Moon Knight: War das endlich die Wahrheit über Steven und Marc?

Moon Knight: War das endlich die Wahrheit über Steven und Marc?

Luca Fontana
Luca Fontana
Zürich, am 02.05.2022

Die zweitletzte Folge von «Moon Knight» drückt auf die Tränendrüse. Aber was hat es jetzt tatsächlich mit der Anstalt auf sich? Ich habe meine Theorie.

Eigentlich waren keine meiner Folgenbesprechungen zu Marvel-Serien mehr geplant. Zu gross der Aufwand pro Folge. Zu klein die Leserschaft, die sich dafür interessiert. So die Begründung meiner Chefs. Und das ist kein Vorwurf: Unsere internen Zahlen geben ihnen ja Recht. Enttäuscht war ich trotzdem. Ihr auch.

Ja, liebe Leserinnen und Leser, ihr habt Wirkung!
Ja, liebe Leserinnen und Leser, ihr habt Wirkung!

Dann verliess uns unser Kollege – aber vor allem Freund – Dominik. Er liebte meine Folgenbesprechungen. Sehr sogar. Ich konnte nicht anders: Für die vierte Episode setzte ich mich über meine Chefs hinweg. Für ihn. Für mich. Es war meine Art, den Verlust zu verarbeiten. Dabei hätte es bleiben können. Aber die vergangene Folgenbesprechung hat so gut performt, dass ich finde: Ich mache einfach weiter. Auf jeden Fall für «Moon Knight». Danach sehen wir weiter.

In diesem Sinne: Das ist eine Folgenanalyse. Mit Spoilern! Schau dir also zuerst die ersten fünf Episoden von «Moon Knight» an, bevor du weiterliest 🙂


Die fünfte Folge ist durch – und wir sind nur ein bisschen klüger geworden. Wir erinnern uns: Am Ende der vierten Folge wurde Marc Spector aka Steven Grant aka Moon Knight von Arthur Harrow erschossen. Oder nicht? Denn plötzlich erwacht Marc in einer Irrenanstalt. Dort eröffnet ihm Dr. Harrow – Arthur, einfach in Doktorkittel –, dass er sich sein ganzes bisheriges Leben bloss eingebildet hätte.

WTF?

Hat uns die zweitletzte Episode der Serie Antworten gegeben? Jein. Sie gab uns zwei Optionen. Entweder hat Dr. Harrow Recht. Aber ehrlich: Wie hoch stehen die Chancen, dass Marvel tatsächlich bei diesem eher antiklimaktischen Narrativ bleibt? Eben. Bleibt nur die andere Option. Sprich: Ähm… nun, ganz so einfach lässt sie sich gar nicht erklären. Gehen wir’s in Ruhe durch.

Lucas Theorie: Die Einbildung in der Erinnerung

Letzte Woche habe ich erklärt, dass sich Serien-Schöpfer und Regisseur Mohamed Diab stark an den «Moon Knight»-Comics von Autor Jeff Lemire orientiert. Dort gab’s die Irrenanstalt auch. Sie war ein mentales Konstrukt in Marcs Kopf, erschaffen, um Marcs Psyche vollends zu brechen.

Wer die Comics noch lesen und deshalb nicht wissen will, wer dahintersteckt und warum, liest nach dem nächsten Absatz und Bild weiter:


Hinter dem Konstrukt steht Mondgott Khonshu selbst, der endlich aus dem Other Void – dem Ort jenseits unserer Dimension, wo die ägyptischen Götter im Exil leben – entkommen will. Das kann er nur, wenn er die Psyche seines Avatars bricht – Marc Spectors Psyche. So, dass er seinen Körper übernehmen kann.

Die Irrenanstalt könnte fast 1:1 aus dem Lemire-Run stammen.
Die Irrenanstalt könnte fast 1:1 aus dem Lemire-Run stammen.
Marvel Comics

Wie aber läuft’s in der Serie? Meine Theorie lautet so: Marc ist Moon Knight. Nichts, was wir bisher in der Serie gesehen haben, war eingebildet. Alles ist passiert. Inklusive Marcs Tod. Das ist es auch, was uns die Nilpferdgöttin Taweret über die Anstalt erzählt. Die sei eine von Marcs Verstand erschaffene Manifestation der Duat, der ägyptischen Unterwelt. Gleichzeitig ist sie aber auch ein Schiff, auf das Taweret Seelen ins Paradies begleitet – nach A’aru, dem Gefilde der Binsen.

Wer tatsächlich dorthin gelangen will, muss aber zuerst eine Prüfung bestehen. Jedes Herz wird auf der Waage der Gerechtigkeit gewogen. Die zeigt, ob man im Leben gut oder böse war. Nur wenn das Herz gleich viel wie die Feder der Wahrheit wiegt, hat man die Prüfung bestanden. Dass Marcs und Stevens – und vielleicht Jakes? – Herzen alles andere als im Gleichgewicht mit der Feder sind, war ja klar.

Also, nichts mit mentalem Konstrukt, um Marcs Geist zu brechen. Die Anstalt, das Jenseits, Taweret, die Erinnerungen – all das ist real. Aber was ist mit Dr. Harrow, der immer noch darauf beharrt, dass alles nur Einbildung sei? Meiner Meinung nach ist er die Einbildung, und sein Büro der Ort, wo sich Marc zurückzieht, wann immer ihn die traumatischen Erinnerungen an seine Kindheit zu überwältigen drohen. Eine Einbildung in der Erinnerung, sozusagen. Ich muss selber Gehirnakrobatik betreiben, um den Gedanken zu erfassen.

Marcs Traumata – ein anderes als in den Comics

Marcs – und Stevens – Erinnerungen haben es in sich. Sie sind geradezu herzzerreissend. Und das auf einem Niveau, das ich einer Disney+-Serie niemals zugetraut hätte. «Da schauen doch auch Kinder zu», möchte ich fast zynisch sagen. Aber die Macherinnen und Macher halten sich nicht zurück: Wir kriegen die volle Bandbreite von psychischem Missbrauch mit, als Marcs kleiner Bruder bei einem Unfall stirbt, an dem die Mutter Marc die Schuld dafür gibt. Ein Leben lang. Bis zu ihrem Tod.

So entstand Marcs dissoziative Identitätsstörung: Er erschuf Steven Grant, der nichts von dem ganzen Leid mitbekam. Nicht mal von der Existenz seines Bruders. Stevens Funktion ist lediglich, sowas wie Marcs «Stressball» zu sein. Als Steven genau das realisiert, bricht mir das Herz. Stell dir vor, zu erfahren, du hättest nie wirklich gelebt, wärst nie real gewesen, und doch gefüllt mit bewusst selektiven Erinnerungen – einfach nicht die deinen. Oscar Isaac spielt das so gut, dass ich die Tränen zurückhalten muss.

Ich vergesse immer wieder, dass Oscar Isaac beide Rollen spielt. Es ist, als ob es zwei unterschiedliche Personen wären.
Ich vergesse immer wieder, dass Oscar Isaac beide Rollen spielt. Es ist, als ob es zwei unterschiedliche Personen wären.
Bild: Marvel Studios

Die Serie wählt damit ein anderes traumatisches Erlebnis als die Comics, um Marcs mentale Krankheit zu erklären. Dort geht das traumatische Erlebnis nämlich so:

Chicago, das Armenviertel in den 1930ern. Der pazifistische Rabbi Elias flüchtet aus Nazi-Deutschland. Später kommt sein Sohn zur Welt – Marc Spector. Ihr Leben in den USA sollte ein besseres werden als jenes in der Tschechoslowakei, ihrer Heimat. Aber schon als Kind muss Marc ungläubig mit ansehen, wie sein Vater ständig diskriminiert wird, ohne sich je zu wehren.

Nur einer steht ihnen bei: Rabbi Yitz Perlman. Vermeintlich. Denn der eigentlich liebenswerte Perlman entpuppt sich als brutaler Nazi-Deserteur und heimlicher Serienmörder, ständig Jagd auf Juden machend. Perlman nimmt Marc gefangen, foltert ihn. Bis zu den Abgründen des Wahnsinns. Und darüber hinaus.

Der Foltermeister, der Marc Spector in den Wahnsinn getrieben hat.
Der Foltermeister, der Marc Spector in den Wahnsinn getrieben hat.
Bild: Marvel Comics

Marc kann sich aus den Fängen seines Peinigers befreien. Dessen Taten haben aber Spuren hinterlassen: Er entwickelt eine dissoziative Identitätsstörung – eine psychische Erkrankung, bei der mehrere Identitäten in derselben Person alternieren, ohne sich daran zu erinnern, was die jeweils anderen Persönlichkeiten tun oder sagen.

Vom Militär zum Söldner zum Superhelden

Ab hier stimmen Serie und Comic wieder mehr oder weniger überein. Marc verlässt seine Familie. Dort geht er zum Militär, wird unehrenhaft entlassen, weil seine psychische Erkrankung zum Vorschein kommt, und wird darum zum Söldner. Ein Bündnis mit dem sadistischen Bandenchef Raul Bushman soll Marc zu archäologischen Funden führen, die für viele Millionen Dollar auf dem Schwarzmarkt verkauft werden können. Nur: Bushman teilt nicht gerne. Er lässt die mitgereisten Archäologen – und Marc, weil er sich Bushman in den Weg stellt – erschiessen.

Aber Marc stirbt nicht. Noch nicht. Schwer verwundet schleppt er sich mit letzter Kraft zum freigelegten Grab des Mondgottes Khonshu, der ihm dort erscheint und einen Deal anbietet: Weil der Gott selbst keine physische Gestalt auf der Erde annehmen kann, soll Marc als sein Avatar agieren und dessen Wille auf Erden vollziehen. Marc willigt ein. Der alte Gott stellt Marcs Körper wieder her und stattet ihn mit übernatürlichen Kräften aus.

Moon Knight ist geboren.

Khonshu, der ägyptische Mondgott, ist es, der Moon Knight seine Fähigkeiten gibt.
Khonshu, der ägyptische Mondgott, ist es, der Moon Knight seine Fähigkeiten gibt.
Bild: Marvel Comics

So, jetzt kennen wir Marcs ganze Geschichte. Die Episode endet damit, dass Harrow im Diesseits damit begonnen hat, seinen bösen Plan in die Tat umzusetzen. Das muss Marc verhindern.

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Abenteuer in der Natur zu erleben und mit Sport an meine Grenzen zu gehen, bis der eigene Puls zum Beat wird — das ist meine Komfortzone. Zum Ausgleich geniesse ich auch die ruhigen Momente mit einem guten Buch über gefährliche Intrigen und finstere Königsmörder. Manchmal schwärme ich für Filmmusik, minutenlang. Hängt wohl mit meiner ausgeprägten Leidenschaft fürs Kino zusammen. Was ich immer schon sagen wollte: «Ich bin Groot.» 


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