Infrarot-Fotografie geht auch einfach

Infrarot-Fotografie geht auch einfach

David Lee
David Lee
Zürich, am 29.05.2020

Erste Infrarotaufnahmen mit der selbst modifizierten Kamera: Ich habe mich auf ein kompliziertes Unterfangen gefasst gemacht. Doch es geht erstaunlich leicht. Viel schwieriger und aufwendiger ist die anschliessende Bearbeitung der Bilder.

Mein erster Test mit meiner Infrarotkamera hat mir sogleich brauchbare Bilder geliefert. Dabei ging ich nur ein bisschen spazieren und knipste dies und das – ohne Stativ und komplizierte Vorbereitungen. Laut den Anleitungen, die ich im Web gelesen habe, wäre Infrarotfotografie recht kompliziert. Ich weiss jetzt: Es geht auch einfach.

Im Winter habe ich mir aus einer alten Nikon D90 eine Infrarotkamera gebastelt. Vor dem Sensor einer Digicam befindet sich ein Sperrfilter, der Infrarot abhält. Dies verbessert beim normalen Fotografieren die Bildqualität; doch für Infrarotfotos muss der Filter weg. Dazu ist ein ziemlich tiefer chirurgischer Eingriff in die Kamera nötig. Doch selbst ich als handwerklicher Spast habe es – mit freundlicher Unterstützung von Kevin «Dr. Dremel» Hofer – an einem einzigen Tag geschafft.

  • KnowhowFoto und Video

    Teardown: Ich bastle mir eine Infrarotkamera

Jetzt im Frühsommer ist endlich die richtige Jahreszeit für Infrarotaufnahmen. Der Effekt zeigt sich vor allem an grünen Pflanzen. Solange die Bäume keine Blätter tragen, kannst du die IR-Kamera im Schrank lassen. Ausserdem ist es im Winter schlicht zu dunkel. Je mehr Licht, desto besser. Selbst grelles Mittagslicht ist willkommen.

Das Entfernen des Sperrfilters allein ergibt noch keine Infrarotbilder. Es braucht vor dem Objektiv einen Filter, der das sichtbare Farbspektrum grösstenteils abblockt. Ich habe mir den Hoya R72 besorgt, natürlich in der Grösse, die für mein Objektiv passt.

R72 Infrarot Filter (67 mm, Infrarot durchlass Filter)
61,99
Hoya R72 Infrarot Filter (67 mm, Infrarot durchlass Filter)
30

Dieser Filter schluckt eine Menge Licht. Dennoch ist Fotografieren an einem sonnigen Tag ohne Stativ möglich.

So knipse ich Infrarotfotos

Für die Landschaftsfotografie optimal wären eine möglichst tiefe ISO-Empfindlichkeit (100 ISO) und eine mittlere Blende (f/8). Mit diesen Einstellungen müsste ich wegen des Filters so lange belichten, dass ich ein Stativ bräuchte. Doch mit 400 ISO und f/4 kann ich problemlos aus der Hand fotografieren. Ich nutze dabei meist den Weitwinkel und den Bildstabilisator des Objektivs. So gelingen mir Aufnahmen mit 1/20 Sekunde Belichtungszeit ohne Verwackler.

Dass ich ohne Stativ fotografieren kann, hat noch einen anderen Grund. Die Kamera kann trotz IR-Filter ein brauchbares Live-Sucherbild anzeigen. Im Sucher der Spiegelreflexkamera sehe ich nichts, weil der IR-Filter das gesamte für mich sichtbare Farbspektrum blockiert. Der Bildschirm dagegen zeigt das Bild, wie es der Sensor sieht, und anscheinend bekommt der genug Infrarotlicht, um ein gut sichtbares Bild darzustellen. Sogar der Autofokus funktioniert.

Ob das Live-Bild hell genug ist, hängt von den Einstellungen ab. Die Bildschirmhelligkeit steht auf dem Maximum, da ich vorwiegend in der Sonne fotografiere. Zudem bringe ich die Nikon D90 mit einem Trick dazu, ein besonders helles Live-Bild anzuzeigen. Ich fotografiere mit manuellen Einstellungen, also im Modus M und drehe die Belichtungskorrektur hinauf. Je höher die Belichtungskorrektur, desto heller wird das Sucherbild, obwohl dies im Modus M keinen Einfluss auf die Helligkeit des Fotos hat.

Damit ist das Foto zwar meist dunkler als das Sucherbild. Aber das wäre auch sonst der Fall, denn die Belichtungsmessung funktioniert mit dem IR-Filter nicht zuverlässig. Das ist auch der Grund, wieso ich mit manuellen Einstellungen fotografiere.

Ohne das Live-Sucherbild müsste ich auf dem Stativ ein Bild ohne IR-Filter machen, um die richtige Bildkomposition zu wählen, dann den Filter aufschrauben und – wahrscheinlich mehrere – Versuche durchführen. Kommt hinzu, dass nach einem Umbau der Spiegelreflexkamera der Autofokus nur im Live View korrekt arbeitet. Daher: Unbedingt eine Kamera mit Live View für den Umbau nehmen, keinesfalls eine uralte Spiegelreflexkamera wie die Nikon D80! Das Fotografieren wird dadurch um Welten einfacher.

Geeignete Motive

Pflanzen mit grünen Blättern sind das Motiv schlechthin bei der Infrarotfotografie. Gerne natürlich in Kombination mit anderem, aber zumindest ein bisschen Grünzeug gehört immer dazu. Vor dem meist sehr dunklen Himmel erscheinen die hellen Blätter besonders eindrücklich. Voraussetzung dafür ist, dass der Himmel nicht bedeckt ist. Kleine Schönwetterwolken dagegen sind okay, sie machen das Bild sogar interessanter.

Im Wald mache ich normalerweise keine Fotos, weil sie mir immer misslingen. Die Kamera kommt nicht mit den grossen Helligkeitsunterschieden zurecht und stellt auch die Farben immer falsch dar. Mit der Infrarotkamera kein Problem: Schattige Stellen sind nie ganz dunkel und auch Überbelichtung kommt seltener vor. Die Farben müssen ja sowieso nicht stimmen.

Nachbearbeitung

Das Schwierigste finde ich bislang die Nachbearbeitung. Unter anderem, weil ich mich nicht für eine Möglichkeit entscheiden kann. Schwarzweiss bietet sich an, weil das Farbspektrum sowieso eingeschränkt ist. Aber auch bunt hat seinen Reiz. Und da ist die Frage: Was färbe ich wie ein?

Wenn ich mal weiss, was ich will, kann ich es oft nicht umsetzen. Infrarotaufnahmen haben ein sehr schmales Farbspektrum. Beim «Einfärben» wird dieses auseinander gezogen. Dafür brauchst du unbedingt ein RAW-Foto. Aber selbst damit bringe ich längst nicht jede gewünschte Farbgebung hin.

RAW ist auch nötig, um den Weissabgleich verlustfrei zu korrigieren. Ein unbearbeitetes Infrarotbild sieht je nach Weissabgleich rötlich bis bläulich aus. Um den Farbstich aus den Pflanzen rauszubringen, drehst du den Weissabgleich aufs Minimum (2000 K) und die Tonung sehr stark in Richtung Grün.

Meines Wissens ist es in Lightroom nicht möglich, den Himmel blau einzufärben. In Photoshop geht es relativ einfach: Mit dem Menübefehl Bild > Korrekturen > Kanalmixer. Der Blaukanal wird rot gefärbt und umgekehrt.

Der Himmel geht bei meinen Aufnahmen ins Rötlichbraune, während die Pflanzen eher eine violette Tönung haben. Diesen kleinen Unterschied mache ich in der Nachbearbeitung ganz gross.

Fazit: Bis auf weiteres ohne Stativ

Ich habe Spass an der Infrarotfotografie. Der Einstieg ist leicht. Ich brauchte zwar einen Moment, bis ich den Dreh raus hatte, aber nicht so lange, dass es mich frustriert hätte.

Mit einem Stativ könnte ich sicher noch etwas an Bildqualität herausholen. Aber ich bin zufrieden. Ohne Stativ kann ich mehr Fotos machen, was ein klarer Vorteil ist. Denn es hat sich gezeigt, dass ich oft erst beim Bearbeiten herausfinde, welche Aufnahme sich gut in die gewünschte Richtung bringen lässt und welche nicht.

Wenn du eine Infrarotkamera hast, dann benutz sie jetzt. Beste Jahreszeit. Wenn du noch keine hast, aber eine umbauen (lassen) willst, nimm unbedingt eine mit Live View. Sie sollte nicht älter als zehn Jahre sein.

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David Lee

Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere. 


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