Mit Kies und Steinen zum Garten des Grauens

Mit Kies und Steinen zum Garten des Grauens

Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Zürich, am 30.03.2021
Kies mag auf der Baustelle wichtig sein, in einem Garten aber hat er nichts verloren. Warum Schottergärten nicht nur unästhetisch und klimafeindlich sind, sondern auch in der Antike den grossen Platon verhindert hätten.

Der Garten: Eine kleinere oder grössere, meist private Fläche, um die Seele baumeln zu lassen. Um den Feierabend oder ein paar Sonnenstrahlen zu geniessen. Gräser, Nutz- und Zierpflanzen werden für ein kultiviertes Stück Natur angepflanzt. Vielleicht steht noch irgendwo eine Paletten-Lounge, um hinzufläzen. Oder eine Feuerschale, die sich laut Kollege Michael Restin in letzter Zeit grosser Beliebtheit zu erfreuen scheint.

Jedenfalls ist die gängigste Assoziation mit dem Garten wohl vornehmlich grün. Und das seit der Antike, wo er vor allem zum Philosophieren und Kontemplieren genutzt wurde. Von Platon über Cicero bis Vergil sind Schilderungen von «loci amoeni» – lieblichen Orten – zu finden. Sie werden effektiv und metaphorisch mit fruchtbarem Boden, Wiesen, Nutz- und Zierpflanzen sowie Vogelgezwitscher ein Einklang gebracht. Auch der Garten Eden oder das christliche Paradies sind Orte der Fruchtbarkeit.

Ein schrecklicher Ort

Ein «locus terribilis» ist das Gegenteil eines solchen lieblichen Ortes. Er manifestiert sich heutzutage im sogenannten Schottergarten. Ein Konzept, derart weit weg von der über Jahrtausende anhaltenden Idealvorstellung, wie McDonald’s von Sterneküche. Ich würde gar behaupten, das Wort «Schottergarten» ist ein Paradoxon. Denn auch der Duden definiert Garten als «begrenztes Stück Land [am, um ein Haus] zur Anpflanzung von Gemüse, Obst, Blumen o. Ä.» Beton und Steine haben dort nichts oder höchstens peripher etwas zu suchen. Warum aber legen Menschen dennoch solche Steinwüsten an?

Eine Steinwüste mit Phallus-Symbol. Bild: @gaertendesgrauens auf Instagram
Eine Steinwüste mit Phallus-Symbol. Bild: @gaertendesgrauens auf Instagram

Lange dachte ich, nur die Stadt Zürich lebe nach dem Motto «Stein schlägt Pflanze». Ganze Plätze werden versiegelt, um sie dann noch pro forma mit ein paar Platanen zu dekorieren. Immerhin lässt sich auf dem Kies gut Pétanque spielen. Doch auch um Einfamilienhäuser werden Steine drapiert. Laut repräsentativer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung e.V. sind 15 Prozent der deutschen Vorgärten versiegelt. Aber auch in der Deutschschweiz sind die Schottergärten laut Studie der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz beliebt. Hier sei das Phänomen vor allem in der Agglomeration und auf dem Land anzutreffen. Das ist nicht verwunderlich, sind die Städte schon so versiegelt, dass die Bewohner*innen um jede Grünfläche froh sind.

Blumenwiese statt Steinwüste

Das Hauptargument der Kiesgartenbesitzer ist dabei die Pflegeleichtigkeit. Klar, die Steine brauchen keine Aufmerksamkeit, sie verändern sich höchstens durch Erosion. Doch der Schein trügt. Denn nach etwa zwei, drei Jahren bildet sich ohne Pflege trotzdem Unkraut und Moos. Durch organische Ablagerungen wird auch das Kunststoffvlies mit der Zeit zum keimtauglichen Untergrund. Dann muss das Vlies ausgetauscht und die Steine gewaschen oder erneuert werden.

Dennoch, der Schottergarten gibt weniger Arbeit als Beete voller Gemüse, Kräuter und Blumen. Aber warum dann nicht lieber eine Blumenwiese? Sie bietet Flora und Fauna einen Lebensraum und tut im Gegensatz zum Schottergarten auch etwas fürs Mikroklima. Denn Pflanzen transpirieren und sorgen für einen Temperaturausgleich. Die Steine hingegen heizen sich und ihre Umgebung im Sommer massiv auf. Wenn’s regnet, steht das Wasser wegen des verdichteten Bodens im Schotterbeet, anstatt durch die Erde gefiltert ins Grundwasser abzulaufen.

Gärten des Grauens

Auch mit der Ästhetik wird ab und zu argumentiert. Zeitgemäss und ordentlich seien die Kiesgärten. Um sich vom Gegenteil zu überzeugen, genügt ein Blick auf den Instagram Account «Gärten des Grauens». Dort sammelt der studierte Biologe Ulf Soltau Bilder deutscher Schottergärten und kommentiert sie wunderbar satirisch. Bei seinen Beispielen werden sogar Gartenzwerge und Mähroboter stilvoll.

Auch die Gemütlichkeit geht mit dem Kies komplett verloren. Barfuss laufen ist nicht, ausser du trainierst gerade für die Fakir-Meisterschaft. Wenn das Kind stolpert, gibt’s statt einem Grasfleck gleich ein offenes Knie. Schottergärten sind nicht die Lösung, in keinem Fall. Sie sind unästhetisch, schlecht für die Biodiversität und fürs Mikroklima, sowie weniger pflegeleicht als gedacht. In der tristen Umgebung keimen Ideen genauso wenig wie Blumen. Ich bin sicher, wäre der Schottergarten schon in der Antike in Mode gekommen, wäre aus Platon nie ein so wichtiger Philosoph und aus Cicero nie ein so grosser Redner geworden.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger

Editor, Zürich

Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Menschen, Gedanken und Lebenswelten kennenzulernen,. Journalistische Abenteuer lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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