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Pia Seidel
News & Trends

Mailand hat gehört: Sound ist jetzt Einrichtung

Pia Seidel
13.5.2026
Bilder: Pia Seidel

Eigentlich wollte ich Möbeltrends scouten. Doch ich hätte Tomaten auf den Augen haben müssen, um den Hype um all die ausgefallenen Speaker zu übersehen.

Erst das Objekt, jetzt der ganze Raum: Schon letztes Jahr haben Plattenspieler auf den Messen für Aufsehen gesorgt. Diesmal waren Lautsprecher das Thema der Mailänder Designwoche 2026. Sie standen auf Podesten, auf Ständern, in Übergrösse. Aus Marmor, verkohltem Holz, gebürstetem Aluminium. Manche sahen aus wie Skulpturen, andere wie Altäre.

Stille war gestern

Lange hat die Designszene Schall eher bekämpft als gefeiert – Dämmung, Akustikmaterialien, Stille als Luxus. Das hat sich gedreht. Pontus Berghe, Gründer vom Vintage Audio Institute Italia, bringt es gegenüber Wallpaper* auf den Punkt: «Ich glaube, das Publikum der Mailänder Designwoche hat's satt, Stühle und Leuchten in stillen Räumen zu betrachten.»

The Altar of Presence ist ein Raum, kuratiert vom Mailänder Designstudio Studio Musa mit Textilien von Fidivi Tessituravergnano aus Italien.
The Altar of Presence ist ein Raum, kuratiert vom Mailänder Designstudio Studio Musa mit Textilien von Fidivi Tessituravergnano aus Italien.

New Fidelity: Das Audiosystem als Teil des Raums

Am Gruppenformat Deoron wurde sehr deutlich, wohin die Reise geht. Das «Brutalisten»-DJ-Pult von Yont Studio mit Lautsprechern von New Fidelity und handgemachten Schweizer Mischpulten von Varia Instruments durchflutete Instagram.

New Fidelity hatte das System über ein Jahr entwickelt – für genau diesen Raum. Sattes Braunrot, das an alte Industrieböden erinnert. Eine vertikale Präsenz, die die volle Raumhöhe bespielt. «Eine fast sakrale Erscheinung», schreibt das Label selbst. Das Ziel: Hi-Fi-Präzision und Pro-Audio-Leistung in einem System.

Brutalismus trifft Hi-Fi: das DJ-Pult von Yont.
Brutalismus trifft Hi-Fi: das DJ-Pult von Yont.
Alles selbst entwickelt und gebaut – die Boxen stammen aus Deutschland.
Alles selbst entwickelt und gebaut – die Boxen stammen aus Deutschland.

Das Berliner Studio Yont, das sich auf Interiors, Möbel und Szenografie spezialisiert hat, wagte mit diesem DJ-Booth einen Schritt in die Klangwelt. Gründer Serdar Ayvaz und Coşan Karadeniz sagen zu Wallpaper*: Soundsysteme sind keine technischen Nebensachen mehr – sie bestimmen, wie Menschen einen Raum nutzen und wie lange sie bleiben. Klang als Material, quasi. Das Erlebnis am Deoron habe sich angefühlt wie ein gotischer Kirchenaltar. Rituell. Magisch.

Studio Ambre x Phasis Audio Systems: Wenn Lautsprecher durch Feuer gehen

Das vielleicht konsequenteste Projekt kam von Studio Ambre aus Paris: Die «Yakisugi» Speakers entstanden in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Unternehmen Phasis Audio Systems. Und sie wurden buchstäblich verbrannt. Nicht als Geste, sondern als Methode.

Das Studio verbrachte ein Jahr damit, zu erforschen, wie sich das Prinzip der japanischen Holzverkohlung auf ein Klangobjekt übertragen lässt. Das Feuer verändert die Eichenoberfläche, die wird dann mit Harz stabilisiert, damit Textur und Spuren des Prozesses sichtbar bleiben.

Verbrannt, verkohlt, stabilisiert: Die Yakisugi Speakers
Verbrannt, verkohlt, stabilisiert: Die Yakisugi Speakers

Das Ergebnis ist kein Gerät mehr. Es ist ein Werk, das sich zwischen Design, Handwerk und Materialexperiment bewegt. Studio Ambre schreibt: «Jedes Stück weist subtile Unterschiede auf, geformt durch das Material und die verschiedenen Phasen der Herstellung.»

Artefakta: Club-Sound trifft Galerie

Bei Comune, einer Ausstellung im Spazio Ivy, zeigte das Atelier Artefakta Audio das «Eraway»-System. Gegründet von Julius Walsch und Mayara Lafratta, verwischen sie die Grenzen zwischen Hi-Fi und PA-Lautsprechern und ehren dabei Clubkultur und Listening-Culture gleichermassen.

Das «Eraway» verbindet die Wärme eines legendären JBL-Basshorns aus den 70ern mit moderner Hi-Fi-Technologie – so beschreibt es Artefakta selbst.

Das Eraway-System von Artefakta: vierwegig, horngeladen, handgefertigt.
Das Eraway-System von Artefakta: vierwegig, horngeladen, handgefertigt.
Präsentiert bei Comune im Spazio Ivy, Mailand – und unter Volllast getestet.
Präsentiert bei Comune im Spazio Ivy, Mailand – und unter Volllast getestet.

Kristallklare Wiedergabe mit physischer Wucht, die sowohl Lagerhallen füllt als auch Galerien mit Detailreichtum beschallt. Artefakta selbst sagt: Grosse Klangerlebnisse bräuchten keine Übertreibungen. Präzision und die richtige Geometrie reichten völlig aus. Dass das System funktioniert, bewies die Nacht, in der es unter Volllast lief – bis die italienische Polizei anklopfte.

Western Acoustics: Musik als Einrichtungsprinzip

Liam Porr, Gründer von Western Acoustics, hielt sein Zuhause für leblos. Nichts darin spiegelte seinen Geschmack oder seine Werte. Musik war die einzige Kunstform, die ihn wirklich bewegte. Also holte er sie rein.

Der Type 2.1 ist das Ergebnis von drei Jahren Entwicklung: eine Bücherregal-Box aus baltischer Birke mit Ahornfurnier, einem handgefrästen Horn aus Massivholz und fünf wechselbaren Grilloptionen. Das geschwungene Horn erinnert an einen Donut. Einen sehr eleganten.

Kompakt, aber mit einer Präsenz, die weit über seine Grösse hinausgeht.
Kompakt, aber mit einer Präsenz, die weit über seine Grösse hinausgeht.
Der Type 2.1 von Western Acoustics aus Ahornholz.
Der Type 2.1 von Western Acoustics aus Ahornholz.

Western Acoustics' Speaker verschwinden nicht im Hintergrund. Sie behaupten, dass das Objekt selbst genauso wichtig ist wie die Musik, die es wiedergibt.

Was sich in Mailand abgezeichnet hat, ist keine Szene-Blase. Listening Bars schiessen weltweit aus dem Boden, Live-Musik-Besucherzahlen sind auf Rekordhoch. Und Lautsprecher stehen an Designmessen neben Möbeln. Klang ist jetzt Einrichtung und gleichberechtigt mit Licht und Material.

Wer also gerade überlegt, was als Nächstes in den Wohnraum kommt: vielleicht ist es kein neues Sofa. Ausgefallene Lautsprecher, die sich sehen lassen können, gibt's auch bei uns.

Titelbild: Pia Seidel

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Wie ein Cheerleader befeuere ich gutes Design und bringe dir alles näher, was mit Möbeln und Inneneinrichtung zu tun hat. Regelmässig kuratierte ich einfache und doch raffinierte Interior-Entdeckungen, berichte über Trends und interviewe kreative Köpfe zu ihrer Arbeit. 


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Vom neuen iPhone bis zur Auferstehung der Mode aus den 80er-Jahren. Die Redaktion ordnet ein.

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