Gehst du sicher baden? Die Gefahren des Corona-Sommers
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Gehst du sicher baden? Die Gefahren des Corona-Sommers

Michael Restin
Michael Restin
Zürich, am 19.06.2020
Die Schweizerische Lebensrettungs-Gesellschaft SLRG schätzt das Unfallrisiko an Seen und Flüssen dieses Jahr besonders hoch ein. Ein neues Präventionsprojekt soll helfen, Leben zu retten. Kennst du die Risiken und Regeln?

49. Nüchtern betrachtet ist es nur eine Zahl. Doch sie steht für viele Leben, die tragisch endeten. 49 Menschen ertranken im vergangenen Jahr in der Schweiz. 39 Männer, sieben Frauen und drei Kinder kamen vom unbeschwerten Badeausflug nicht mehr zurück. Bis auf einen Fall starben sie alle in offenen Gewässern. In Seen und Flüssen, den Sehnsuchtsorten dieses Sommers. Die SLRG ist nach einer Risikoanalyse besonders alarmiert und lanciert das Präventionsprojekt «Corona-Sommer 2020». Philipp Binaghi ist Leiter Kommunikation & Marketing bei der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft SLRG. Mit ihm habe ich darüber gesprochen, warum es dieses Jahr besonders viele Ertrinkungstote geben könnte – und was du dagegen tun kannst.

Warum ist der Corona-Sommer besonders heikel?
Philipp Binaghi, Leiter Kommunikation & Marketing SLRG:
Es gibt zwei Faktoren, die für ein erhöhtes Ertrinkungsrisiko sprechen: Fernreisen werden diesen Sommer vermutlich weniger stattfinden und die Freibäder öffnen nur mit begrenzter Kapazität. Wahrscheinlich wird dadurch der Ansturm auf die offenen Gewässer grösser und statistisch gesehen verunfallen darin über 90 Prozent der Ertrinkungsopfer. Das liefert Indizien, dass wir dieses Jahr mit einer grösseren Wahrscheinlichkeit bei Wasserunfällen zu rechnen haben. Deshalb haben wir die Kampagne «Corona-Sommer 2020» gestartet.

Die Kampagne ist breit aufgestellt. Sie beinhaltet Sicherheitsberatung für Behörden, Kurse in Schulen, Städten und Gemeinden ebenso wie Badewachen und Präventions-Patrouillen durch Freiwillige an öffentlichen Badeplätzen. Besonders gefährdet sind statistisch gesehen junge Männer. Wie wollen Sie diese Risikogruppe erreichen?
Für die besonders sensible Gruppe der jungen Männer zwischen 15 und 30 haben wir die Online-Kampagne «Save your Friends»gemeinsam mit unserem Partner Visana lanciert. Wir wollen sie auf verschiedenen Kanälen abholen. Unter anderem mit einem Online-Safety-Check, der abfragt: Was kannst du im Umgang mit dem Wasser?

Ist Selbstüberschätzung das grösste Risiko?
Es ist schwierig, das abschliessend zu sagen. Im Hinblick auf die Risikobereitschaft der Personen spielen aber Faktoren wie Gruppendruck, Mutproben und das Ausloten von Grenzen eine Rolle. Man will jemanden beeindrucken. Das kommt eher bei Männern vor.

Keinen erhobenen Zeigefinger, sondern social-media-taugliche Inhalte und den Safety-Check als Quiz gibt's unter saveyourfriends.ch.
Keinen erhobenen Zeigefinger, sondern social-media-taugliche Inhalte und den Safety-Check als Quiz gibt's unter saveyourfriends.ch.

In Filmen laufen Badeunfälle meist so ab: Drama, Geschrei, Winken und Rettung in letzter Sekunde. Vermittelt das ein falsches Bild?
Ja. Wenn jemand ertrinkt, dann geschieht das meistens leise. Die Person hat kaum mehr Kraft. Und die letzte Kraft setzt sie ein, um über Wasser zu bleiben und Luft zu kriegen. Sie geht dann langsam unter. Das macht es besonders schwer, Ertrinken zu erkennen.

Die Botschaften, die die SLRG unter die Leute bringen will und muss, sind ebenfalls nicht spektakulär. Aber wichtig. So wichtig, dass sie die Baderegeln schon seit fünfzig Jahren propagiert. Sie sind da. Zum Beispiel auf Infotafeln an Badestellen, die sie immer wieder in Erinnerung rufen sollen. Doch mit ihnen ist es ein bisschen so wie mit den Sicherheitseinweisungen im Flugzeug. Jeder hat sie schon mal gesehen oder gehört. Aber Hand aufs Herz: Hast du sie alle im Kopf?

1. Kinder nur begleitet ans Wasser lassen – kleine Kinder in Griffnähe beaufsichtigen!
2. Nie alkoholisiert oder unter Drogen ins Wasser! – Nie mit vollem oder ganz leerem Magen schwimmen.
3. Nie überhitzt ins Wasser springen! – Der Körper braucht Anpassungszeit.
4. Nicht in trübe oder unbekannte Gewässer springen! – Unbekanntes kann Gefahren bergen.
5. Luftmatratzen und Schwimmhilfen gehören nicht ins tiefe Wasser! – Sie bieten keine Sicherheit.
6. Lange Strecken nie alleine schwimmen! – Auch der besttrainierte Körper kann eine Schwäche erleiden.

«Wenn ich am Ende des Jahres die Statistik anschaue, kann ich sagen, dass bis zu 90 Prozent der Unfälle auf die Nichteinhaltung dieser Regeln zurückgeführt werden können. Das macht sie so besonders wichtig und lebensrettend.»
Philipp Binaghi
Wo eine Badestelle ist, sind die Regeln in der Regel nicht weit.
Wo eine Badestelle ist, sind die Regeln in der Regel nicht weit.
Bild: SLRG

Es gibt Regeln, die an den gesunden Menschenverstand appellieren. Völlig überhitzt ins kalte Wasser zu springen, ist nicht schlau – es kann dir aber niemand verbieten. Neben den Regeln gibt es in der Binnenschifffahrtsverordnung (BSV) aber auch gesetzliche Vorschriften für Gummiböötler, Stand-up-Paddler und andere Wassersportler, die längst nicht allen bekannt sind.

Die BSV schreibt neu vor, dass auf Flüssen für jede Person ein Rettungsmittel mitgeführt werden muss. Eine Tragepflicht besteht nicht. Geht Ihnen das weit genug?
Bevor es dieses Gesetz überhaupt gab, hat die SLRG mittels der Flussregeln empfohlen, dass man eine Schwimmweste trägt. Sie macht Sinn und ist eine Sicherheitsreserve. Wenn etwas passiert, braucht man seine Kraft nicht, um über Wasser zu bleiben. Das kann im strömungsreichen Gewässer absolut lebensrettend sein.

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Was ist noch empfehlenswert, wenn man im See oder Fluss baden geht?
Ein Thema, das oft vergessen wird, ist die Sichtbarkeit. Wenn man auf dem See schwimmt, sollte man im besten Fall eine Badekappe in Neonfarben tragen. Am Bielersee hat vor einigen Jahren ein Bootfahrer eine Schwimmerin überfahren, die leider verstorben ist. Seither hat man sich über die Sichtbarkeit wieder vermehrt Gedanken gemacht.

Zum Abschluss noch etwas Nachhilfe: Wie sollte ich reagieren, wenn ich eine Notlage erkenne?
Das Allererste und Wichtigste ist, zu alarmieren. Ein Retter ist kein Retter. Je mehr Personen da sind, um zu helfen, desto besser. Das Zweite ist der Grundsatz der Rettung mit dem geringsten Risiko. Ein Opfer ist schlimm genug, zwei Opfer sind noch schlimmer. Das haben wir auch schon erlebt. Dass Leute eigentlich helfen wollten und aufgrund der gut gemeinten Aktion selbst zum Opfer wurden. Erstmal zurufen und auf Ausstiegsstellen hinweisen, die man vielleicht vom Ufer aus besser sieht. Stellen, an denen man ausharren kann. Hilfsmittel wie Stangen, Seile und Äste suchen. Maximal bis Hüfthöhe ins Wasser gehen. Und nur im allerletzten Schritt, wenn man sich sicher ist, dass man sich nicht zu sehr der Gefahr aussetzt, eine Kontaktrettung versuchen.

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Michael Restin
Michael Restin

Editor, Zürich

Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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