Hanna im Aufbautraining
ReportageSport

Hanna im Aufbautraining

Michael Restin
Michael Restin
Zürich, am 11.03.2020
Bilder: Thomas Kunz
Sie hat einen neuen Job, eine neue Wohnung und ein neues Laufband. Hanna testet das Bowflex BXT 326. Am Anfang steht die Erkenntnis, dass dieses 138 Kilogramm schwere Ding schon vor dem ersten Training für Schweissausbrüche sorgt.

Lieferung frei Bordsteinkante. Das hört sich zunächst ganz gut an. Bis der Pöstler den Karton mit den Dimensionen einer Badewanne von der Europalette wuchtet und sich flugs verabschiedet. Da ist es, das ersehnte Laufband, dessen Ankunft vor 15 Minuten noch in den Sternen stand.

An diesem regengrauen Morgen in Bad Ragaz hat uns Hanna eine knappe Stunde zuvor zwei Stockwerke höher in ihrer gähnend leeren Wohnung begrüsst. Fotograf Thomas Kunz und ich sind als Sonderaufbaukommando angerückt und werden mit Gipfeli und einer Hiobsbotschaft empfangen: «Die Post hat sich noch nicht gemeldet.» Der Satz hallt nach. Nicht nur weil die Möbel fehlen, sondern weil er unsere Anreise überflüssig macht. «Der Umzugswagen ist auch noch nicht losgefahren, die spielen noch Tetris mit den Kartons.» Kein Laufband, keine Möbel. Nichts ist da. Nichts ist sicher an diesem Vormittag. Oder positiv formuliert: Alles ist möglich. Hanna ordnet ihr Leben neu und wir sind dabei. Das ist doch was.

Das sieht nach guten Nachrichten aus!
Das sieht nach guten Nachrichten aus!

Laufband statt Hamsterrad

Hanna hat bei unserer Community-Aktion mitgemacht und darf in den kommenden Monaten das Bowflex 326 testen. Sie ist 30 Jahre alt, als Usability-Spezialistin selbsternannter «UX Nerd» und eine Gwundernase. Redselig, vielseitig interessiert, offen für Neues – aber bislang keine Läuferin. «Ich laufe fünf Kilometer auf Zeit oder zehn Kilometer auf Überleben», hat sie uns geschrieben. In letzter Zeit war sie vor allem im beruflichen Hamsterrad unterwegs, wodurch der Sport zu kurz kam: «Ich schiebe die Selbstliebe zu Gunsten von Job und Freunden immer wieder mal auf.» Das soll jetzt anders werden. Ihre Pläne haben bereits eine gewisse Eigendynamik angenommen, seit klar ist, dass dieses Laufband in ihr Leben kommt.

Statt des Frauenlaufs in Bern will sie die Davoser Seelaufserie in Angriff nehmen, den Stadtlauf in Chur absolvieren und ein «heimliches Ziel», das sie uns noch nicht verraten will, hat sie auch noch im Hinterkopf. Schön und gut. Doch bislang graue Theorie. Die Realität ist eine leere Wohnung, in der wir darauf warten, dass irgendwas passiert. Dass endlich das Handy klingelt. Dass sich die Post meldet, die Lieferung ankündigt und den Wunschtermin einhält. Punkt 10.04 Uhr ist es soweit, keine zehn Minuten später liegt das sperrige Paket vor der Tür.

Kurz vor der Bordsteinkante.
Kurz vor der Bordsteinkante.

Der Lift am Ende des Tunnels

Nachdem die erste Freude verflogen und von den Umzugshelfern weit und breit nichts zu sehen ist, treten wir fröstelnd und einigermassen ratlos den Rückzug an.138 Kilogramm sind 138 Kilogramm und unsere Bandscheiben von den zaghaften Hebeversuchen nicht begeistert. Im warmen Hausflur erzählt Hanna von ihrer Sportvergangenheit. Sie ist geritten, hat ambitioniert Squash gespielt, lateinamerikanische Tänze, Klettern, Baseball ausprobiert – und ist vor einer Woche das erste Mal im Leben zehn Kilometer gelaufen.

«Ich war echt lahm», sagt die Frau, die sich selbst die Begeisterungsfähigkeit eines Welpen attestiert. «Aber ich wollte mal wissen, worauf ich mich eingelassen habe.» Auf ein Experiment, das momentan den Eingang des Mietshauses blockiert. Die Haustür lässt sich noch gerade so öffnen. Unser suboptimaler Standort ist eine prima Gelegenheit, die neuen Nachbarn kennen zu lernen. Eine ältere Dame grüsst freundlich, schiebt sich an dem riesigen Paket vorbei und sagt bedauernd: «In den Lift kommen Sie damit wahrscheinlich nicht.»

Wahrscheinlich nicht? Vielleicht also doch! Es gibt einen Lift am Ende des Tunnels und Probieren geht über Blockieren. Mit vereinten Kräften hieven wir das schwere Ende unseres Monsterpakets auf einen Rollwagen und schieben es durch die Tür vor den Aufzug.

Wer als Grossgerätekäufer auf Nummer sicher gehen will, kann sich solche Aktionen sparen und investiert dafür, je nach Anfahrtsweg, mindestens 219 Franken extra. Dann wird das Gerät nicht vor der Tür abgestellt, sondern am Bestimmungsort aufgebaut. Von unserem Ziel sind wir immer noch zwei Stockwerke entfernt. Und die Nachbarin hat ein gutes Auge. Wie wir es auch drehen und wenden – der Lift ist tatsächlich zu klein für unser Paket. Wir müssen es im Treppenhaus notschlachten.

Rien ne va plus.
Rien ne va plus.

 Ein Königreich für einen (oder zwei) Möbelpacker

Das Bowflex BXT 326 besteht grob gesagt aus zwei Elementen. Da ist der Konsolen-Aufbau mit dem Display, der aus mehreren Einzelteilen zusammengesetzt wird. Sie sind zum Grossteil aus Kunststoff und schön leicht. Und dann gibt es noch die Laufband-Motoreinheit, die es auf ungefähr 120 Kilogramm bringt. Mit 2.15 Metern Länge stellt sie das grosse Problem dar. Ob mit oder ohne Karton. Unsere Hoffnung ist, dass sie einzeln in den Lift passt und heil oben ankommt.

Wir diskutieren, wie das Teil schonend zu bewegen ist. Das muss gehen, schliesslich hat es Hartplastikrollen am Rahmen. Darüber lässt es sich manövrieren und mit nach oben geklappter Lauffläche zumindest etwas kompakter verstauen. Noch sind die entscheidenden Teile unter Plastikfolien versteckt und mit Warnhinweisen versehen. Bloss nichts kaputt machen.

Während wir vorsichtig daran herumhantieren, marschieren die Möbelpacker mit den ersten Umzugskartons ein und machen kurzen Prozess mit unserem Problem. «Wo muss das hin?» Zack, bumm und weg ist das Ding. Zurück bleibt jede Menge Styropor, Plastik und der mit dem Bowflex-Logo bedruckte Karton. Wir verfrachten die werblichen Überreste in den Keller und sehen das Band zwei Stockwerke höher wieder. Bereit zum Aufbau.

Der neue Keller ist dann auch gleich voll.
Der neue Keller ist dann auch gleich voll.

Viele Schrauben und ein Kabelbruch

«Ihr rettet mich übrigens», sagt Hanna, während wir die Einzelteile sortieren. «Als ich draussen laufen war, bin ich fast gestorben!» Nicht vor Anstrengung, aber schon Anfang März fliegen die ersten Pollen. Das Laufen an sich sei angenehm gewesen und Trainingspläne habe sie auch schon studiert.

«Ohne Ziel ist kein Ansporn da, aber jetzt muss ich ja trainieren», lacht Hanna, die ihren Job als Testerin ernst nimmt und schon beim Auspacken der Schrauben die erste Usability-Beschwerde hat: «Sobald ich die Packung aufreisse, kann ich die Beschriftung der Einzelteile darauf nicht mehr lesen!» Was ist jetzt Schraube A? Und wo findet sich Unterlegscheibe D?

Berufsbedingt nimmt sie die Dinge ganz genau unter die Lupe, wobei unser grösstes Problem mit blossem Auge zu erkennen ist. Durch die seitlich anzuschraubenden Metallstreben, die den Konsolen-Aufbau tragen, läuft ein Kabel. Ein Kabel, dessen Stecker zerquetscht und mit verbogenen Kontakten aus der Kiste kam. Ein Kabel, ohne das nichts gehen wird.

Ernste Gesichter...
Ernste Gesichter...
...eine fummelige Verpackung...
...eine fummelige Verpackung...
...und der GAU – das lädierte Kabel.
...und der GAU – das lädierte Kabel.

 Läuft doch!

Wir biegen per Schraubenzieher den Stecker zurecht, vertagen das Problem auf später und machen einfach weiter. Mit dieser Taktik sind wir schon den ganzen Vormittag gut gefahren. Und im Vergleich zum Transport ist der Aufbau ein Selbstläufer.

Schraube um Schraube nähern wir uns dem Moment der Wahrheit, der kommen wird, sobald Strom fliesst. Mal verhakt sich ein widerspenstiges Plastikteil, mal verwechseln wir die Unterlegscheiben, mal klemmt ein Gewinde. «Du musst das mit Gefühl machen», mahnt Hanna und zieht die Schrauben fest.

Mann guckt, Frau schraubt. So wird das was.
Mann guckt, Frau schraubt. So wird das was.

Viel mehr als wir kannst du nicht falsch machen. Viel weniger auch nicht.

Es dauert nicht länger als eine Stunde, bis wir fertig sind. «Der Transport war ein Abenteuer, aber das hab ich mir schlimmer vorgestellt», sagt Hanna. Wenn uns jetzt das Kabel keinen Strich durch die Rechnung macht, ist das Werk vollbracht. Und siehe da – der Strom fliesst. Hanna läuft. Der Aufbau ist geschafft. Das Aufbautraining kann beginnen. Und sie kündigt an: «Wenn ich etwas anfange, dann ziehe ich das auch durch.»

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Drei Tage später meldet sie sich per Mail. Ich befürchte schon, dass das Kabel den Geist aufgegeben hat. Zum Glück nicht. Hanna hat bereits Trainings- und Testpläne im Kopf und noch etwas auf dem Herzen.

«Ich habe mich vor lauter Umzugschaos gar nicht so richtig schön gefreut. Stell dir einfach das Kermit GIF vor, das bin ich jetzt mit meinem Bowflex ;))»
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Michael Restin
Michael Restin

Editor, Zürich

Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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