Nach oben ist der Himmel die Grenze
ReportageSport

Nach oben ist der Himmel die Grenze

Michael Restin
Michael Restin
Zürich, am 02.11.2020
Lous und Julen träumen von einem Bike-Trip entlang der alten Seidenstrasse. Wie weit sie es schaffen, steht in den Sternen. Was sie erleben, steht hier. Da die Grenze zu Iran geschlossen ist, loten die beiden ihre eigenen aus.

Alles ist gut. Das Leben, die Reise, der Moment. «Nur auf dem Weg zum Ararat ist Lous fast gestorben», sagt Julen auf meine Frage, ob sie auf ihrer bisherigen Bike-Tour durch die Türkei von Krankheiten und Verletzungen verschont geblieben sind. Ihre Tage stecken voller Geschichten, doch diese hier ist eine für sich. Eine, in dem die Räder keine Rolle spielen. Eine, an dessen Ende die beiden ziemlich gerädert sind. Und eine himmlische, auch wenn das mit der Nahtoderfahrung wohl etwas übertrieben ist, denn beide lachen herzlich in die Kamera unseres Facetime-Chats.

Lous und Julen sind meistens guter Dinge.
Lous und Julen sind meistens guter Dinge.

Die Biker und der Berg

5137 Meter hoch ist der Ararat. Als höchster Berg der Türkei überragt er das Dach der Schweiz, die Dufourspitze, um gut 500 Meter. Ein monumentaler Gipfel, der Bike-Packern wie Lous und Julen eher im Wege steht und Bergsteiger anzieht. Leute wie Uta, Kletter-Profi aus dem Kosovo, die die beiden an einem Ruhetag in Van kennenlernen. Ein Gespräch später ist ein Mountain Guide organisiert und der neueste Spontan-Plan ins Auge gefasst: Diese Gelegenheit zum Gipfelsturm wollen sich Lous und Julen nicht entgehen lassen. Die beiden sind offen dafür, solche Fügungen dankbar aufzunehmen. «Wir sind guter Stimmung und passen unsere Pläne flexibel an», sagt Lous. So wird ein Ruhetag zum Ausgangspunkt einer Hochgebirgsexpedition im äussersten Osten der Türkei.

Der Ararat sieht gar nicht so hoch aus. Ist er aber.
Der Ararat sieht gar nicht so hoch aus. Ist er aber.

Abschied und neue Ziele

Iran vor Augen, verabschieden sich Lous und Julen angesichts von Wachtürmen und Zäunen vom Seidenstrassen-Traum. Die Grenzen der Corona-Welt sind zu. Dafür eröffnet sich der Blick auf das neue Ziel, den Ararat. Nach oben ist der Himmel die Grenze. Gemeinsam mit ihrem Guide Nejdet bereiten sie sich in Doğubeyazıt vor. Einkaufen, packen, Schuhe, Handschuhe und Steigeisen leihen. Die Vorfreude geniessen. Und schliesslich: Pferde beladen und aufbrechen. Eines schönen Augusttages machen sich die Niederländerin und der Baske auf, den ruhenden Vulkan zu besteigen, an dem nach der Sintflut die Arche Noah gestrandet sein soll. Eine Bergtour, die die Sinne fluten und Spuren hinterlassen wird.

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Das erste Camp auf 3200 Metern über Meer empfängt mit Çay, Cookies, Kochzelt und einer Partie Yatzy. Es herrscht Urlaubsgefühl bei gutem Wetter und einem guten Buch. Alle sind guter Dinge, die Höhe ist kein Problem. So kann es weitergehen.

Mit Guide Nejdet im Camp.
Mit Guide Nejdet im Camp.

Ins Camp 2, tausend Meter weiter oben, wo die Luft deutlich dünner ist und das sanfte Grün der Umgebung kargem Geröll weicht. Den Aufstieg geht das Trio zur Akklimatisation etwas langsamer an. Schmerzhaft ist für Lous und Julen nur der Anblick, der sie in diesem Basislager erwartet, wo der Müll zahlreicher Expeditionen zurückgelassen wurde. Die Kehrseite des Runs auf die Berge. Die höchsten Gipfel faszinieren und inspirieren, trennen und vereinen. Lous und Julen sind die einzigen Westeuropäer im Camp, in dem sie eine kurze Nacht verbringen werden.

Pferde transportieren die Ausrüstung.
Pferde transportieren die Ausrüstung.
Camp 2 ist weniger einladend...
Camp 2 ist weniger einladend...
...aber wer will bei diesem Anblick schon schlafen?
...aber wer will bei diesem Anblick schon schlafen?

Schlaflos im Mondlicht

Der Aufbruch ist für drei Uhr morgens geplant, was eher spät ist. Die meisten Expeditionen brechen früher auf, Nejdet traut Lous und Julen einen schnellen Aufstieg zu. Doch langsam geraten die Dinge aus dem Gleichgewicht. Schon die kurze Nacht, in der die beiden kaum Schlaf finden, kostet Kraft. Die Höhe, die Kälte und ein unebener Boden lassen sie unruhig im Zelt liegen, bevor im fahlen Mondlicht die finale Etappe beginnt.

Als der Tag anbricht, sind Lous und Julen schon lange unterwegs.
Als der Tag anbricht, sind Lous und Julen schon lange unterwegs.

Der Weg ist schweisstreibend. «Anfangs wollte ich noch etwas schneller gehen», erzählt Lous, die sportliche Herausforderungen liebt. Doch dieses Mal rächt sich der Ehrgeiz: «Zehn Minuten später habe ich mich schlecht gefühlt.» Das Leiden beginnt. Schwindelgefühle, Druck auf der Lunge, frierende Finger und garstiger Wind machen jeden weiteren Schritt zu einem kleinen Sieg über sich selbst. Langsam, aber stetig arbeitet sich die kleine Expedition nach oben. Erreicht die Schneegrenze, wo der Wind schwächer wird. Sieht die ersten Sonnenstrahlen und den gewaltigen Schatten des Ararat. Und dann ist es geschafft.

Ein Jubelschrei? Oder doch Sauerstoffmangel?
Ein Jubelschrei? Oder doch Sauerstoffmangel?

«Wir haben es auf den Gipfel geschafft, aber ich habe gelitten», sagt Lous. Gefühlt irgendwo zwischen Himmel und Hölle, schweift der Blick über das Ararat-Hochland. Nejdet ist stolz auf die beiden. So schnell hat er den Berg noch mit keiner Gruppe bezwungen. Das Hochgefühl ist nur von kurzer Dauer, dann richtet sich der Blick wieder nach unten. Der Abstieg steht an. 3000 Höhenmeter durch den Schnee, über steile Geröllfelder und sonnige Hänge.

Noch sind die Beine stabil.
Noch sind die Beine stabil.
Doch das ändert sich...
Doch das ändert sich...
...im Laufe des langen Abstiegs.
...im Laufe des langen Abstiegs.

Die Beine zittern und brennen, als sich Lous und Julen vom «feurigen Berg» verabschieden. So lautet der kurdische Name des Ararat: Çiyayê Agirî. Der letzte Ausbruch des Vulkans fand 1840 statt, doch bis heute lässt er niemanden kalt. Er ist ein Nationalsymbol der Armenier auf dem Gebiet der Türkei. Politisch sind die Dinge kompliziert. Doch am Berg sind alle, die ihn bezwingen wollen, gleich. «Nach dem Abstieg konnten wir zwei Tage lang nicht richtig gehen», sagt Julen. Jede Berührung an den Beinen schmerzt, aber das geht vorbei. Die Erinnerung bleibt. Lous und Julen zieht es weiter durch ein wunderschönes, komplexes Land. Sie haben es von Westen nach Osten durchquert, Höhen und Tiefen erlebt.

Am Wendepunkt

Die Tage am Berg sind längst Geschichte. Ein Wendepunkt ist erreicht. Ihre Route führt die beiden langsam nach Norden, entlang der armenischen und georgischen Grenze an die Schwarzmeerküste, wo westliche Besucher keine Seltenheit sind. «Hier sind wir nicht mehr so eine grosse Attraktion, die Leute sind eher an Touristen gewöhnt», erzählt Julen. Als wir uns sprechen, legen sie gerade in Trabzon die Beine hoch und schmieden neue Pläne. «Nagel uns nicht darauf fest, aber wir haben vor, an der Küste in Richtung Bursa zu fahren», berichtet Lous. «Danach vielleicht weiter nach Griechenland und Bulgarien, das ist der grobe Plan.»

Seither sind einige Wochen vergangen, in denen Lous und Julen weiterhin unterwegs waren. Wie es ihnen dabei ergangen ist, erfährst du im nächsten Beitrag.

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Michael Restin
Michael Restin

Editor, Zürich

Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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