Ich bin meinen Pflanzen egal

Ich bin meinen Pflanzen egal

Natalie Hemengül
Natalie Hemengül
Zürich, am 03.06.2021
Wöchentlich investiere ich mehrere Stunden liebevoller Zuneigung in meine Zimmerpflanzen. Die scheint das aber nicht zu kümmern. Einblick in die Dynamik einer einseitigen Beziehung.

Pflanzen sind undankbar. Ich würde sogar noch weiter gehen und sie als das verletzungsfreie Pendant zu Katzen bezeichnen. Vorausgesetzt, es sind keine Kakteen im Spiel. Du gibst ihnen Wasser, Nährstoffe, Liebe und Streicheleinheiten. Und manchmal, wenn niemand zu Hause ist, sprichst du ihnen in hoher Babystimme Komplimente aus oder haust ihnen ein paar «grün hinter den Ohren»-Dad-Jokes um die Blätter. Deine Zuneigung quittieren sie mit Schikanen unterschiedlicher Art. Oder sie sterben ganz weg. Je nachdem, worauf sie grad so Lust haben. Schlussendlich treiben sie dich in den Wahnsinn.

Hier sind sechs Dinge, die ich für meine Pflanzen tue, die ihnen aber schlichtweg egal sind.

1. Ins rechte Licht rücken

Manchmal komme ich mir vor wie ein High-Society-Mami, das an einer Kindermodenschau mit ihrem Sprössling an der Hand dem Scheinwerferlicht nachjagt. Ständig schiebe, drehe oder platziere ich meine grünen Schützlinge um, nur damit sie auch ja genug Licht abbekommen oder nicht verbrennen. Das Resultat? Blattspitzen so knusprig, dass die Pommes aus dem Burger King vor Neid erblassen würden und einst rosa Calathea-Streifen, von denen nur noch ein cremig ausgebleichtes Weiss zurückbleibt.

Pommes oder Blätter?
Pommes oder Blätter?

2. Ständiges Umtopfen

Wenn sie nicht gerade sterben oder verkohlen, dann wachsen die Pflanzen. Und zwar so schnell, dass nach dem Umtopfen kaum Zeit zum Verschnaufen bleibt, bevor die Nächste nach einem neuen Zuhause für ihre Wurzeln schreit. Verdichtete Erde, hängende Blätter, Wurzeln, die gierig aus den Löchern des Innentopfs wachsen. Es ist ein nie enden wollender Kreislauf. Mein Keller gleicht mittlerweile einem Gartencenter. Innen- und Übertöpfe so weit das Auge reicht. Nach der passende Grösse an Topf für das nächste Umtopfprojekt suche ich trotzdem vergeblich. Ein neuer muss her.

3. Erde mischen

Gewisse Pflanzen wachsen an den merkwürdigsten Stellen unter den unvorstellbarsten Bedingungen: Zwischen Steinplatten, in der Wüste, ja verdammt nochmal, ich habe mal einen Baum gesehen, der mitten in einem See wächst. Meine Zimmerpflanzen hingegen sind Diven. Kein Boden ist gut genug. Die Grünpflanzenerde, die ich mühevoll mit Perlit und Kokosfasern angemischt habe? Der sichere Tod. Naja nicht ganz, aber ich könnte schwören, meine Pflanze rümpft ihre Nase. Oder Luftwurzel.

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4. Von Düngetabellen bis Handfütterung

Letztes Jahr bekam ich von meiner Mutter einen Tomatensteckling. Ich war entschlossen, ihn grosszuziehen und goss ihn täglich über mehrere Wochen hinweg. Stützte ihn, wann immer nötig. Die Ernte fiel dennoch mager aus. Drei kleine Tomätchen. Eine davon angefault. Aus dem Tomatensalat wurde nichts. Meine Disziplin war völlig umsonst.

Auch mein Düngekalender, eine von mir liebevoll gestaltete Tabelle, in die ich für jede Zimmerpflanze einzeln das Düngedatum eintrage, scheint die grünen Gestalten kalt zu lassen. Denn einen positiven Effekt durchs Düngen habe ich irgendwie noch nie zu spüren bekommen. Das höchste Level an Engagement habe ich aber für meine Venusfalle, eine fleischfressende Schönheit, an den Tag gelegt: Ich ging auf Fliegenjagd, weil sie selbst nichts zu fangen vermochte. Doch kaum war der Sommer rum, segnete sie das Zeitliche.

Meine Düngetabelle könnte mal wieder ein Update vertragen.
Meine Düngetabelle könnte mal wieder ein Update vertragen.

5. Krieg den Ungeziefern

Disneys «Das Grosse Krabbeln» wurde bei mir gedreht. Davon bin ich überzeugt. Spinnmilben, Trauermücken oder wer weiss, was es sonst noch so alles gibt: Meine Pflanzen haben Ungeziefer jeder Art schon mehr als einmal in meine vier Wände eingeladen, ohne mich um Erlaubnis zu fragen. Also ziehe ich immer mal wieder in den Krieg, ausgerüstet mit giftigen Brausetabletten fürs Giesswasser, scheusslich gelben Klebefallen und «Schädlings-Stop»-Sprays, die meiner Hoffnung auf ein ungezieferfreies Leben mehr zuleide werken als dem Ungeziefer selbst. Bis heute unterhalte ich in jedem zweiten Pflanzentopf einen Trauermückenfriedhof.

Dieser Friedhof hat keinen abschreckenden Effekt.
Dieser Friedhof hat keinen abschreckenden Effekt.

6. Kosmetische Pflege

Da meine Zimmerpflanzen keinen Regen zu spüren bekommen, bleibt das Abstauben, Reinigen und je nach Pflanzenart auch das Einsprühen mit Wasser an mir hängen. Es ist mir jedoch ein Rätsel, wie sich keine 24 Stunden nach meiner mühseligen Handarbeit schon wieder ein grauer Schleier über die Blätter legt.

Neuer Ärger im Anmarsch.
Neuer Ärger im Anmarsch.

Nach all der Arbeit, den Tränen und der Verzweiflung kommen neue Blätter oder schüchtern sichtbare Ableger einem Lichtblick gleich. Wie ein leises Dankeschön, das jemand in den Wind flüstert. Aber die Freude ist nur von kurzer Dauer, denn mir ist klar: Ein neues Blatt bedeutet neuen Ärger. Und sollte ich es wagen, aus dem Ableger gar eine neue Pflanze heranzuziehen, dann hätte ich einen Mitbewohner mehr, der mich in den Wahnsinn treibt.

Es ist der Anfang vom Ende. Trotzdem tue ich es. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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Natalie Hemengül
Natalie Hemengül

Editor, Zürich

Als Disney-Fan trage ich nonstop die rosarote Brille, verehre Serien aus den 90ern und zähle Meerjungfrauen zu meiner Religion. Wenn ich mal nicht gerade im Glitzerregen tanze, findet man mich auf Pyjama-Partys oder an meinem Schminktisch. PS: Mit Speck fängt man nicht nur Mäuse, sondern auch mich.

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