Fürs Imkern braucht's mehr als Lust auf Honig

Fürs Imkern braucht's mehr als Lust auf Honig

Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Zürich, am 13.11.2019
Bilder: Thomas Kunz
«Deckel auf, Honig raus, alles super.» Schön wär’s. Ohne Pflege und Engagement sind deine Bienen nach einer Saison tot.

Es regnet. Die Aussentemperatur liegt im einstelligen Plusbereich. Ich bin nicht begeistert. Noch weniger sind es die Honigbienen, die ich eigentlich besuchen wollte. Eigentlich, denn zu Gesicht werde ich sie heute nicht bekommen. Es ist zu kalt, um die freistehenden Magazine zu öffnen, erklärt mir ihr Ziehvater André Zumsteg.

«Ich finde es faszinierend, zu sehen, wie ein Bienenvolk funktioniert. Ausserdem ist es ein Hobby für die ganze Familie.» Das weiss er schon, seit er selbst ein kleiner Knirps war. Dazumals geht er regelmässig mit seinem Opa zum Bienenhäuschen. Der Grossvater ist Bauer im aargauischen Fricktal und imkert nebenher. «Seine Bienen waren ziemlich stechfreudig, was ich öfter am eigenen Leib zu spüren bekam», erzählt André. Nach dem Tod des Opas kümmerten sich Andrés Mutter und ihr Schwager um die nicht reinrassigen Swissmix-Bienen. «Als sich meine Eltern trennten, übernahm mein Schwager die Bienenvölker, die heute immer noch in Besitz meiner Cou-Cousine sind. So ist die Imkerei seit Generationen ein Teil unserer Familiengeschichte.»

So sehen Nachschaffungszellen auf einem Zuchtrahmen aus. In ihnen entwickeln sich die Larven zu Bienenköniginnen.
So sehen Nachschaffungszellen auf einem Zuchtrahmen aus. In ihnen entwickeln sich die Larven zu Bienenköniginnen.

Jahrelang hat André nichts mehr mit Bienen am Hut, doch letztes Jahr packt es ihn wieder. «Ich suchte einen Ausgleich zu meiner Arbeit als Informatiker, wo ich den ganzen Tag drinnen sitze.» Das Imkern erscheint ihm perfekt, nicht nur weil sich die ganze Familie einbringen kann. «Bienen sind sehr feinfühlig. Sie spüren schlechte Laune und Stress sofort, wodurch sie dich zwingen, herunterzufahren und ausgeglichener zu sein», sagt André. Deshalb beginnt er letztes Jahr mit dem zweijährigen Imkerkurs und legt sich seine ersten zwei Bienenvölker zu. Die Leidenschaft fürs Imkern steht ihm dabei ins Gesicht geschrieben.

Für die Bienen haut er in die Tasten

Diese Leidenschaft hat ihn dazu verleitet, einen Kommentar unter einem unserer Artikel zu hinterlassen. «Normalerweise halte ich mich aus solchen Diskussionen raus, aber bei dem Thema konnte ich nicht anders», sagt er. Im Beitrag wird die «B-Box» vorgestellt, die einem weismachen will, dass jeder ganz einfach auf seinem Balkon Bienen halten kann. «Das funktioniert einfach nicht, wenn du dein Volk länger als eine Saison haben willst.» Imkern ist ein ambitioniertes Hobby, das viel Einsatz und Lernwille abverlangt.» Vor allem ein grosser kleiner Feind müsse im Auge behalten werden: die Varroa-Milbe. Die wurde auch von anderen Community-Mitgliedern in der Kommentarspalte ins Spiel gebracht.

Seine Leidenschaft wird in der Werkstatt – wo er viel Material lagert und selber herstellt – noch deutlicher.
Seine Leidenschaft wird in der Werkstatt – wo er viel Material lagert und selber herstellt – noch deutlicher.

Der Parasit wurde 1984 aus Asien eingeschleppt und hat sich seither zum weltweit bedeutendsten Bienenschädling entwickelt. So bedeutend, dass Honigbienen bei uns in der Schweiz und in den meisten anderen Ländern nicht mehr in freier Wildbahn überleben. Denn ohne Fremdeinwirkung werden sie die Milben (noch) nicht los. Eine Art, das Problem in Schach zu halten, ist die Behandlung mit Ameisen- und Oxalsäure. «Ich behandle meine Bienen drei- bis viermal im Jahr. Ende Juli, wenn die Honigsaison vorbei ist und Mitte Oktober mit Ameisensäure, um eine Reinfektion zu unterbinden. Nach jeder Behandlung zähle ich die toten Milben, um den Erfolg der Behandlung zu kontrollieren. Wenn notwendig besprühe ich die Bienen im Spätherbst zusätzlich mit Oxalsäure, um den Milbendruck zu senken. Ende Dezember wiederhole ich diese Behandlung, um sie gesund durch den Winter zu bringen.» Ameisensäure verdampft im Bienenstock und tötet so die Varroamilben auch in den verdeckelten Brutzellen ab, kann aber auch den Bienen und der Königin schaden. Oxalsäure dagegen ist richtig dosiert gut verträglich für die Bienen und aktiviert zusätzlich deren Putztrieb, wodurch weitere Parasiten von den Bienen abfallen können. «Führe ich diese Behandlungen nicht durch, sterben meine Völker früher oder später.»

Fünf Imker, zehn Meinungen

Aber auch aus anderen Gründen findet André es wichtig, sich vorab intensiv mit dem Hobby auseinanderzusetzen. «Die Imkerei ist eine teure Passion, da du viel Material benötigst. Ausserdem ist sie abhängig von der Saison zeitintensiv. Ich muss die Völker unter anderem auf Varroa kontrollieren, sicherstellen, dass sie nicht ausschwärmen, weil ihnen langweilig ist und die Königinnen-Nachzucht beobachten.» Dazu kommt der zweijährige Imkerkurs und die übliche Mitgliedschaft in einem Verein. Und eine gehörige Portion Geduld. «Jeder Imker hat eine andere Meinung, die er für die einzig richtige hält. Du musst also eine Vorgehensweise finden, die für dich persönlich passt. Das braucht viel Zeit und Tüftelei.» Wenn man all dies im Hinterkopf behalte, dann sei das Imkern eine wunderschöne Beschäftigung.

Für den grössten Teil des Gesprächs verziehen wir uns in die warme Stube.
Für den grössten Teil des Gesprächs verziehen wir uns in die warme Stube.

Nach einem Jahr Imkerei ist die Völkerzahl von zwei auf acht gestiegen. «Vier habe ich durch überzählige Schwärme von anderen Imkern dazubekommen, zwei von Grund auf neu gezüchtet.» Beim Schwärmen räumt die alte Königin ihrer Tochter den Thron und fliegt mit einem Grossteil der Arbeiterbienen davon, um sich an einem neuen Ort niederzulassen. Der Ausflug endet meist an einem Baum oder Strauch in der näheren Umgebung. Jetzt sind Imker und professionelle Bienenfänger gefragt. Sie sammeln die Ausreisser ein und geben ihnen ein neues Zuhause. Im Falle der dazugewonnenen Völker ist eines einer Freundin ausgebüxt. «Ich habe es gefunden und wieder eingefangen. Wer’s findet, dem gehört’s.» Alle Bienen leben nun am Waldrand auf dem Grundstück eines Bauern in Magazinen. Dort drauf steht auch der jeweilige Name eines Volkes. Cinderella, Mulan, Rapunzel etc. Das Muster ist klar erkennbar: weibliche Disney-Hauptfiguren. Nur ein Namensschildchen tanzt aus der Reihe. «Du kannst keine Bienen halten, ohne die wohl bekannteste Vertreterin der Gattung zu huldigen. Maja.»

Die Bienenmagazine bringen etwas Farbe an den Waldrand.
Die Bienenmagazine bringen etwas Farbe an den Waldrand.

Auf dem nasskalten Rückweg von den Bienen-Magazinen kommen wir an der örtlichen Schule vorbei. Auf dem Pausenplatz steht ein steinerner Brunnen mit einem geradlinigen Wasserhahn aus Metall. «Bienen brauchen eine permanente Wasserquelle und meine haben sich anfänglich für den Schulbrunnen entschieden, weil das Wasser an einigen Stellen nur leicht auf den Stein rieselt. Perfekt für die kleinen Insekten. Weniger perfekt für die Kinder.» Bienen würden zwar nicht einfach aus einer Laune heraus stechen, die Angst sei aber bei den Schülern trotzdem da. Deshalb hat André eine eigene Wasserquelle direkt vor die Magazine gebaut. «Es hat eine Generation gedauert, bis meine Bienen das verstanden haben und nicht mehr zum Brunnen geflogen sind», erzählt er. Wie wir Menschen scheinen auch sie sich nur langsam an Veränderungen zu gewöhnen.

Unterdessen schätzen die Bienen Andrés selbstgebaute Wasserquelle.
Unterdessen schätzen die Bienen Andrés selbstgebaute Wasserquelle.

Stiche gehören dazu

Das Veränderung gut sein kann, haben nicht nur die Bienen gemerkt, sondern auch André. «Im Gegensatz zu Opas Bienen sind meine sanfter und wesentlich weniger stechfreudig», sagt André und lacht. Dennoch wurde er etwa 30-mal gestochen, das gehöre einfach dazu. Die Stiche kamen dabei wohl hauptsächlich von seinem «Arschlochvolk», wie er seine eher cholerisch veranlagten Bienen nennt. Im Gegensatz zu ihnen stehen die «Badehosenvölker», die das Leben mit viel Gelassenheit nehmen. Trotzdem mag er all seine Bienen. Und das nicht nur, weil sie ihm schon im ersten Jahr Honig beschert haben. «Normalerweise kannst du erst ab dem zweiten Jahr mit etwas Honig rechnen, ich konnte aber schon diesen Sommer zwei Kilo ernten», sagt André. Acht gefüllte Gläser mit eigenem Branding sind zum Eigenverzehr daraus entstanden. «Nächstes Jahr rechne ich mit acht bis zehn Kilo pro Volk, ein Jahr darauf mit 20 bis 35 Kilo. Dann würde ich gerne einige Gläser verkaufen.» Das reiche vielleicht knapp, um die Investitionen zu decken. Um vom Imkern zu leben, brauchst du mindestens 150 Bienenvölker. «Dann kommst du über die Runden, in Reichtum schwimmst du nicht.»

Bei all dem zeitlichen und finanziellen Aufwand wundert es mich nicht mehr, dass ein Glas Schweizer Honig im Laden etwa 12.50 Franken und nicht 2.50 Franken kostet. Das Geld in heimischen Honig ist nicht nur wegen der Unterstützung der Imker gut investiert, sondern auch wegen deiner eigenen Gesundheit. «Honig aus deiner Region kann dir bei der Heuschnupfen-Desensibilisierung helfen. Denn im Glas befinden sich Pollen, die in dieser geringen Dosierung keine Reaktion auslösen, sondern deinen Körper etwas an sie gewöhnen.»

Jetzt wird es Zeit, die Früchte dieser harten Arbeit, von der ich so vieles gehört habe, zu kosten. Das scheint auch Andrés Frau zu denken und bringt ein kleines Zvieri in die Stube. Sofort beträufle ich ein Stückchen Toast mit dem Aargauer Honig. Der Oberflächenglanz bricht sein Versprechen nicht.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger

Editor, Zürich

Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Menschen, Gedanken und Lebenswelten kennenzulernen,. Journalistische Abenteuer lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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