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Diese Fahrradbrille ist Action-Kamera, Open-Ear-Kopfhörer und Walkie-Talkie in einem
von Patrick Bardelli

Action-Kamera, Open-Ear-Kopfhörer, Walkie-Talkie und Sportbrille in einem. Der Launch der «Ranger» des chinesischen Brands BleeqUp auf dem World Mobile Congress hat letztes Jahr in Barcelona hohe Wellen geschlagen. Ich habe die Wunderbrille unterdessen getestet: Mein Eindruck bleibt zwiespältig.
Eine 4-in-1-KI-Sportkamerabrille. Ich kann das fast nicht schreiben, ohne mich mehrfach zu vertippen. Sei’s drum. Als der chinesische Brand BleeqUp letzten März auf dem World Mobile Congress in Barcelona das nach eigenen Angaben weltweit erste Produkt dieser Art vorgestellte, war die Aufregung gross. Vereint die «Ranger» doch Action-Kamera, Open-Ear-Kopfhörer und Walkie-Talkie in einem. Und natürlich ist sie in erster Linie auch noch Sportbrille.
Das Unternehmen sei Vorreiter bei der Integration einer KI-gesteuerten, hochwertigen Kamera in professionellen Fahrradbrillen, schrieb BleeqUp damals. Die Brille ermögliche es, Videos oder Fotos der Fahrt aufzunehmen, automatisch zusammenzuschneiden und mit den Begleitern auf der Strasse in Kontakt zu bleiben. Ich hatte über die «Ranger» vor einem Jahr bereits berichtet:
Mittlerweile gibt es weitere KI-Brillen anderer Anbieter. Allen voran etwa die Oakley-Meta-Modelle.
Die «Ranger» wiegt inklusive Glas exakt 49 Gramm (mit der Küchenwaage nachgewogen). Der Rahmen besteht aus TR90, einem hochwertigen thermoplastischen Kunststoff. Dieser wird vor allem für leichte, flexible und robuste Brillengestelle genutzt. Bei den Gläsern kooperiert BleeqUp mit Zeiss und bietet unterschiedliche Varianten und Farben mit einem UV400-Schutz an. So sollen 100 Prozent der schädlichen UVA- und UVB-Strahlen blockiert werden.
Positiv: Im Lieferumfang ist ein Clip für Korrekturgläser enthalten.
Die im Rahmen der «Ranger» verbaute Kamera ermöglicht sowohl Foto- als auch Videoaufnahmen. Die entsprechenden Einstellungen lassen sich in der BleeqUp-App verwalten. Da beispielsweise beim Rennvelofahren der Kopf in einem flacheren Winkel gehalten wird als bei anderen Sportarten wie Joggen oder Mountainbiken, gibt es in der App eine spezielle Rennrad-Perspektive. Bei meiner ersten Ausfahrt mit der Brille hatte ich das noch nicht aktiviert. Das sah so aus:
Mit der richtigen Konfiguration dann so:
Dank der elektronischen Bildstabilisierung sind die Aufnahmen auch auf holprigen Schotterstrecken flüssig und nicht verwackelt. Die Videos können direkt in der App bearbeitet respektive geschnitten werden. Auch hier gibt es die Möglichkeit, auf künstliche Intelligenz zurückzugreifen: Die KI wählt automatisch diverse Highlight-Momente aus und erstellt eine gekürzte Version. Sie erkennt beispielsweise Weggabelungen oder Gebäude und setzt dort entsprechende Marker. Solche Marker lassen sich während der Fahrt auch manuell setzen und die Aufnahmen danach händisch schneiden.
Es stehen gemäss Hersteller 32 GB Speicherkapazität für 4,5 bis 5,5 Stunden Videomaterial zur Verfügung. Auch die Fotoaufnahmen lassen aus meiner Sicht nichts zu wünschen übrig:

Vom belgischen Brand Lazer gibt es seit letztem Herbst fürs Velo ein Audio- und Kommunikationssystem mit Open-Ear-Design, das ich rege nutze. Der Sound der «Ranger» ist jedoch um einiges besser. Vor allem die satten Bässe gefallen mir gut. BleeqUp hat in der «Ranger» je zwei Vollfrequenz- und zwei Hochfrequenzlautsprecher verbaut.
Allerdings unterbricht die Musik unterwegs immer mal wieder. Das war bei meiner ersten Runde mit der Brille so oft der Fall, dass ich das Teil schon abschreiben wollte. Während rund 50 Minuten stellte die Musik zehnmal ab. Unterdessen passiert das pro Stunde vielleicht ein- bis zweimal. Das ist zwar ein wenig nervig, mit einem Klick auf die Brille oder die Fernbedienung, die separat dazugekauft werden kann, läuft der Sound dann aber weiter. Ich habe bis jetzt nicht herausfinden können, warum das passiert, und gebe natürlich einen Abzug bei der Bewertung.
Apropos Fernbedienung: Diese zusätzliche Investition lohnt sich aus meiner Sicht allemal. Sie passt auch auf meinen Aerolenker und ermöglicht mir die Steuerung der Brille, ohne dass ich dauernd im Gesicht rumfummeln muss.

Auch das Telefonieren mit der KI-Brille klappt ohne Probleme. Dabei ist die Tonqualität auf beiden Seiten einwandfrei. Dank der verbauten Mikrofone und Lautsprecher sogar besser als mit dem üblichen Smartphone. Die «Ranger» bietet auch eine Walkie-Talkie-Funktion, mit der auf Gruppenfahrten mit anderen Fahrerinnen und Fahrern kommuniziert werden kann. Diese Funktion habe ich nicht getestet.
Ein weiteres Teil, das separat dazugekauft werden kann, ist ein externes Akku-Modul. Dieses erhöht die Akkulaufzeit der «Ranger» erheblich. Das Modul kann dabei an der Rückseite des Helms angebracht und über ein kleines Ladekabel mit der Brille verbunden werden. Ausserdem dient es als zusätzliches Rücklicht.
Die folgenden Daten des Herstellers zur Akkulaufzeit beziehen sich auf eine einzelne Sitzung mit kontinuierlichem Filmen oder Hören:
Die Angaben ohne das Modul decken sich mit meinen Erfahrungen. Und auch die Zahlen zur Nutzung mit der zusätzlichen Powerbank scheinen mir realistisch zu sein, auch wenn ich nicht 40 Stunden oder mehr mit der «Ranger» unterwegs war.

In der BleeqUp-App lassen sich natürlich auch Fahrten aufzeichnen. Das funktioniert alles reibungslos. Allerdings weichen die Daten teilweise doch erheblich von denen meines GPS-Fahrradcomputers von Garmin ab. Speziell bei den bewältigten Höhenmetern ist die Differenz mit fast 100 Metern beim beschriebenen Beispiel beträchtlich. Aber auch bei der zurückgelegten Distanz gibt es signifikante Abweichungen. Ich verlasse mich da also voll und ganz auf das Produkt von Garmin.


Ich gebe der KI-Brille von BleeqUp drei von fünf möglichen Sternen. Einen ziehe ich ab wegen der Tatsache, dass sich die Musik immer mal wieder von allein verabschiedet. Das nervt. Den zweiten Abzug gibt’s für die ungenaue Datenerfassung im Vergleich zum GPS-Fahrradcomputer.
Soviel zu den Abzügen. Die Brille punktet jedoch auch mit vielen Vorzügen:
Die Tonqualität ist sehr gut. Dabei spielt es keine Rolle, ob ich Musik höre oder telefoniere. Das passt. Auch die Qualität der Videos und Fotos überzeugt mich. Es ist schon verrückt, wie viel Technologie in 49 Gramm Kunststoff Unterschlupf findet. Die Kombination mit dem zusätzlichen Akku und der Fernbedienung für den Lenker (es gibt beides beim Hersteller auch mit Ersatzgläsern im Bundle) wertet das Produkt zusätzlich auf.
Auch die App gefällt mir gut. Sie ist übersichtlich gestaltet und recht intuitiv zu bedienen. Ausserdem ist sie seit Kurzem neben Englisch auch in deutscher Sprache gehalten.
Und trotz all dieser positiven Punkte hinterlässt die «Ranger» bei mir einen zwiespältigen Eindruck. Das liegt jedoch weniger an der Brille selbst als vielmehr an einem grundsätzlichen Unbehagen. Will ich wirklich auch draussen in der Natur auf dem Velo von künstlicher Intelligenz überwacht, pardon, begleitet werden? Und warum hat sich die Brille einmal während der Nacht von allein eingeschaltet und mit meinem Smartphone verbunden?
Pro
Contra
Vom Radiojournalisten zum Produkttester und Geschichtenerzähler. Vom Jogger zum Gravelbike-Novizen und Fitness-Enthusiasten mit Lang- und Kurzhantel. Bin gespannt, wohin die Reise noch führt.
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