Gravelbike trifft Zeitgeist
HintergrundSport

Gravelbike trifft Zeitgeist

Michael Restin
Michael Restin
Zürich, am 26.11.2019
Der Zeitgeist lebt nicht im Wald, sondern in uns allen. Und Gravelbikes sind ein Trend, der ihn zum Vorschein bringt. Die schottertauglichen Bikes mit Rennlenker sind der perfekte Kompromiss für alle, die kompromisslos dem Lustprinzip folgen.

Wenn es um Gravelbikes geht, gibt es eigentlich nur zwei mögliche Reaktionen: Fragende Blicke oder leuchtende Augen. Die einen haben noch nie was davon gehört, die anderen hätten es zumindest gerne mal ausprobiert. Wer fragend guckt, wird sich zunächst mit der Erklärung zufrieden geben, dass es sich um geländegängige Velos mit Rennlenker handelt. Gravelbike ist die griffige Gattungsbezeichnung, unter der diese Bikes seit ein paar Jahren immer populärer werden. Gravel, das englische Wort für Schotter, hört sich moderner an als der leicht angestaubte Begriff Cyclocrossrad. Moment, werden dann Kenner einwenden, Cyclocross ist doch nochmal eine andere Geschichte. Und sie haben recht.

Cyclocross

Beim Cyclocross oder Radquer jagen Männer und Frauen auf Rennvelos in der kalten Jahreszeit mit breiteren Profilreifen über matschige Rundkurse, tragen ihre Bikes über Hindernisse und sind nach kurzer Zeit von Schlamm bedeckt und ausgepumpt im Ziel. Die Sportart hat eine über hundertjährige Tradition und entstand aus der Idee heraus, sich so auf die im Frühjahr beginnende Strassensaison vorzubereiten. Besonders in den 70er- bis 90er-Jahren war Radquer hierzulande gross. Albert Zweifel gewann fünf Weltmeistertitel und die Sportart war medial präsent, bevor sie nach und nach im Schatten der Mountainbiker verschwand.

Im diesem Jahrtausend dominieren Belgier die Radquer-Szene.
Im diesem Jahrtausend dominieren Belgier die Radquer-Szene.

Da es sich um Rennsport handelt, sind die Velos entsprechend aggressiv konzipiert. Oberrohr- und Steuerrohrlängen entsprechen denen von Rennrädern für die Strasse. Der Radstand ist kurz, der Lenkwinkel steil und das Tretlager etwas höher, um wendig zu sein und auch in Kurven treten zu können. Ihre 28-Zoll-Räder dürfen bei Rennen nicht breiter als 33 Millimeter sein. Die nächste Weltmeisterschaft findet übrigens Anfang Feburar in Dübendorf statt.

Da die vielseitigen und leichten Wettkampfmaschinen nach und nach auch gerne zweckentfremdet und für längere Touren umgebaut wurden, verschwimmen die Grenzen zum Gravelbike. Das macht beide zu engen Verwandten. Denn auch der Gravel-Ansatz ist entspannter als beim Cyclocross, und entsprechend sind die Bikes anders konzipiert. Sie sind auch auf Langstrecken bequem zu fahren, ohne ihre sportlichen Wurzeln aufzugeben. Das vergrössert die Zielgruppe und macht sie für viele Leute attraktiv.

Während Cyclocross ein alter Hut ist, kommt die Gravel-Bewegung immer mehr in Schwung.
Während Cyclocross ein alter Hut ist, kommt die Gravel-Bewegung immer mehr in Schwung.

Gravelbikes

Es sind die Details, die Gravelbikes von ihren Artverwandten unterscheiden und sie vielseitiger machen. Eine aufrechtere Sitzposition. Ein längerer Radstand, wodurch das Bike nicht jede Unebenheit direkt an deine Wirbelsäule weiterreicht, sondern komfortabler und stabiler zu fahren ist. Ein etwas tieferes Tretlager, das ebenfalls mehr Stabilität bringt.

Scheibenbremsen sind Standard und verschaffen dir Spielraum, was die Reifenwahl und Laufradgrössen angeht: Statt der klassischen Rennradgrösse 28 Zoll (700c) sind häufig auch 27.5 Zoll (650b) mit bis zu 47 Millimeter in der Breite montierbar. Ein Kompromiss zwischen Rolleigenschaften und Wendigkeit, der auch an Mountainbikes gerne gefahren wird. Da die Grenzen so schön fliessend sind, ist bei extrem breiter Bereifung auch von «Gravel Plus» die Rede.

Trails? Schotter? Strasse? Alles kein Problem. Je nach Bedarf kannst du das Bike weiter an deine Pläne anpassen und teilweise mit ein paar Handgriffen die Rahmengeometrie verändern. Bei den Bikes von Rondo (unten im Bild) kannst du beispielsweise durch einen «Flip-Chip» in der Gabel das Rad umbauen und so Lenkwinkel, Nachlauf und Tretlagerhöhe verändern – je nachdem, ob du sportlicher oder gemütlicher unterwegs sein willst.

Durch den Trick mit dem «Flip-Chip» kannst du die Rahmengeometrie verändern.
Durch den Trick mit dem «Flip-Chip» kannst du die Rahmengeometrie verändern.

Eines für alle

Grundsätzlich ist bei Gravelbikes alles darauf ausgelegt, auf der Strasse ins Rollen und abseits davon nicht ins Rutschen zu kommen. Ausserdem gibt es diverse Ösen, um Schutzbleche, Bidonhalter oder einen Gepäckträger zu montieren. An diesem freuen sich dann Bikepacker, die kaum ein leichteres und vielseitigeres Velo für ihre Pläne finden werden.

Ein Gravelbike ist ein Stück weit das, was du daraus machst. Eine Verheissung, die grosse Freiheit auf zwei Rädern. Eine Art SUV ohne Umweltscham. Und da kommt der Zeitgeist ins Spiel. Wer legt sich schon gerne fest, wenn das Leben voller Möglichkeiten ist? Wer will auf verstopften Strassen Kopf und Kragen riskieren, statt einfach links abzubiegen und durch den Wald zu schottern? Wer will das Rennvelo ein halbes Jahr im Keller lassen, wenn er mit dem Gravelbike zu jeder Jahreszeit unterwegs sein kann? Wer hat keine Lust darauf, im Zweifel einfach dem Lustprinzip zu folgen?

Ich bin losgegravelt um zu sehen, wohin das führt. Und du kannst mir mit einem Klick im Profil folgen, wenn dich das Ergebnis interessiert.

keine Informationen über dieses Bild verfügbar

30 Personen gefällt dieser Artikel


Michael Restin
Michael Restin

Editor, Zürich

Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren