Faszination Barbie – Auf den Spuren einer Sammlerin
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Faszination Barbie – Auf den Spuren einer Sammlerin

Natalie Hemengül
Natalie Hemengül
Zürich, am 24.08.2021
Bilder: Thomas Kunz
Etwa 4000 Barbies besitzt Beate Rau. Ein teures Hobby, das sie sich zum Teil vom Kauf und Wiederverkauf seltener Exemplare finanziert. Zu Besuch in einer anderen Welt.

Pinker Hosenanzug, lange braune Haare, blauer Lidschatten und ein perfekt geschwungener Lidstrich. Beate Rau könnte glatt selbst als eine jener Barbiepuppen durchgehen, die sie seit zehn Jahren leidenschaftlich gerne sammelt. Hier in ihrem Reich – ein pinkes Paradies auf 95 Quadratmetern – reiht sich Vitrine an Vitrine, Puppe an Puppe, Kindheitserinnerung an Kindheitserinnerung. Dazwischen Barbie in der Fonduestube, Barbie auf der Bühne mit Kiss, Barbie auf Hawaii. Ein wahr gewordenes Suchbild mit dem Titel «Wo ist Barbie?»

Dabei wäre hier die passendere Frage: Wo ist Barbie nicht?

Beates Shop hat das Zeug zum Museum.
Beates Shop hat das Zeug zum Museum.

Mit «Think Pink» – ihrem Lädeli mitten in der Grenzstadt Kreuzlingen – hat die gebürtige Deutsche sich einen Traum erfüllt. Hier treffen Barbie-Sammler*innen, Kinder und neugierige Nasen wie ich aufeinander.

Beate, wann und wo hast du deine Faszination für Barbie entwickelt? In der Kinderstube?
Beate Rau: Als Kind habe ich viel mit Barbie gespielt. Irgendwann kam die obligatorische Phase, in der das Spielen mit Puppen uncool wurde. Meine Spielgefährtinnen verschwanden in einer Schachtel. Vor zehn Jahren fragte mich meine Mutter dann, ob sie die Schachtel nun wegschmeissen soll. Also schaute ich mir den Inhalt noch mal genau an. Eine Puppe toller als die andere. Und dann die wunderschönen Kleider. Ich brachte es nicht übers Herz und behielt alle.

Der Grundstock deiner Sammlung...
Genau. Aus Interesse begann ich zu googeln. Ich wollte wissen, ob es diese Barbies heute überhaupt noch zu kaufen gibt. Dabei stiess ich auf einen Markt, der sich nur dem Handel von Barbiepuppen widmet und auf dem teilweise wahnsinnig teure Stücke verkauft werden. Mein Interesse war geweckt. Richtig ins Rollen kam das Ganze aber erst nach meinem USA-Urlaub 2009 in Florida. In unserem Hotel fand zufällig die Barbie Convention statt. Ich war irritiert und dachte mir nur: Weshalb laufen Erwachsene mit Barbies in den Händen herum? Ein paar der knapp 2000 Besucher*innen klärten mich dann netterweise auf. Unter ihnen war auch Elisabeth, eine der wenigen Deutschen vor Ort. Sie wurde später zu meiner Sammlerfreundin. Ihretwegen kam auch dieser Laden zustande.

Inwiefern das?
Vor zwei Jahren verstarb Elisabeth leider. Krebs. Sie hinterliess mir einen Teil ihrer Sammlung unter der Voraussetzung, dass ich etwas daraus machen würde. Sie wollte nicht, dass ihre langjährige Sammlung von heute auf morgen verkauft und in alle Winde zerstreut wird. Der Gedanke tat ihr weh. Ich versprach ihr, ihren Wunsch zu erfüllen. Also schrieb ich Museen an. Die fanden das Thema Barbie aber einseitig.

Die Fashion Royalty Afro-Fashiondoll im Pop-Art-Zimmer.
Die Fashion Royalty Afro-Fashiondoll im Pop-Art-Zimmer.

Wenn ich mich hier umschaue, sieht das alles andere als einseitig aus…
Das sehe ich auch so. Mir wurde klar, dass ich die Sache selbst in die Hand nehmen muss.

Du sammelst nicht nur Barbies, sondern bist auf deinem Webshop und hier im Laden als Wiederverkäuferin tätig. Wäre es nicht einfacher, deine Verkäufe ausschliesslich übers Internet abzuwickeln?
Online ist das, was alle machen. Der Shop setzt ein persönliches Treffen voraus. Übers Internet lerne ich die Menschen nicht so kennen, wie wenn sie zu mir in den Shop kommen. Der persönliche Kontakt mit Gleichgesinnten ist mir sehr wichtig in meinem Hobby. Das geht mit einem physischen Shop leichter. Im Internet bin ich eine Nummer unter vielen. Wenn Interessierte bei mir vorbeischauen, wir quatschen, ich ihnen Dinge zeigen und erklären kann, dann ist das eine völlig andere Sache. Auch für die Kundschaft ist es schön, etwas zu kaufen, das sie vorher in der Hand hatten und begutachten konnten. Der Treffpunkt schafft einen Mehrwert.

Think Pink, das Motto wird gelebt.
Think Pink, das Motto wird gelebt.

Du bezeichnest Barbie immer als Hobby. Die wenigsten Menschen mieten für ihr Hobby eine Ladenfläche. Wie finanzierst du das Ganze?
Allein durch die Verkäufe auf jeden Fall nicht (lacht). Ich arbeite nebenher an der Universität Zürich als Laborantin. Im Laden bin ich lediglich samstags oder auf Kundenanfrage.

Ich nehme an, die meisten Puppen aus deiner Sammlung befinden sich hier im Laden?
Im Gegenteil. Der grösste Teil meiner Sammlung ist bei mir zu Hause. Bis auf ein paar wenige Displays und Einzelstücke ist das meiste von dem, was du hier siehst, verkäuflich.

Ich stell mir dein Zuhause ein bisschen so vor wie deinen Shop.
Nein, so sieht’s da nicht aus (lacht). Ich habe einen speziellen Raum für meine Barbies. Es gibt Leute, die ihre Leidenschaft gerne ständig um sich herum haben. Ich selbst grenze das lieber ab. Und wenn ich samstags hier bin, dann habe ich ohnehin den ganzen Tag nur Barbies um mich herum. Da brauche ich daheim nicht auch noch das volle Programm. Es ist wie bei einem Kinderzimmer. Das hat man auch nur, damit die Spielsachen nicht überall herumliegen. Aber ich gebe zu, hin und wieder schleicht sich auch bei mir natürlich was in die Wohnung.

Die vorwitzige Barbie.
Die vorwitzige Barbie.

Welches Gefühl gibt dir das Sammeln?
Es ist in erster Linie Stolz, wenn aus einer Barbie zwei werden, dann drei, vier etc. Und plötzlich hast du eine Gruppe oder Reihe zusammen und erfreust dich am Gesamtbild. Und dann sind da noch die Glücksgefühle, die entstehen, wenn ich meine Freude mit Gleichgesinnten teilen und mich austauschen darf. Wenn ich sehe, dass jemand eine Puppe besitzt, die ich unbedingt auch möchte, dann ist das toll. Ich kriege mich dann kaum ein vor Freude und fotografiere sie.

Wie kommst du an deine Barbiepuppen?
Ich gehe weltweit auf Barbie-Börsen und -Messen. Die Sammler-Convention in den USA dauert zum Beispiel eine Woche. Dort kaufe, verkaufe und tausche ich Puppen und nehme an Workshops teil. Auch Mattel, der Hersteller der Barbie, ist dort vor Ort. Dieses Jahr fand das Event leider nur virtuell statt. Das war mühsam wegen der Zeitverschiebung. Ich sass um Mitternacht vor meinem Bildschirm. Aber es hat sich gelohnt, denn ich lerne jedes Mal wieder etwas Neues über den geschichtlichen Hintergrund von Barbie. Diesmal stand das Thema Diversität auf dem Plan. Das finde ich das Spannende an Barbie. Letztendlich spiegelt sie stets den Zeitgeist wieder.

Barbie als Spiegel der Gesellschaft? Das musst du mir erklären...
Seit den 60ern, also seit es Barbie gibt, ist historisch so vieles passiert. Barbie war dabei stets ein Abbild der Gesellschaft und hat sich mit ihr weiterentwickelt. In jedem Jahrzehnt haben sich die Hersteller folgende Fragen gestellt: Was für Puppen produzieren wir? Was für Kleider? Was für eine Kampagne? Quasi Barbie im Wandel der Zeit. Ein Beispiel: Die Kollektion «Barbie and the Rockers» wurde inspiriert von den 80er-Jahren. Zeiten, in denen Madonna und Cindy Lauper angesagt waren. Alles war bunt und in Neon gehüllt. Also wurde auch Barbie so abgebildet.

Ein paar der wenigen Nicht-Mattel-Puppen in Beates Laden: die Band Kiss aus dem Jahr 1977 von Mengo.
Ein paar der wenigen Nicht-Mattel-Puppen in Beates Laden: die Band Kiss aus dem Jahr 1977 von Mengo.

Auf welche Barbie bist du ganz besonders stolz?
Auf die «One Of A Kind». Die gibt es in der Form nur einmal auf der Welt.

Wie kommt es, dass du sie besitzt?
Es gibt mehrere dieser «One Of A Kind»-Dolls. Dabei bezieht sich die Einzigartigkeit auf das Kleid, das von einem römischen Designer handgenäht wurde. Ich habe sie auf einer Convention für 2000 Franken ergattert. Es gibt viele Sammler und Sammlerinnen, die sagen, sie wollen eine ganz spezielle Puppe, die so niemand anderes hat. Auch dafür gibt es eine Nische im Markt.

Diese Barbie gibt es nur einmal auf der Welt. Zumindest in dem Outfit.
Diese Barbie gibt es nur einmal auf der Welt. Zumindest in dem Outfit.

Weshalb sind manche Barbies schwieriger aufzutreiben als andere?
Hier spielt die Anzahl der produzierten Exemplare eine grosse Rolle. Mattel teilt seinen Kollektionen unterschiedliche Labels zu: Pink, Black, Silver, Gold und Platinum. Platinum ist das wertvollste Label. Unter diesem Label werden nie mehr als 1000 Exemplare hergestellt. Das Pink-Label ist hingegen die Playline, darunter läuft die handelsübliche Spielpuppe. Also Massenware. Durch die Labels entsteht eine Abstufung. Ausserdem führen Läden in der Regel nur die neueste Ware. Alles was älter als ein Jahr ist, fliegt raus. Dafür gibt es dann Wiederverkäuferinnen wie mich, die ältere Modelle aufspüren können.

Je älter und seltener eine Puppe also ist, desto teurer. Ist die Gleichung so simpel?
Natürlich spielt auch der Zustand eine Rolle. Immer mal wieder halten mir Leute eine uralte, zerbissen und zerfledderte Puppe unter die Nase und gehen davon aus, dass sie viel wert ist. Ich verweise dann auf meinen Mülleimer. Eine Bild-Lilli mit gebrochenem Fuss und ohne Nägel ist nichts mehr wert.

Was bitteschön ist denn eine Bild-Lilli?
Barbies Vorgängerin. Barbie gibt's seit 1959. Mattel hat sich die Idee dazu bei der deutschen Bild-Zeitung abgeguckt. Damals gab es in der Bild-Zeitung eine Comicfigur namens Lilli, optisch angelehnt an Brigitte Bardot. Die Bild entschied sich, Lilli für die männliche Leserschaft als Aufstellpuppe herauszubringen. Somit war die Bild-Lilli die allererste weibliche, käufliche Puppe. Damals kostete sie eine Mark fünfzig. Heute je nach Zustand zwischen 2000 bis 5000 Franken.

Die Bild-Lilli mit einer Bild-Zeitung in Miniaturform. Hübsch und creepy zugleich.
Die Bild-Lilli mit einer Bild-Zeitung in Miniaturform. Hübsch und creepy zugleich.

Wie wurde aus einer Lilli eine Barbara?
Mattel hat das mitgekriegt und der Bildzeitung die Rechte abgekauft, um etwas Ähnliches als Spielpuppe für Kinder herauszubringen. Die «Nummer 1»-Barbie wurde geboren. Damals wurde sie noch in einer Kartonage verkauft. Da war kein Plastik. Und sie war «Made in Japan», weil sie dort von Hand bemalt wurde. Deshalb sehen die Augen jeder Nummer 1 anders aus.

Ich hätte schwören können, dass die erste Barbie blond war? Wieso ist denn dein Exemplar brünett?
Es gab dieses Modell auch in blond. Weil es aber dreimal mehr blonde Exemplare gibt als brünette, entschied ich mich für die seltenere Puppe. Die können heute bis zu 25 000 Fr. wert sein. Eine Nummer 1 zu besitzen ist der Traum jedes Sammlers und jeder Sammlerin. Da ist Sparen angesagt.

Die originale Nummer 1 von 1959.
Die originale Nummer 1 von 1959.

Wie viele Puppen besitzt du heute?
Gezählt habe ich sie nicht. Bei 100 habe ich aufgehört. Aber wenn ich hochrechne, dürften es um die 4000 sein.

Wieso hast du dich überhaupt entschieden, Barbies zu verkaufen? Du könntest sie auch einfach nur sammeln.
Spätestens nachdem ich praktisch alle Puppen doppelt besass, lag die Entscheidung auf der Hand.

Moment, wieso sollte jemand eine Puppe doppelt besitzen wollen?
Zum Beispiel weil die eine in einem besseren Zustand ist als die, die du bereits besitzt. Meine Sammlung habe ich mit Stücken begonnen, die nicht ganz so perfekt waren. Angekaute Gliedmassen, unschöne Haare. Die habe ich wieder hergerichtet und verkauft und mir so das Geld für meine nächste Anschaffung besorgt. Und so weiter. Mittlerweile hat sich meine Sammlung durch diesen Kreislauf von Kaufen und Verkaufen vergrössert. Ein anderer Grund könnte sein, dass du eine Puppe in ihrer ungeöffneten Originalverpackung – die ist immer am meisten Wert – besitzen willst und dieselbe noch einmal, um sie auszupacken. Zudem bastle ich auch gerne mal an Puppen herum, style, frisiere und schminke sie. Auf Anfrage fertige ich auch «Mini-Me»-Puppen an. Dazu brauche ich lediglich ein Foto der Person, der die Puppe ähnlich sehen soll.

Die Labor-Barbie aus der Playline-Serie «We can do anything».
Die Labor-Barbie aus der Playline-Serie «We can do anything».

Verkaufst du auch mal Stücke, die du nicht doppelt besitzt?
Ja, das kommt vor.

Blutet da nicht dein Sammlerherz?
Es ist immer ein Abwägen. Sehe ich etwas, das ich lieber besitzen möchte und das mir mehr am Herzen liegt, trenne ich mich auch mal von einem guten Stück, um es mir finanzieren zu können.

Hast du schon mal aus Versehen ein Stück stark unter Wert verkauft?
Bisher ist mir so ein Fall nicht bewusst. Das würde ich im Nachhinein ehrlich gesagt auch nicht wissen wollen, sonst ärgere ich mich bloss (lacht). Aber das kann schon mal passieren. Mattel hat in den verschiedensten Regionen Barbies produziert: Taiwan, Japan, Brasilien etc. Auf all diesen Märkten gab es Linien und Kollektionen, die lediglich dort verfügbar waren. Wenn man zum Beispiel nicht jedes dieser einzelne Barbie-Kleidungsstücke kennt, kann es schon mal vorkommen, dass man ein Stück nicht zuordnen kann und unter Wert verkauft.

Jubiläumsschuhe zu Barbies 60. Geburtstag.
Jubiläumsschuhe zu Barbies 60. Geburtstag.

Mittlerweile gibt es ja so ziemlich alles Mögliche im Barbie-Kostüm. Schminke, Schürzen, Bücher, selbst deine Schuhe stammen aus einer Barbie-Kollektion. Lässt alles, was mit Barbie zu tun hat, dein Herz höherschlagen, oder schüttelst du hin und wieder mal den Kopf?
Hinten in der Vitrine siehst du Schminksachen der Marke «Pur» aus deren Barbie-Kollektion. Mir gefiel das Design, die Farbwahl und das vegane, tierversuchsfreie Konzept der Marke. Da gehört für mich noch ein bisschen mehr dazu als nur das Barbie-Logo. Ich kaufe gerne Dinge, mit denen ich was anfangen kann. Wie zum Beispiel eine Barbietasche für meine Conventions oder die Schuhe, die ich gerade trage. Die habe ich mir zu Barbies 60-Jahr-Jubiläum gekauft. Die Grenze ziehe ich bei unnützen Dingen. Ich brauche nicht jedes Barbie-Spängeli oder -Söckchen, das auf den Markt kommt. Das hängt auch damit zusammen, dass ich einem regulären Beruf nachgehe. Da renne ich nicht als lebende Barbie herum und möchte auch nicht ständig auf mein privates Hobby angesprochen werden.

Eine letzte Frage: Wieso steht hier mitten im Barbie-Paradies eine grosse Modelleisenbahn?
Menschen, die meinen Shop besuchen, kommen häufig mit Begleitpersonen, die sich nicht unbedingt für Barbies interessieren. Die Eisenbahn sorgt für Abwechslung. Ich möchte, dass dieser Ort für jede*n was bereithält und zum Verweilen einlädt. Für die Eisenbahn ist übrigens mein Mann zuständig. Die ist sein grosses Hobby. Er zeigt Interessierten dann gerne, wie das alles funktioniert. So sind alle zufrieden.

Mattels erstes Barbiehaus von 1961. Damals noch komplett aus Karton.
Mattels erstes Barbiehaus von 1961. Damals noch komplett aus Karton.

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Natalie Hemengül
Natalie Hemengül

Editor, Zürich

Als Disney-Fan trage ich nonstop die rosarote Brille, verehre Serien aus den 90ern und zähle Meerjungfrauen zu meiner Religion. Wenn ich mal nicht gerade im Glitzerregen tanze, findet man mich auf Pyjama-Partys oder an meinem Schminktisch. PS: Mit Speck fängt man nicht nur Mäuse, sondern auch mich.

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