Gender Reveal: Wenn die Verkündung des Babygeschlechts zum Spektakel wird
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Gender Reveal: Wenn die Verkündung des Babygeschlechts zum Spektakel wird

Katja Fischer
Katja Fischer
Zürich, am 08.04.2022

Der Brauch aus den USA ist in der Schweiz angekommen – sogar in meinem Dorf. Ich wollte mehr über Gender Reveal Partys wissen. Und habe Absurdes bis Witziges erfahren.

Die Babyshower war gestern. Partys zu Ehren ungeborener Kinder haben ein neues Level erreicht: Gender Reveals heissen sie jetzt – Geschlechtsenthüllungs-Partys.

Say what?! Denkst du dir jetzt vielleicht.

Falls du noch nie etwas von diesem neumodischen Partyformat gehört hast: Werdende Eltern veranstalten ein Fest, um das Geschlecht ihres Kindes bekannt zu geben. So die Definition. Weil «Hey, wir bekommen ein Mädchen» aber noch kein Grund für einen Event ist, veranstalten die Bald-Mütter und -Väter ein grosses Tamtam um die Geschlechtsverkündung. Sie schneiden eine aufwändig angefertigte Torte mit rosa oder blauer Füllung an, lassen farblich passende Konfetti-Ballone platzen oder schiessen Pulverkanonen in die Luft – immer begleitet von lautem Jubel und tosendem Applaus.

Was in den USA schon seit Jahren im grossen Stil zelebriert wird, machen nun auch hierzulande immer mehr werdende Eltern. Und trotzdem schien der Trend noch ganz weit von mir entfernt zu sein. Bis jetzt.

Dorfbeiz meets Ami-Kitsch

Die Gender-Party ist nun auch in meinem kleinen Universum angekommen. In einer Instagram-Story des Dorf-Restaurants entdeckte ich kürzlich einen Repost eines solchen Baby-Events, der offenbar im rustikalen Saal abgehalten wurde. Darauf zu sehen: Dorfbeiz-Chic gemixt mit Ami-Kitsch.

Oder anders ausgedrückt: unzählige pastellfarbene Ballone platziert im ländlichen Beizen-Ambiente. Ballone in der Hand eines XL-Teddybärs, der wiederum unter einem riesigen Ballonbogen hockt. Ballone in Buchstaben-Boxen, die das Wort «Baby» formieren. Und mittendrin ein übergrosser schwarzer Ballon, der aus der Reihe tanzt, aber die alles entscheidende Frage auf seinem Bauch trägt: «Boy or Girl?».

Die Auflösung blieb auf Instagram vorerst aus. Vielleicht folgt ja bald ein Video vom alles entscheidenden Ballonstechen? Ich ertappte mich dabei, wie ich plötzlich eine unerfindliche Neugierde für das Geschlecht dieses mir unbekannten Babys entwickelte. Und wie ich gedankenlos weiter über Gender Reveals recherchierte. Warum, wie und überhaupt? – das Phänomen faszinierte und irritierte mich gleichermassen.

Bei meinen Schwangerschaften habe ich nicht mal eine Babyshower gefeiert. Jetzt aber tauchte ich ein in die rosa-hellblaue Welt der Gender Reveals. Und fand Erstaunliches, Lustiges und Bedenkliches über die ominösen Babypartys heraus. Nachfolgend meine zehn wichtigsten Erkenntnisse.

1. Die grosse Geheimniskrämerei

Der Clou an Gender Reveals: Oft wissen im Vorfeld der Party nicht mal die Eltern, ob’s ein Junge oder Mädchen wird. Die Überraschung soll auch – oder gerade für – die Mutter und den Vater gross sein. Das gelingt nur dank ausgeklügelter Organisation und absoluter Verschwiegenheit. Meistens ist ein:e Freund:in eingeweiht, der oder die als Partyveranstalter:in amtet. Oder die Confiserie des Vertrauens, die für den rosa beziehungsweise blauen Kuchenfüllung verantwortlich ist.

Ich bin skeptisch. Kann so viel Geheimniskrämerei funktionieren? Ja, versichert mir die Zürcher Influencerin und Ex-GNTM-Kandidatin Sara Leutenegger auf Anfrage. Bei ihr war es der Götti ihres ungeborenen Kindes, der die Sause organisierte und vom Gynäkologen heimlich vorinformiert wurde. «Der Arzt schickte ihm einen Brief», erzählt mir die 28-Jährige. «Das Geheimnis behielt er dann bis zum Schluss brav für sich.»

Durch blaue Ballone, die aus einer Kiste flogen, wurde es dann im Juni 2020 feierlich gelüftet. Ein wichtiger Moment für Sara Leutenegger – aber warum? Vielmehr als ums Geschlecht sei es darum gegangen, «zu feiern, dass mein Mann und ich Eltern werden», sagt sie.

Bei der einstigen GNTM-Kandidatin Sara Leutenegger stiegen blaue Ballone aus der Box. Sohn Lio kam im Oktober 2020 zur Welt.
Bei der einstigen GNTM-Kandidatin Sara Leutenegger stiegen blaue Ballone aus der Box. Sohn Lio kam im Oktober 2020 zur Welt.
Bild: Youtube/Sara Leutenegger

2. Promis machen’s vor

Ich lerne rasch: Die Gender Reveal Party ist eng mit Social Media verknüpft. Influencer:innen wie Sara Leutenegger lassen ihre Community an ihrer Gender-Party teilhaben und zelebrieren sie auf Instagram, Youtube und Co. öffentlich. Vorgemacht – und damit einen weltweiten Hype entfacht – haben es grosse internationale Namen.

Der englische Fussball-Star Harry Kane etwa kickte im Juli 2020 einen Ball in einen mit blauem Pulver gefüllten Ballon und liess anschliessend mit einem Video auf seinen Social-Media-Kanälen die ganze Welt wissen, dass er und seine Frau einen Jungen erwarten.

Bei Schauspielerin Kate Hudson waren ebenfalls Ballone im Spiel – gefüllt mit pinkfarbenem Konfetti.

3. Die teuerste Gender Reveal Party der Welt

Harry Kanes «Eigentor» und Kate Hudsons Gartenparty waren jedoch äusserst bescheiden im Vergleich zur Geschlechterverkündung dieses Influencer-Paars: Anas und Asala Marwah liessen im September 2020 das höchste Hochhaus Dubais, das Burj-Khalifa, blau erleuchten – für knapp 100 000 Dollar. Die Kritik folgte postwendend. Zumal die werdenden Eltern einen erdenklich schlechten Zeitpunkt für ihre Sause gewählt hatten: Kurz zuvor hatte eine Rauchbombe, die an einer Gender Reveal Party in Kalifornien gezündet wurde, einen Waldbrand ausgelöst (mehr dazu unter Punkt 7).

In einem unfassbar langen (15-minütigen!) Video liess das Paar damals seine Follower:innen den Gross-Anlass miterleben. Es wurde bis heute über 40 Millionen Mal geklickt.

Am besten spulst du vor: Zum Programmhauptpunkt – der Geschlechtsverkündung – kommt’s erst ab Minute 12:16.

4. Die ausgefallensten Enthüllungen

Ob mit oder ohne Millionen auf dem Konto, die Fantasie der ambitionierten Eltern in spe kennt keine Grenzen. Ballone, Kuchen oder Konfetti sind zwar nach wie vor die gängigsten Praktiken. Als kreativ giltst du damit aber längst nicht mehr. Mit folgenden Methoden, die tatsächlich schon erprobt wurden, dagegen schon:

  • Bunter Rauch aus dem Auto- oder Töffauspuff
  • Quietscheente, die das Badewasser einfärbt
  • Strohhalme, die im Drink ihre Farbe ändern
  • Farbiger Spaghettispray
  • Mit Pulver gefüllte Bowlingkugel, die bei einem Strike platzt

Wem das noch zu sehr Understatement ist, dem seien folgende zwei – ebenfalls schon praktizierten – Ideen empfohlen:

  • Riesenrad in Rosa oder Blau leuchten lassen
  • Krokodil anstiften, einen mit farbigem Pulver gefüllten Ballon zu zerfetzen

5. Die öffentliche Kritik wächst

Eigentlich paradox, fällt der Gender-Reveal-Hype ausgerechnet in eine Zeit, in der intensiv über Geschlechteridentitäten, -stereotypen und Sexismus diskutiert wird. Und in der viele Eltern versuchen, ihre Kinder eben nicht mehr in die gängigen Geschlechter-Schubladen zu stecken. Trotz oder wegen der wachsender Beliebtheit der Gender Reveals wird inzwischen auch vermehrt öffentliche Kritik laut.

Sängerin und Schauspielerin Demi Lovato zum Beispiel verurteilte die Partyform vergangenen Frühling in einem Instagram-Post, in dem sie einen Beitrag des indisch-amerikanischen Trans-Aktivisten Alok Vaid-Menon repostete. Gender Reveal Partys seien transphob, weil sie nur zwei Geschlechter zulassen und damit nichtbinäre Geschlechtsidentitäten ignorieren würden, so die Kritik.

6. Die Krux mit dem Namen

Nicht nur das Partykonzept, auch die Bezeichnung an sich müsste eigentlich überdacht werden. Das englische Wort für «Gender» beschreibt nämlich das soziale Geschlecht eines Menschen – das gefühlte Geschlecht. «Sex» dagegen steht für das angeborene Geschlecht. Streng genommen müsste es also «Sex Reveal Party» heissen. Mal abgesehen davon, dass dieser Name missverstanden werden könnte, wird sich eine neue Bezeichnung kaum mehr durchsetzen können. Alleine auf Instagram finden sich unter #genderreveal 2,5 Millionen Beiträge.

7. Die Erfinderin sagt: «Ich bereue es»

Selbst die Erfinderin der Gender Reveal Partys, US-Bloggerin Jenna Karvunidis, bedauert ihre Schöpfung inzwischen. 2008 schmiss sie während ihrer Schwangerschaft ein Fest für ihr Erstgeborenes, bei der sie einen Kuchen mit pinkfarbener Füllung anschnitt und den Gästen so das Geschlecht verriet. Daraufhin teilte sie Fotos auf ihrem Blog, der Beitrag wurde von einem Magazin aufgegriffen und ging viral.

Elf Jahre und einen weltweiten Hype später warf sie dann in einem Facebook-Beitrag die Frage auf: «Ist es nicht egal, welches Geschlecht ein Kind hat?» Dazu postete sie ein Familienbild mit ihrem Ehemann und den drei gemeinsamen Töchtern, zwei in Spitzenkleidchen, eine im Anzug. «Plot Twist: Das Baby der ersten Gender Reveal Party trägt einen Anzug!»

Gender-Reveal-Erfinderin Jenna Karvunidis ist Bloggerin und dreifache Mutter. Heute kritisiert sogar sie den Hype.
Gender-Reveal-Erfinderin Jenna Karvunidis ist Bloggerin und dreifache Mutter. Heute kritisiert sogar sie den Hype.
Bild: Facebook/HighGlossSauce

Im Gespräch mit dem britischen Guardian fügte Jenna Karvunidis später an: Sie habe nie eine Geschlechter-Identität für ihr Kind erschaffen wollen. Sie habe lediglich ein «Faible für Theatralik» und liebe es, Partys zu schmeissen. Einmal habe sie sogar ein Fest für ihren Goldfisch veranstaltet.

8. Best-of Fails

Bei den folgenden Pannen kamen die Protagonist:innen – manchmal buchstäblich – mit einem blauen Auge davon. Im Netz findet sich Unmengen an Fail-Material, hier ein Best-of:

9. Partys, die völlig aus dem Ruder liefen

Bunter, grösser, spektakulärer – wohl auch deshalb werden die Unfälle auf Gender Reveal Partys in den USA zunehmend dramatisch. Im Frühjahr 2021 explodierte bei den Vorbereitungen ein selbstgebauter Sprengsatz in einer New Yorker Garage. Der 28-jährige werdende Vater starb, dessen Bruder wurde schwer verletzt. Wochen zuvor kam in Michigan ein 26-Jähriger ums Leben, nachdem eine kleine Kanone, aus der farbiges Konfetti hätte schiessen sollen, explodierte.

In New Hampshire löste im April 2021 Sprengstoff einen derart heftigen Knall aus, dass er eine Erdbebenwarnung in der Region auslöste. In Kalifornien führte ein Nebelmaschinen-Unfall im Herbst 2020 gar zu einem ganzen Buschbrand. Knapp 92 000 Quadratmeter Land brannten ab, die Löscharbeiten dauerten über zwei Monate.

10. Das Business mit der Gender Reveal

Was einst mit einer kleinen Feier unter Freunden startete, ist zu einer Gender-Reveal-Industrie mutiert. Online findest du von Konfetti-Ballonen über «Ready to Pop»-Kanonen bis hin zu jedem erdenklichen Deko-Zubehör in rosa und hellblau alles, was du für die Gender-Party brauchst.

Die prominenten Vorreiter:innen wiederum haben ihrerseits ein Geschäft daraus gemacht. Sie lassen sich ihren kompletten Event sponsern – und damit vergolden. Gegen entsprechende Nennung und Verlinkung im Content bekommen sie von der Planung über die Deko bis hin zu Blumen, Kuchen und Gastgeschenken alles zur Verfügung gestellt.

Viel Inszenierung für die Werbepartner: Die deutsche Youtuberin Dagibee hat ihre Gender Reveal Party im Oktober 2021 vermarktet.
Viel Inszenierung für die Werbepartner: Die deutsche Youtuberin Dagibee hat ihre Gender Reveal Party im Oktober 2021 vermarktet.
Bild: Instagram/dagibee

Fazit: Zu viel Kuchen und Konfetti

Meine Dorfbeiz lüftete das Geheimnis um das Geschlecht seines ersten Gender-Reveal-Party-Babys übrigens nicht mehr. Und nein, ich habe mich nicht beim Gastgeber danach erkundigt. Eigentlich bin ich ganz froh über die Diskretion.

Denn, das weiss ich jetzt, es ist nicht die Party an sich, die mich so irritiert. Vielmehr die ganze Inszenierung drumherum. Es geht fast nur noch um die verrücktesten Ideen und um maximale Aufmerksamkeit dank Fotos und Videos – mit teils fatalen Folgen.

Ich bleibe dabei. Niemals würde ich eine Gender Reveal feiern. Und wenn, dann höchstens so wie die deutsche Comedy-Youtuberin Mirella Precek, die sich auf Instagram über ihre eigene Babyparty lustig machte: ohne Kuchen, ohne Konfetti und ohne Fotobox.

Keine Party, aber viel Artwork: Youtuberin Mirella Precek zieht ihre eigene Gender Reveal Party ins Lächerliche.
Keine Party, aber viel Artwork: Youtuberin Mirella Precek zieht ihre eigene Gender Reveal Party ins Lächerliche.
Bild: Instagram/mirellativegal

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Katja Fischer
Katja Fischer

Senior Editor, Zürich

Anna-und Elsa-Mami, Apéro-Expertin, Gruppenfitness-Enthusiastin, Möchtegern-Ballerina und Gossip-Liebhaberin. Oft Hochleistungs-Multitaskerin und Alleshaben-Wollerin, manchmal Schoggi-Chefin und Sofa-Heldin.

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