

Olympia ist ein Sportereignis und eine Schreibmaschine – aber warum eigentlich?
Von Cortina d'Ampezzo über Erfurt nach Berlin. Von Hitler bis Heinz Prygoda. Wie eine deutsche Schreibmaschinenfirma Olympia zur Weltmarke gemacht hat.
Olympia – das sind Emotionen, Triumphe, Rekorde. Dieses Jahr sind Cortina d'Ampezzo und Mailand Gastgeber der Winterspiele. Hüter der Spiele ist das Internationale Olympische Komitee (IOC). Es kennt den Wert der Marke «Olympia». Und schützt sie entsprechend streng. So gilt:
Die Nutzung der olympischen Ringe, des Begriffs «Olympia», «Olympiade», «olympisch» sowie Wort-Bild-Marken wie «Paris 2024» oder «Milano Cortina 2026» ist ausschließlich offiziellen Partnern und Sponsoren vorbehalten.
Die «Rule 40» regelt bis ins Detail, was Athleten und Athletinnen dürfen, wann und wie persönliche Sponsoren auftreten dürfen und so weiter und so fort. Die PDFs dazu umfassen zig Seiten.
Wie Hitler Olympia ausnutzte
Damit ist heute unmöglich, was das NS-Regime vor 90 Jahren einfach gemacht hat. Die Olympischen Spiele 1936 fanden in Berlin statt, im Deutschen Reich, seit 1933 regiert von der NSDAP mit Reichskanzler Adolf Hitler. Die Nationalsozialisten wussten um die Kraft der olympischen Idee und nutzten das grösste Sportereignis der Welt skrupellos für ihre Propaganda.

Quelle: Wikimedia Commons
Es ging darum, die körperliche Ertüchtigung und das «Heranzüchten kerngesunder Körper» für einen gesunden «Volkskörper» zu forcieren. Alles bereits mit Blick auf den Einsatz deutscher Soldaten im Krieg. Das deutsche Volk sollte durch erfolgreich durchgeführte Spiele neues Selbstbewusstsein gewinnen. Die Welt sollte ein ordentliches, sauberes, friedliebendes und weltoffenes Deutschland erleben. Alles Antisemitische hatte während der Spiele aus der Öffentlichkeit zu verschwinden, so verfügte das Regime. Das IOC mahnte die Deutschen zwar, die Gastgeberrolle nicht zur Selbstdarstellung zu missbrauchen. Vergeblich, denn das Regime tat alles, um sich mit einem «propagandistischen Gesamtkunstwerk» gut in Szene zu setzen.
Wie «Olympia Büromaschinen» zu ihrem Namen kam
Und damit sind wir bei den Schreibmaschinen. Es lebt heute ziemlich sicher niemand mehr, der 1931 entschieden hat, dass eine Schreibmaschine den Modellnamen «Olympia Modell 7» bekommt. Ich wäre gern Mäuschen gewesen in der Sitzung. Die Vorgängerin hiess einfach nur «AEG Modell 6», gebaut in den Werken der Europa Schreibmaschinen AG in den Werken in Erfurt.
Die Bezeichnung «Olympia» wurde 1936 dann sogar in den Firmennamen aufgenommen, das Unternehmen hiess nun «Olympia Büromaschinenwerke AG, Erfurt». 1936 fanden nicht nur die Olympischen Sommerspiele in Berlin statt, sondern auch die Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen. Ganz Deutschland war im olympischen Fieber. «Olympia» war als Begriff nicht geschützt, also schien es eine naheliegende Marketing-Idee, die Popularität auszunutzen. Autohersteller Opel kam auch auf den Gedanken und brachte 1935, also ein Jahr vor den Spielen, das Modell «Olympia» auf den Markt.
Warum Erfurt nach dem Ersten Weltkrieg ein Problem hatte
Erfurt, Hauptstadt des Bundeslandes Thüringen, 220 000 Einwohner, war Anfang des 20. Jahrhunderts eine Art Silicon Valley seiner Zeit. Einblicke in die Industriegeschichte der Stadt bekomme ich im Telefongespräch mit Dr. Steffen Raßloff. Der Historiker erklärt mir, dass in Erfurt bis Ende des Ersten Weltkriegs ein Grossteil der Pistolen und Gewehre für die Soldaten des Kaiserreichs produziert wurden. Seit 1862 gab es in Erfurt die Königlich Preußische Gewehrfabrik. Dr. Raßloff sagt, dass zwei Drittel der Soldaten im Ersten Weltkrieg mit Waffen aus Erfurt ausgerüstet worden waren. Sie bekamen Revolver, Zündnadelgewehre und Karabiner.
Nach der Niederlage Deutschlands im Jahr 1918 war es damit vorbei. Der Versailler Vertrag von 1919 besagte, dass Deutschland bis auf sehr wenige Ausnahmen keine Waffen mehr herstellen durfte. Man versuchte in Erfurt das Verbot zu umgehen und produzierte noch Pistolen. 1923 war aber auch damit Schluss, die Alliierte Kontrollkommission untersagte es.
Was sollte man nun tun? Laut Dr. Raßloff waren 20 000 Beschäftigte ohne Arbeit. Es waren gut ausgebildete Fachleute, Feinmechaniker, die die Präzisionsarbeit beherrschten, die die Produktion von Waffen bedeutete.
Wie die Fachkräfte eine neue Aufgabe bekamen
Die neue Beschäftigung für das gewaltige Reservoir an Fachkräften waren: Büromaschinen. Die AEG aus Berlin erkannte die Chance und beteiligte sich an der neuen Deutsche-Werke-Schreibmaschinengesellschaft mbH, ab 1930 hiess sie dann Europa Schreibmaschinen AG Berlin – Erfurt.
Sie war zur rechten Zeit mit den richtigen Produkten am Start. Von Erfurt aus wurde ein boomender Markt bedient. Ab 1924 wurde das Modell «Mignon» produziert. Das Ur-Modell gab es zwar schon seit 1904, damals noch von AEG in Berlin. In Erfurt aber wurde die Maschine weiterentwickelt. Wobei – das ging für heutige Verhältnisse alles sehr langsam. Bis 1933 gab es gerade einmal vier neue Modelle. In einem Zeitraum von 29 Jahren. Und das letzte Modell, die «Mignon 4», war von 1924 bis 1933 im Verkauf. Man stelle sich vor, ein Smartphone-Hersteller würde heute ein Modell so lange nicht updaten.
Trotzdem war der Erfolg immens. Zwischen 1936 und 1938 produzierten die Fabriken in Erfurt mehr Schreibmaschinen als alle anderen Hersteller in Europa zusammen, weiss Dr. Raßloff aus seinen Recherchen.

Quelle: Wikimedia Commons
Die Ablösung für die «Mignon» hiess «AEG Modell 6». 1925 lanciert, hiess das Modell erst ab 1930 «Olympia». Es handelte sich um eine Klaviaturschreibmaschine, im Prinzip das, was wir heute noch kennen. Die «Mignon» war dagegen eine Zeigerschreibmaschine, bei der man mit einem Zeiger auf Buchstaben auf einem Feld zeigte.

Quelle: Museum Chemnitz

Quelle: Wikimedia Commons
Weitere Modelle aus den Werkstätten in Erfurt hiessen «Filia», «Elite» und «Progreß». Das waren Kleinschreibmaschinen, so kompakt, dass man sie mitnehmen konnte. Kurzer Exkurs in die Schweiz: Das berühmteste Kleinschreibmaschinen-Modell war die «Hermes Baby», hergestellt vom damaligen Schweizer Feinmechanikunternehmen Paillard. Für berühmte Schriftsteller wie Ernest Hemingway oder Max Frisch war die Maschine das, was für uns heute der Laptop ist.

Quelle: Shutterstock
Warum Erfurt die «Enigma» baute
Die Nationalsozialisten sahen die Werke in Erfurt allerdings je länger desto weniger als Schreibmaschinen-Produzenten. Im Zweiten Weltkrieg produzierte Olympia wieder Waffen. Und eine Art ganz besondere «Schreibmaschine»: die «Enigma». Für den Bau brauchte es bestimmte Fähigkeiten, die die Menschen in Erfurt hatten.
Dass die Verschlüsselungsmaschine in Erfurt hergestellt wurde, musste während des Kriegs geheim bleiben, die Arbeiter unterschrieben entsprechende Verträge. Für die deutsche Kriegsmarine war die «Enigma» essentiell, um per verschlüsselten Funknachrichten mit ihrer U-Boot-Flotte zu kommunizieren. Die Briten wollten den Code so schnell wie möglich knacken. Das gelang ihnen zwischen 1940 und 1942 in mehreren Etappen.
Kürzlich wurde in London eine «Enigma» versteigert. Für Dr. Raßloff ist die Auktion eine schmerzliche Erfahrung, wie er mir erzählt. Er hätte sie gerne für das Erfurter Stadtmuseum gehabt, aber die Maschine ging für mehr Geld, als die Stadt sich hätte leisten können an einen anderen Bieter.

Quelle: Bonhams
Um die «Enigma» ranken sich seit dem Zweiten Weltkrieg viele Geschichten, Autorinnen und Autoren liessen sich zu Büchern und Filmen inspirieren, zum Beispiel «Alan Turing: The Enigma», 2014 mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle verfilmt.
Wie es nach dem Krieg zur Spaltung kam
1945 endete der Zweite Weltkrieg, Deutschland hatte kapituliert. Erfurt war von grossflächigen Zerstörungen durch Bombenangriffe verschont geblieben. Aber die Olympia-Werke brannten nach Artilleriebeschuss beim Einmarsch der US-Amerikaner aus.
Die Arbeiter machten sich daran, die Schäden zu beheben und nahmen bald wieder die Produktion von Schreibmaschinen auf, neu als Sowjetische Aktiengesellschaft firmierend. 1948 hatte das Olympia-Werk bereits rund 64 000 Schreibmaschinen produziert, immerhin 60 Prozent der Vorkriegsproduktion. Etwa 4500 Beschäftigte standen an den Bändern.
Ab 1950 waren die Erfurter keine Olympia-Arbeiter mehr, sondern Beschäftigte des VEB Optima Büromaschinenwerk Erfurt. Denn nach 1945 hatten sich einige ehemalige Olympianer aus der sowjetischen Besatzungszone gen Westen abgesetzt, mitsamt wichtigen Konstruktionsunterlagen. In Wilhelmshaven etablierten sie ein neues Olympia-Werk. Es folgte ein Rechtsstreit darüber, wer den Namen behalten durfte. Gewonnen hat vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag: Wilhelmshaven. Eine neue Ära begann, wie Dr. Raßloff sagt:
Von da an waren Optima und Olympia knallharte Konkurrenten auf dem Weltmarkt.
In der Blütezeit, etwa von 1950 bis 1970, arbeiten bei Olympia in Wilhelmshaven 20 000 Personen in der Schreibmaschinenproduktion, bei Optima in Erfurt waren es über 6000. Olympia war zeitweise Europas Marktführer. Bei Optima steht im Jahrbuch für 1963, dass man auf dem Weltmarkt den fünften Platz erreicht habe. Im Erfurter Stadtmuseum zeugen zahlreiche Modelle von Welterfolgen, darunter solche mit chinesischen, indischen und japanischen Tastaturbelegungen.
Wie die Digitalisierung das Ende bedeutete
Das Jahr 1979 bedeutete einen Höhe- und zugleich einen Wendepunkt. Optima stellte als einer der ersten Betriebe weltweit eine elektronische Schreibmaschine vor, die «Robotron S 6001». Ab den 1980er-Jahren begann die Digitalisierung und Personal Computer kamen auf. Sie läuteten das Ende der Schreibmaschine ein. Von nun an waren Dinge getrennt, die Schreibmaschinen zuvor in einem Gerät vereint hatten.
Das Management von Olympia war mit dem digitalen Wandel überfordert und hatte keine Lösungen zur Hand. Schon 1992 war Schluss, als die letzte Schreibmaschine vom Typ ES200 vom Band lief.

Quelle: Wikimedia Commons
Bei der Optima im Osten gingen ebenfalls kurz nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung die Lichter aus. Zwar wurde die VEB Optima noch privatisiert und in die Robotron Optima GmbH überführt. 1992 kauften einige Manager sich heraus und gründeten die Optima Bürotechnik GmbH. Diese ging 1999 in die Insolvenz.
Wo Schreibmaschinen noch weiterleben
Bis zum Jahr 2003 spielte die Schreibmaschine noch eine kleine wirtschaftliche Rolle: Sie gehörte zu den Produkten, deren Preise sich angeschaut wurden, um den Verbraucherpreisindex zu bestimmen. Dabei war sie im praktischen Alltag zu diesem Zeitpunkt bereits so gut wie irrelevant. Computer und Drucker hatten den Job übernommen.
Wurden in den 1980er-Jahren noch jährlich eine Million Schreibmaschinen gekauft, sind es inzwischen bestenfalls um die 10 000. Immerhin, sogar bei Galaxus findest du noch eine Schreibmaschine, sogar von Olympia. Über die Verkaufszahlen lege ich hier mal den Mantel des Schweigens.

Abnehmer könnten einzelne Behörden sein, die sich beharrlich oder bewusst der Digitalisierung verweigern. Ich stelle mir spezielle Vordrucke vor, die sich nur mit dem Durchschlag einer Schreibmaschine ausfüllen lassen. Vielleicht sind auch Sicherheitsbehörden Schreibmaschinen-Käufer, weil sie geheime Akten führen.
Hinter dem einst grossen Namen Olympia steht heute Unternehmer Heinz Prygoda. Er hat sich vor ein paar Jahren die Namensrechte gesichert, die zwischenzeitlich bei einer Limited-Firma in Hongkong herum lagen. Olympia-Produkte kommen von Prygodas Firma Go Europe GmbH. Europäisch ist daran bestenfalls der Name. Gefertigt wird grösstenteils in China. Natürlich. Neben Schreibmaschinen, die noch fünf Prozent des Umsatzes ausmachen, gibt es von Olympia zum Beispiel Telefone mit grossen Tasten, Aktenvernichter und Laminiergeräte
Es ist paradox: Während das IOC die Marke «Olympia» heute streng schützt und ein Milliarden-Geschäft darum entstanden ist, sind Bürogeräte mit dem Namen heute eine x-beliebige Handelsware aus China.
Journalist seit 1997. Stationen in Franken, am Bodensee, in Obwalden und Nidwalden sowie in Zürich. Familienvater seit 2014. Experte für redaktionelle Organisation und Motivation. Thematische Schwerpunkte bei Nachhaltigkeit, Werkzeugen fürs Homeoffice, schönen Sachen im Haushalt, kreativen Spielzeugen und Sportartikeln.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
Alle anzeigen






