Mit «Free Drive» fällt die Kette weg

Mit «Free Drive» fällt die Kette weg

Michael Restin
Michael Restin
Zürich, am 10.09.2021

Wenn schon elektrisch, dann richtig: Der Automobilzulieferer Schaeffler baut einen E-Antrieb für Velos, der ohne Kette oder Riemen auskommt. Das ist vielleicht nicht schön, aber zukunftsweisend.

Mechanik ist wunderbar. Weil wir sehen und verstehen können, was passiert. Wenn sich am Velo mit dem Druck aufs Pedal die Kette spannt und sich deine Kraft aufs Rad überträgt, ist das einfach und mit einem Wirkungsgrad von bis zu 98 Prozent beeindruckend effizient. Doch die Kette ist auch ein Verschleissteil, das die Konstruktionsmöglichkeiten einschränkt. Momentan wandeln viele (E-)Bikes ihre Gestalt.

Fortschritt im Jahre 1894: Bis heute ist die Kette kaum wegzudenken – auch wenn es vereinzelt getan wird.
Fortschritt im Jahre 1894: Bis heute ist die Kette kaum wegzudenken – auch wenn es vereinzelt getan wird.

Ende einer Beziehung

Wenn es nach dem Schaeffler-Konzern geht, werden die Lastenräder und pedalbetriebenen Kleintransporter der Zukunft von der klassischen Kette befreit. Auch ein Riemenantrieb ist nicht nötig. Der Auto- und Industriezulieferer hat sich gemeinsam mit den Antriebsspezialisten der Heinzmann GmbH «Free Drive» ausgedacht. Damit fütterst du beim Treten einen Generator, der die elektrische Energie an den Radnabenmotor weiterleitet. Dort wird sie dann wieder in mechanische Energie umgewandelt. Du strampelst also nur noch, um zusätzlichen Strom zu erzeugen, während das System dir den Eindruck zu vermitteln versucht, dass du unmittelbar etwas bewegst. Trittst du kräftiger, beschleunigt es entsprechend, obwohl es keine mechanische Verbindung, wie zum Beispiel eine Kette, dazu zwingt.

So kann ein «Free Drive»-Gefährt aussehen.
So kann ein «Free Drive»-Gefährt aussehen.
Bild: Schaeffler.

Bike-by-wire

Fortschritt ist nun mal nicht sentimental. Wenn eine elektronische Lösung in bestimmten Fällen Vorteile gegenüber der mechanischen hat, war's das eben mit der Kette. Es ist das radikale Ende einer direkten Beziehung zum Gefährt. Folgerichtig heisst das Ganze «Bike-by-wire»-System. Ein Begriff, der an das «Fly-by-wire» der Luftfahrt angelehnt ist, bei dem die Steuersignale auf ähnliche Weise an die Ruder geschickt werden und teilweise Computer darüber bestimmen, welches Manöver erlaubt ist. Natürlich haben Flugzeuge aus guten Gründen immer mehrere und teils mechanische Backup-Systeme. Beim «Bike-by-wire» wäre eine Panne nicht gleich eine Katastrophe, aber das abrupte Ende der Fahrt.

Die soll es sehr selten geben. Laut Schaeffler punktet das geschlossene System durch geringen Verschleiss, was den Wartungsaufwand und die Betriebskosten reduziert. Es gibt weniger mechanische Bauteile, die regelmässig ersetzt werden müssen. Liefer- und Leih-Flotten könnten Geld sparen und die Bauweise der Fahrzeuge besser an ihre Bedürfnisse anpassen. Den Strom an die Antriebsräder zu schicken, ist längst nicht so kompliziert wie eine mechanische Lösung und dürfte damit Zukunft haben. Erlaubt ist, was praktisch und ökologisch vertretbar ist. Ob es auch Spass macht, ist eine andere Frage.

Der Pedalgenerator von Schaeffler lässt sich individuell konfigurieren.
Der Pedalgenerator von Schaeffler lässt sich individuell konfigurieren.
Bild: Schaeffler

Warum überhaupt noch treten?

Fragt sich nur, warum du überhaupt noch treten solltest, um ein «Human-Machine-Interface» mit deiner Energie zu füttern. Du wirst nicht schneller werden, als es der Antrieb erlaubt. Du hast keine Kette, um direkt am Rad zu drehen und mehr Leistung auf die Strasse zu bringen. Du bist der Notstromgenerator des Motors, der momentan 250 Watt Dauerleistung bringt. Das klingt nicht gerade nach Fahrspass, eher nach Fitness-Einheit auf dem Ergometer. Oder nach Mühsal für diejenigen, die sich heute schon abstrampeln. «Hamsterrad» wäre ein schöner Projektname für so ein Dynamo-Tretmobil, in dem du nur indirekt zum Vorwärtskommen beiträgst.

Wer in der Lieferbranche arbeitet, leidet in der Regel nicht an Bewegungsmangel und könnte die Strecken von Tür zu Tür auch ohne zu pedalieren fahren. Dem halten die Entwickler entgegen, dass sich das «frei konfigurierbare Pedalgefühl» den jeweiligen Bedürfnissen anpassen lasse. Je nach Gefährt, Besatzung und Vorlieben kann es also völlig unterschiedlich ausgelegt sein. Dass diese Möglichkeiten nützlich sind, leuchtet ein. Für Leute mit sportlichen Ambitionen ist das System eher nicht gedacht, aber auch in diesem Bereich steht schon länger eine kettenlose Konstruktion in den Startlöchern, für deren Weiterentwicklung das Unternehmen CeramicSpeed gerade Investoren sucht.

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    Fährt das Velo der Zukunft ohne Kette?

Beide Ideen werden die gute alte Kette sicher nicht in Rente schicken. Höchstens irgendwann ergänzen. Technisch ist «Free Drive» interessant. Kommt Elektronik ins Spiel, ist zwar der alte Velo-Zauber weg – aber vielleicht entstehen langfristig neue, spannende Formen, die nicht nur praktisch, sondern auch ästhetisch sind.

Was gestalterisch möglich ist, wenn man sich nicht um eine funktionierende Mechanik scheren muss, zeigen die skurrilen Skizzen im Beitrag unten. Dabei sind Menschen wunderschön an der Aufgabe gescheitert, ein klassisches Fahrrad zu zeichnen. Aber sie haben damit eine künstlerische Kettenreaktion ausgelöst. Vielleicht ist das ja ein unbeabsichtigter Fingerzeig, dass die Zukunft nicht nur praktisch, sondern auch schön sein kann. Ob mit oder ohne Kette.

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    Projekt Velocipedia: Die schönsten Velos, die nie gebaut wurden

Titelbild: Schaeffler

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Michael Restin
Michael Restin

Editor, Zürich

Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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