ich genug geschlafen habe. Ich suche die Toilette auf, schaue in den Spiegel. Da ist sie, die Reaktion. Eine allergische. Meine Augen sind verschwollen. Wie mir später zugetragen wird, hätte ich das Make-up abends vor dem Schlafengehen abwischen müssen. So viel Aufwand, für eine Natürlichkeit, die unsere Gesellschaft als solche empfindet? Ich lass es künftig lieber sein und sage: Hello darkness my old friend.

32 Personen gefällt dieser Artikel


Armin Tobler
Armin Tobler

Video Editor, Zürich

Liest du das hier wirklich? Ja, dann hallo!

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren