Ich helfe dir ja gerne beim Zügeln, aber …

Ich helfe dir ja gerne beim Zügeln, aber …

Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Zürich, am 02.10.2020
In meinem Freundeskreis herrschen Bewegungsströme wie bei Moses Auszug aus Ägypten. Meine Werte diktieren mir, beim Zügeln zu helfen. Ich erwarte vom Umziehenden aber ein Mindestmass an Anerkennung. Du ora und ich labora, das funktioniert so nicht.

Lieber Freund, dem ich dir helfen soll beim Zügeln. Deine neue Wohnung komme, dein Wille geschehe, aber überstrapaziere nicht meine Nerven. Ich bin kein Sklave, kein Zügelunternehmen. Ich bin an einem Samstag freiwillig hier. Deshalb gestalte mir das Martyrium so angenehm wie möglich, indem du dich an diese fünf Gebote hältst.

1. Mein täglich Brot gib mir heute

Ich stehe für dich früh auf. Vielleicht sogar mit etwas Kopfweh. Liebe deinen Nächsten. Ich halte mich daran, also bitte auch du. Ich erwarte morgens nicht viel. Ein Gipfeli und vor allem Kaffee reichen aus. Aber ohne wird’s schwierig mit der Laune und mit der Lust, dein Boxspringbett fünf Stockwerke nach unten zu schleppen.

2. Du sollst schon gepackt haben

Es gibt ungeschriebene Gesetze. Zum Beispiel, dass man eine neue Rolle Klopapier in die Halterung schiebt, wenn man die letzte aufgebraucht hat. Oder, dass man sich beim Runden zahlen abwechselt. Oder aber auch, dass deine Wohnung in Kisten verpackt ist, wenn ich dort auftauche. Du hast nicht gut gelaunt am Frühstückstisch in deiner noch komplett eingerichteten Wohnung zu sitzen. Höchstens deine Moka darf zur Erfüllung des ersten Gebots noch auf dem Herd stehen. Der Rest hat transportbereit zu sein.

3. Du sollst zeitlich grosszügig planen

«Geht ja alles ruckzuck, kein Problem. Der Lieferwagen ist bis 14 Uhr gebucht, schaffen wir locker.» Nein. Unterschätze die Arbeit nicht. Unterschätze das Verlangen nach ein paar Pausen nicht. Stresse mich nicht mit penibel durchgetakteten Excel-Listen. Verliere nicht die Contenance, wenn wir dem Plan zehn Minuten hinterherhinken. Mach keine Pläne mehr für den Tag und lade nicht schon nachmittags Leute ein, die nur dabei helfen, das kühle Bier zu trinken.

4. Du sollst mich nicht deine Kleider einräumen lassen

Der Umzug beginnt für mich mit gepackten Kisten und endet mit gepackten Kisten. Ich helfe dir gerne dabei, deine Möbel aufzustellen, räume die Boxen ins richtige Zimmer, aber ich sortiere sicher nicht deine Kleider nach Farben. Das machst du bitte alleine und in Ruhe über die nächsten Tage. Dafür brauchst du mich nicht, dafür bin ich nicht hier.

5. Du sollst selber arbeiten

Delegieren ist zusätzlich zu, nicht stellvertretend für körperliche Arbeit zu verstehen. Du sollst nicht herumstehen und mir sagen, wo ich was hinzutragen habe. Schreibe die Kisten vorher an, dann kannst du problemlos mitschleppen. Ich hole auch nur ungern den von dir gemieteten Lieferwagen irgendwo in der Agglo ab und hinterlege eine Kreditkarte oder Bargeld als Depot. Nur, um beim Zurückgeben festzustellen, dass die Vermietung seit 12 Uhr geschlossen ist. Ich darf dann wochentags nochmals dorthin fahren, um das Finanzielle zu regeln, nur, weil du nicht Autofahren kannst. Übernimm Verantwortung für deinen Umzug.

Summa summarum sollst du nicht die ganze Hand nehmen, wenn ich dir bereitwillig den kleinen Finger gebe. Ich mache das, weil ich dich mag und das gerne auch in Zukunft behaupten würde. Darum tu, was du kannst, vor und während des Zügelns.

Amen.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger

Editor, Zürich

Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Menschen, Gedanken und Lebenswelten kennenzulernen,. Journalistische Abenteuer lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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