«Fantastic Beasts 3»: Hollywood beugt sich Chinas Zensur – mal wieder

«Fantastic Beasts 3»: Hollywood beugt sich Chinas Zensur – mal wieder

Luca Fontana
Luca Fontana
Zürich, am 14.04.2022

Chinas Regierung zensiert «Fantastic Beasts 3» und Warner Bros. ist damit einverstanden. Es ist nicht das erste Mal, dass sich Hollywood dem Zensur-Wahn fügt. Aber wieso?

Zensur. Keine Seltenheit im Ein-Parteien-Staat China, wo Präsident Xi Jinping bestimmt, was politisch korrekt ist und was nicht. Selbst dann, wenn’s um Hollywood geht. Jüngstes Beispiel ist «Fantastic Beasts: The Secrets of Dumbledore», wie Filmstudio Warner Bros. gegenüber dem Branchenmagazin Variety bestätigt:

«Als Studio verpflichten wir uns, die Integrität jedes Films, den wir veröffentlichen, zu schützen. Das gilt auch dann, wenn nuancierte Schnitte nötig sind, um sensibel auf eine Reihe von Marktanforderungen zu reagieren.»

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Konkret heisst das: Damit der Film in China gezeigt werden darf, akzeptierte das Filmstudio die Bedingung der kommunistischen Partei, sechs Sekunden aus seinem 142-Minuten-Film zu streichen. Mit Erfolg: «The Secrets of Dumbledore» dominierte vergangenes Wochenende die Kino-Charts im Land der Morgenröte, wenn auch aufgrund der aktuellen pandemischen Lage auf sehr tiefem Niveau.

Damit reiht sich die Produktion in der langen Liste der «Made in Hollywood, censored for China»-Filmen ein.


Was genau geschnitten wurde, erfährst du gleich. Aber Achtung: SPOILER-GEFAHR! Hast du den Film noch nicht gesehen, überspringe das nächste Kapitel und lese bei «Die lange Liste von Chinas Hollywood-Zensuren» weiter.


Achtung, Spoiler: Was genau wurde zensiert?

Der Zensur zum Opfer gefallen sind laut Warner-Bros.-Sprecher zwei kurze Dialog-Passagen, in denen Albus Dumbledore (Jude Law) über seine einstige homosexuelle Beziehung zu Bösewicht Gellert Grindelwald (Mads Mikkelsen) spricht:

«Because I was in love with you.»

«The summer Gellert and I fell in love.»

Das Filmstudio beteuert, dass der Rest des Films intakt geblieben und immer noch klar zu verstehen sei, dass es eine innige Beziehung zwischen Dumbledore und Grindelwald gäbe.

Nuancierte Schnitte. Sensible Marktanforderungen. So regelt man das.

Die lange Liste von Chinas Hollywood-Zensuren

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Hollywood dem Diktat Chinas beugt. Zu gross ist das Potenzial des chinesischen Kinomarkts. Filme wie «Warcraft», «Transformers: The Last Knight», «Pacific Rim: Uprising» oder «Ready Player One» haben mehr Geld in China als in den USA eingespielt. Viel mehr. Die Einnahmen aus China haben sogar die Hälfte des internationalen Geschäfts – also ohne das amerikanische – ausgemacht.

Die chinesische Regierung hat längst Notiz davon genommen und entsprechend protektionistisch reagiert: Aktuell dürfen maximal 34 ausländische Filme pro Jahr über chinesische Leinwände flimmern. Offiziell, um den heimischen Filmmarkt zu schützen. Inoffiziell wohl eher, weil die Regierung genau weiss, dass Hollywood dank des begrenzten Kontingents keine andere Wahl hat, als sich der Zensur des Landes zu beugen.

Eine Zensur, die im Namen der «sozialen Stabilität» auf Menschenrechte, Rede- und Pressefreiheit pfeift.

Entsprechend ist «The Secrets of Dumbledore» keine Ausnahme. Mehr die Regel. Im Film «Bohemian Rhapsody» fehlen etwa alle Szenen, die die Homosexualität des von Rami Malek gespielten Freddie Mercury zeigen. Selbst Maleks Oscar-Dankesrede wurde in China zensiert. Das ein Jahr später erschienene Elton-John-Biopic «Rocketman» wurde gar ganz verboten. Genauso wie Marc Forsters Zombie-Apokalypse «World War Z» einige Jahre zuvor. Dort spielt nämlich Schauspieler Brad Pitt mit. Der hat seit seinem 1997er «Seven Years in Tibet» ein generelles China-Kinoverbot.

Sogar «James Bond: Skyfall» wurde erst dann in China gezeigt, als Hinweise auf Prostitution in Macau aus dem Film und chinesische Polizeigewalt im Untertitel gestrichen worden sind. Polizeigewalt gibt’s ja nicht in China.

Laut China nie passiert: Polizeigewalt im Chater Garden in Hong Kong am 19. Januar 2020.
Laut China nie passiert: Polizeigewalt im Chater Garden in Hong Kong am 19. Januar 2020.
Sandra Sanders / Shutterstock

Auch abseits von politischen Themen kennt die Zensurstelle Chinas keine Grenzen, egal wie absurd. Zum Beispiel bei «Mission Impossible: III». Da wurde Tom Cruises Renn-Szene durch Shanghai geschnitten, weil die an Wäscheleinen trocknenden Kleider ein schlechtes Licht aufs Land hätten werfen können. Wer hängt denn seine Kleider schon zum Trocknen auf?

Den Vogel schiesst aber Disneys Familienfilm «Christopher Robin» ab. Der wurde ganz verboten, weil sich im Internet ein paar Leute darüber lustig machten, dass Winnie Puuh wie China-Präsident Xi Jinping aussehe.

Diese Ähnlichkeit. Ja, ganz eindeutig.
Diese Ähnlichkeit. Ja, ganz eindeutig.

Und Hollywood? Dort versucht man gar nicht erst, sich dem Zensur-Gebaren der Kommunistischen Partei Chinas zu widersetzen. Im Gegenteil. Zu viel Geld gibt es im Land der Morgenröte zu verdienen.

Für «Iron Man 3» etwa wurden Szenen eigens für den chinesischen Markt produziert – und nur für diesen. Darin unterhalten sich zwei chinesische Ärzte über die bevorstehende, schwierige Operation am kaputten Iron Man aka Tony Stark. Sollte sie nicht erfolgreich sein und Stark sterben, würde die Welt den Chinesen die Schuld für den Tod des beliebten Helden in die Schuhe schieben. Aber Stark, so der besorgte Chefarzt, sei nun mal sein Freund. Und wenn Stark sich um die Welt kümmert, wer kümmert sich dann um Stark?

Eben. China.

Aber widersetzt sich Hollywood wirklich nur des Geldes wegen der Zensur-Wut Chinas nicht?

Warum Hollywood vor China kuscht

Die Frage mit einem einfachen «es geht darum, mehr Geld zu verdienen» abzutun, wäre zu oberflächlich. Es ist nicht nur so, dass das bevölkerungsreichste Land der Welt einen der grössten Kinomärkte der Welt stellt – wenig überraschend. Vielmehr geht es bei der Unterwerfung Hollywoods darum, dass die einstige amerikanische Traumfabrik ohne den chinesischen Markt wahrscheinlich gar nicht mehr überlebensfähig wäre. Ironisch daran ist, dass Hollywoods Abhängigkeit eine hausgemachte ist.

Begonnen hat sie vor zehn Jahren. Also dann, als die damalige US-Regierung zusammen mit Hollywoods Motion Picture Association – dem Verband der sechs grossen Hollywood-Studios Paramount, Warner Bros., Sony, Disney, Universal und seit 2019 auch Netflix – die Beziehungen zu China intensivieren wollte.

Das Ziel: Den Markteintritt Hollywoods in China zu vereinfachen. Aus Sicht der Studios, um das Potenzial an Ticketverkäufen auszuschöpfen. Aus Sicht der Regierung womöglich, um seinen kulturellen Einfluss auf China zu erhöhen. Wenn die Menschen in China genügend oft amerikanische Filme mit amerikanischen Produkten sehen, dann würden sie diese vielleicht auch kaufen wollen. Alles, was Hollywood im Gegenzug zu tun hatte, war, nun… ein paar nuancierte Schnitte für sensible Marktanforderungen vorzunehmen.

Der Plan ging auf. Tatsächlich erfreuten sich Blockbuster wie «Iron Man 3», «Fast & Furious» oder «Independence Day 2» so grosser Beliebtheit, dass die Nachfrage nach neuen Kinos stieg. Innerhalb wenigen Jahren entstanden Tausende Kino-, Multiplex-Ketten und gar IMAX-Säle im ganzen Land.

Zum ersten Mal boomte die chinesische Kinoindustrie.

Alle wollen China, aber China will nicht (mehr) alle

Was Hollywood nicht bedacht hatte: Der Kino-Boom half auch der chinesischen Filmindustrie. Mehr Kinosäle bedeuten nämlich mehr Einnahmen, die direkt in heimische Filmproduktionen investiert werden konnten. In Produktionen wie «The Wandering Earth» zum Beispiel, den ersten grossen, chinesisch produzierten Live-Action-Sci-Fi-Epos. Ein Meilenstein der Filmindustrie Chinas.

Und ja, der Film ist auf Netflix.

Auf einmal verloren amerikanische Produktionen an Bedeutung in China. Wo 2016 noch fünf US-Produktionen Chinas Jahres-Top-10 dominierten, waren es 2019 noch zwei, 2020 einer und 2021 wieder zwei. Das chinesische Publikum hat sich an Amerikas Gedöns offenbar sattgesehen. Heute bevorzugt es heimische Produktionen und heimische Schauspieler, mit denen es sich identifizieren kann. Produktionen, die die Werte und Propaganda der chinesischen Regierung vertreten. Alle von den Einnahmen einstiger US-Blockbuster finanziert.

Und Hollywood kämpft weiter um ihre Gunst.

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Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.» 


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