
KI-Slop direkt aus der Kamera: Caira bringt mich zum Nachdenken
Generative KI verschwindet nicht wieder, bloss weil wir sie nicht mögen. Sie schleicht sich sogar in die Kameras selbst ein – die Caira ist ein erster Vorgeschmack davon. Wir brauchen dringend eine einfache und verlässliche Zertifizierung von Fotos.
Das musste ja kommen: Eine Kamera, die mit generativer künstlicher Intelligenz arbeitet. Die Caira ist momentan noch ein Crowdfunding-Projekt, doch es gibt schon zahlreiche Testberichte. Du schiesst damit ein Foto, schaust es an, und dann sagst du, was die Kamera ändern soll. Ändern kannst du prinzipiell alles: Aus einem verregneten Tag einen sonnigen machen, ein Mittagsfoto zu einer Nachtaufnahme umfunktionieren, die Farbe der Kleider ändern. Du kannst dich auch schöner machen, als du bist. Dafür greift die Caira auf den KI-Bildgenerator und -Editor Google Nano Banana zurück.
Es gibt vieles, was mich an dieser Kamera stört. Dass sie nur in Kombination mit einem iPhone verwendet werden kann. Dass du für die KI-Funktionen monatliche Abogebühren zahlst. Dass der Hersteller sein Vorgängermodell von 2021 immer noch nicht an alle Unterstützer ausgeliefert hat. Aber das sind alles Kleinigkeiten im Vergleich zur KI-Funktion, denn diese wirft zahlreiche grundsätzliche Fragen auf.
Die Kamera ist nur der Auslöser
Im Kern geht es gar nicht um die Kamera, denn sie nutzt ein Tool, das es ohnehin gibt. Hier steht die generative KI nun aber direkt in einer Kamera zur Verfügung, mehr noch: ohne sie ergibt die Kamera keinen Sinn. Caira lässt sich zwar auch ohne Nano Banana nutzen, hat dann aber verglichen mit einer herkömmlichen Kamera nur Nachteile.
Einmal mehr muss ich über die Frage nachdenken: Wie sieht die Zukunft der Fotografie und überhaupt unser Verhältnis zu Bildern aus?
Social Media war schon im letzten Jahrzehnt viel Schein und wenig Sein; jetzt, mit KI-Slop, wird es noch extremer. Wir sind in ein Zeitalter des allgemeinen Misstrauens eingetreten. Alles gerät in Verdacht, nicht echt zu sein. Auch echte, aussergewöhnliche Kunst. Das ist nicht nur schlecht für die betroffenen Künstlerinnen und Künstler, es ist schlecht für alle: Wir verlieren die Fähigkeit, zu staunen.
Menschen haben seit jeher die Neigung, das zu glauben, was sie glauben wollen. Die Fotografie und der Dokumentarfilm wirken dem entgegen, indem sie ermöglichen, Dinge zweifelsfrei zu belegen. Doch das ist vorbei. Angesichts der KI-Manipulationen kann alles angezweifelt werden und jeder glaubt wieder einfach das, was ihm in den Kram passt.
Klar, die Beweiskraft der Bilder wurde schon immer zur Manipulation genutzt. Aber das Argument «das hat es schon früher gegeben» zielt am Kern der Sache vorbei. Es geht um das Ausmass. Was früher die Ausnahme war, ist heute die Norm.
Die Echtheit von Fotos zertifizieren
Ich könnte den Ozean von KI-Slop deutlich entspannter hinnehmen, wenn ich wüsste, dass ich auch in Zukunft echte Fotos von unechten unterscheiden kann. Hoffnung machen mir kryptografische Verfahren, die genau das sicherstellen sollen. Das eine ist C2PA, ein softwarebasiertes Verfahren. Ein Forschungsprojekt der ETH verifiziert die Echtheit sogar auf Hardware-Ebene. Damit C2PA sich breit durchsetzt, müsste aber zumindest mal Instagram aufhören, ihren Sinn absichtlich falsch zu verstehen: Es geht nicht darum, KI-Slop zu zertifizieren, sondern die Herkunft und die Bearbeitungsschritte von Fotos transparent zu machen.
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.
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