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Pia Seidel
Hintergrund

Dieser Stuhl entstand im Gefängnis: 7 Entdeckungen von der Designmesse EDIT Napoli

Pia Seidel
28.10.2026
Bilder: Pia Seidel

Statt ein paar Tausend hat die EDIT Napoli «nur» über 100 Ausstellende. Ich war dort und habe die Menschen getroffen, die die Objekte mit eigenen Händen gemacht haben: eine Deckenleuchte aus Styropor, ein Waschtisch von der Töpferscheibe, Stühle aus Sturmholz, gebaut von Inhaftierten. Sieben Stationen sind mir geblieben.

Die EDIT Napoli ist nicht die Messe, auf der du Neuheiten abhakst. Die gezeigten Studios sind kleine Manufakturen, die ihre Sachen selbst produzieren und vertreiben. Keine Konzernstände. Die kuratorische Arbeit beginne «bei den Ausstellerinnen und Designern, ihrer Forschung und den Fragen, die ihre Objekte prägen», sagt Kuratorin Domitilla Dardi in der Mitteilung zur Messe.

Das verändert, wie du dich bewegst. Du stehst neben der Person, die das Produkt gemacht hat, und fragst sie, woraus es besteht. Meistens bekommst du eine andere Antwort, als du erwartest. Nämlich keine über ein Material, sondern eine über Menschen. Wer daran mitgebaut hat. In welcher Werkstatt. Bei einem Stuhl führte die Antwort in eine Haftanstalt bei Mailand.

1. Material aus einem Kilometer Radius

Rate mal, woraus diese Deckenleuchte besteht. Glas? Papier? Beides falsch. Es ist Styropor. Genauer: Transportschaum, den Lucas Muñoz Muñoz und die Werkstatt Ex-Debris im Umkreis von genau einem Kilometer rund um ihr Studio im Madrider Quartier Tetuán eingesammelt haben. «Urbane Entnahme» nennt Muñoz das Prinzip («urban extraction»). Der Radius ist keine Willkür, sondern eine Regel: Was weiter weg liegt, kommt nicht infrage. So verwandle das Studio «kurzlebige Industrierückstände in bedeutungsvolle, langlebige Objekte», sagt er.

Die Leuchte hing im Palazzo Cellamare mitten in Chiaia, zusammen mit Arbeiten von fünf weiteren spanischen Designerinnen und Designern.
Die Leuchte hing im Palazzo Cellamare mitten in Chiaia, zusammen mit Arbeiten von fünf weiteren spanischen Designerinnen und Designern.
Transportschaum aus Madrids Quartier Tetuán, im Umkreis von einem Kilometer eingesammelt.
Transportschaum aus Madrids Quartier Tetuán, im Umkreis von einem Kilometer eingesammelt.

Die Form der Deckenleuchte zitiert die Farolillos Granadinos, die traditionellen Laternen aus Granada. Nur ersetzt der Schaumstoff dort beide Materialien auf einmal, Glas und Metall. Dass Styropor lichtdurchlässig ist, weisst du eigentlich. Dass es dabei so warm leuchtet, nicht.

Das Entscheidende aber ist die Oberfläche. Du siehst ihr an, was sie vorher war: Die Formen der Verpackung bleiben stehen.

Dass Abfall nicht nach Abfall aussehen muss, war auf dieser Messe ein Thema. An einem weiteren Stand erinnerte er optisch an Stein.

2. Möbel, die aussehen wie Stein

Das Studio Debonademeo hat für den Hersteller Chroma Composites eine Möbelkollektion entworfen, die aussieht, als käme sie aus einem süditalienischen Steinbruch. Tatsächlich besteht sie aus einem mineralischen Verbundwerkstoff mit recycelten Zuschlagstoffen.

Diese Vasen, Sideboards und Beistelltische erinnern an Terrazzo.
Diese Vasen, Sideboards und Beistelltische erinnern an Terrazzo.
Aus der Nähe wirkt die Fläche wie polierter Stein, dabei ist sie gegossen.
Aus der Nähe wirkt die Fläche wie polierter Stein, dabei ist sie gegossen.
Die Muster stammen von Böden, Wänden und Terrassen Süditaliens.
Die Muster stammen von Böden, Wänden und Terrassen Süditaliens.
Die Farben werden von den Splittern des Materials geprägt, …
Die Farben werden von den Splittern des Materials geprägt, …
… sowie dessen Muster.
… sowie dessen Muster.

«Due/Sicilie» spielt auf das historische Königreich beider Sizilien an. Debonademeo hat sich dafür in Süditaliens Kirchen, Palästen und auf den Piazze die Böden, Wänden und Textilien angeschaut: uralte Dekormuster, die das Studio wie ein Alphabet behandelt. Vasen, Beistelltische und weitere Objekte setzen diese Zeichen neu zusammen, in einfachen Formen und mediterranen Farben. Je nach Lichteinfall wirkt dieselbe Fläche flach oder dreidimensional.

3. Kørrom: von der Agentur zur Werkbank

Zwanzig Jahre lang führte Jeremy Hollister eine international tätige Kreativagentur in New York. Heute lebt er in Schottland und arbeitet mit heimischem Holz, Schiefer, Stahl und feinen Furnieren für sein Studio namens Kørrom.

Jede Leuchte trägt ihre eigene Maserung, mal in Rot, mal in Blaugrau, mal in Schwarz.
Jede Leuchte trägt ihre eigene Maserung, mal in Rot, mal in Blaugrau, mal in Schwarz.
Kabellos dank herausnehmbarem Akkulicht.
Kabellos dank herausnehmbarem Akkulicht.

Die Entwürfe haben einen grafischen Zug: klare Kanten, harte Kontraste. Jeder Schirm ist ein Block mit einer Maserung, die aussieht wie eine Topografie oder ein Fingerabdruck. Der Sockel trägt dasselbe Muster fort.

Ein Detail hat mir besonders gefallen: Das Leuchtmittel läuft mit Akku und lässt sich herausnehmen. Bei so vielen kabellosen Lampen ist es fest verbaut. Hier nicht.

4. Wenn Keramik die Struktur ist

Terzofoco behandelt Keramik nicht als Belag, sondern als tragende Masse. Die Kollektion LuneUp H2O von Emanuel Gargano war in Neapel erstmals vollständig zu sehen, mit freistehendem Waschtisch, Pouf und einer Badewanne als grösstem Stück. Auf der Töpferscheibe gedreht ist nur der Waschtisch, und zwar komplett. Die Wanne besteht aus Schamotte.

Der Keramikkörper ist nicht über eine Konstruktion gestülpt, er selbst ist die Konstruktion.
Der Keramikkörper ist nicht über eine Konstruktion gestülpt, er selbst ist die Konstruktion.
Detail-Liebe: Hier hat's Platz für Blumen und mehr.
Detail-Liebe: Hier hat's Platz für Blumen und mehr.
Waschtisch und Wanne funktionieren drinnen wie draussen.
Waschtisch und Wanne funktionieren drinnen wie draussen.

Schamotte hat einen spannenden Nebeneffekt: Sie hält das Wasser länger warm als andere Materialien.

5. Chiara Lionello: Objekte, die auf eine Geste warten

Chiara Lionello hat 2025 den Messepreis gewonnen und durfte dieses Jahr deshalb gratis ausstellen. Die Architektin und Forscherin aus Mailand entwirft Objekte, die absichtlich unfertig sind. «Inserti» ist eine Vasenserie aus zwei Teilen: eine handgefertigte Keramikvase und ein schmaler Steg aus eloxiertem Aluminium, der am Rand sitzt und die Blumen hält. Erst zusammen ergeben sie eine kleine Architektur. Und schon ohne Blumen ist das ein Hingucker: glänzend graue Glasur, ein schräg abfallender Rand, dazu der orangefarbene Steg.

«Inserti» aus Keramikvase und Aluminiumsteg: Der orangefarbene Steg hält die Blumen.
«Inserti» aus Keramikvase und Aluminiumsteg: Der orangefarbene Steg hält die Blumen.
Nicht das Objekt steht im Zentrum, sondern die Handbewegung, die es auslöst.
Nicht das Objekt steht im Zentrum, sondern die Handbewegung, die es auslöst.

Auch «Cestina» wartet auf eine Handlung: ein mundgeblasener Krug mit einem übergrossen farbigen Henkel. Vorbild sind die Hanakago, die traditionellen japanischen Körbe für Ikebana. Der Henkel ist bewusst so gross, dass du den Krug anders greifst als herkömmliche Kannen: langsamer, aufmerksamer. Aus dem Wassereingiessen wird fast ein kleines Ritual.

Dass ein Entwurf verändert, wie Menschen sich verhalten, hat an dieser Messe aber niemand so deutlich gezeigt wie das nächste Projekt.

6. Tempesta: Stühle aus dem Gefängnis

Das Möbel, das mich am längsten beschäftigt hat, wurde in der Schreinerei der Haftanstalt Monza bei Mailand gebaut. Das Holz stammt von Stadtbäumen, die einem Sturm zum Opfer gefallen sind. Daher der Name Tempesta, italienisch für Sturm. Über vier Monate haben dort drei Gruppen zusammengearbeitet: Inhaftierte, Schreiner und das Team von Monoferments. Erfahrene Hände und welche, die gerade lernten. Entstanden ist ein Stuhl. «Tempesta in Galera» heisst dieser Teil des Projekts, auf deutsch so viel wie «Sturm im Knast».

Vom Sturm zeigt das Holz keine Spur mehr.
Vom Sturm zeigt das Holz keine Spur mehr.
Das gelbe Element erinnert an einen Blitz.
Das gelbe Element erinnert an einen Blitz.
Dass die Stühle im Gefängnis entstanden, siehst du ihnen nicht an.
Dass die Stühle im Gefängnis entstanden, siehst du ihnen nicht an.

Bei Monoferments beginnt ein Entwurf immer mit dem, was schon da ist. Elise Evaso und Luca Guglieri haben den Zweig 2020 aus ihrem Mailänder Interior-Büro Monostudio heraus gegründet: Italienische Firmen schicken ihre Produktionsreste, daraus entwickelt das Team eigene Rezepturen. Beim Stuhl sind es umgestürzte Bäume statt Fabrikabfall.

Der Stuhl selbst sei nur der Ausgangspunkt, sagt das Team. Es wolle «am Design von Verhalten arbeiten, noch bevor es um das Design des Objekts geht», sagt Evaso. Das klingt gross für einen Stuhl, wird aber konkret, wenn du es weiterdenkst: Er lässt sich mit wenigen Werkzeugen und einfachen Fertigkeiten bauen, auch dort, wo normalerweise keine Designproduktion hinkommt. Jedes Stück ist ein Unikat und trägt die Spuren des Holzes und der Menschen, die es gebaut haben.

7. Common Ground: fünf Manufakturen, ein Tisch

In der Kirche Santa Caterina da Siena brachte Margherita Rui fünf italienische Manufakturen an einen Tisch, und zwar wörtlich. Glas, Terracotta, Stoff, Keramik und Druck sollten dieselbe visuelle Sprache sprechen, unabhängig vom Material.

Fünf Manufakturen, …
Fünf Manufakturen, …
… ein gedeckter Tisch in der Kirche Santa Caterina da Siena.
… ein gedeckter Tisch in der Kirche Santa Caterina da Siena.
Schwarze Terracottaschale, Gläser und Tischsets folgen demselben Zeichenvorrat.
Schwarze Terracottaschale, Gläser und Tischsets folgen demselben Zeichenvorrat.
Jedes Stück bringt eigene Farben mit, zusammen ergeben sie eine Tafel.
Jedes Stück bringt eigene Farben mit, zusammen ergeben sie eine Tafel.
Auch am Rand des Tischsets wiederholt sich dasselbe Formenspiel.
Auch am Rand des Tischsets wiederholt sich dasselbe Formenspiel.

Am deutlichsten zeigt sich das am gedeckten Tisch selbst. Die Gläser stammen von Nason Moretti, geblasen in Farben mit Namen wie Mirtillo oder Corallo. Die Schale daneben ist schwarze Terracotta von Fornace Brioni, von Hand aus Ton der norditalienischen Po-Ebene geformt und mit kalter Emaille bemalt, kein Stück gleicht dem anderen. Dazu kommen Stoffe von Fortuny, Formen von Imolarte, die es seit 1874 gibt, und Drucke von Amenta Incisioni. Fünf Handschriften, eine gemeinsame Tafel.

Der Tisch wird zu dem, was er schon immer war: ein gemeinsamer Boden.

Was bleibt?

Sieben Stationen, kein gemeinsamer Stil. Was sie verbindet, ist etwas anderes: Hinter kaum einem dieser Objekte steht eine einzelne Person. Es braucht die Werkstatt, die den Schaumstoff schnitzt, die fünf Manufakturen, die ihre Handschrift behalten dürfen, die Menschen, die gerade erst das Schreinern lernen.

Genau das hat mich an die EDIT Napoli gezogen: eine Messe, auf der Design noch nach Werkstatt riecht statt nach Marketing. Ich hoffe, das war nicht mein letzter Besuch.

Interessiert es dich, wer ein Objekt gemacht hat, oder zählt am Ende nur, wie es aussieht?

Titelbild: Pia Seidel

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Mit der Begeisterung eines Cheerleaders feiere ich gutes Design und bringe dir alles näher, was mit Möbeln und Inneneinrichtung zu tun hat. Regelmässig kuratiere ich einfache, aber raffinierte Interior-Entdeckungen, spüre Trends auf und interviewe kreative Köpfe zu ihrer Arbeit. 


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Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.

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