
Meinung
Kino, bitte stirb nicht
von Luca Fontana

Eine Studie feiert Gen Z als Kinoretterinnen. Doch wer genauer hinschaut, findet PR-Konfetti statt Offenbarung – und ein Kino, das sich leise in ein Luxusprodukt verwandelt.
Pünktlich zur CinemaCon in Las Vegas – der jährlichen Branchenmesse der Kinobetreiber – hat Fandango eine Studie (Link funktioniert nur mit VPN) veröffentlicht, die Hollywood aufatmen lässt. Fandango, das ist Amerikas grösster Online-Tickethändler. Und die Schlagzeile, die seither überall kursiert: Gen Z ist die aktivste Kinogeneration der USA.
Demnach haben 87 Prozent der befragten Gen-Z-Angehörigen im letzten Jahr mindestens einen Film im Kino gesehen – mehr als Millennials (82 Prozent), Gen X (70 Prozent) oder Baby Boomer (58 Prozent). Dazu geben sie mehr für Premium-Formate und Snacks aus als jede andere Generation.
Die Botschaft? Das Kino lebt. Und die Jungen retten es. Klingt ja alles wunderbar. Bis man genauer hinschaut. Denn schon ein Detail aus Fandangos eigener Studie bringt die Erzählung ins Wanken.
Fangen wir bei der durchschnittlichen Anzahl an Kinobesuchen pro Jahr an. Dort liegen Gen Z mit 7,0 Filmen und Millennials mit 7,2 Filmen praktisch gleichauf – die Millennials sogar leicht vorne. Die viel zitierte These, Gen Z sei die «aktivste» Generation, stimmt also nur, wenn man auf den Anteil der Menschen schaut, die überhaupt ins Kino gehen. Bei der tatsächlichen Besuchsfrequenz werden sie noch immer von den Millennials geschlagen.
Dabei ist schon die Grundprämisse kaum überraschend. Denn 18- bis 28-Jährige waren schon immer die aktivsten Kinogängerinnen und -gänger. Nicht seit gestern. Nicht seit der Pandemie. Sondern seit Jahrzehnten.

Gallup-Erhebungen aus den 2000er-Jahren zeigen: Junge Erwachsene schauten damals sieben bis neun Filme pro Jahr – doppelt so viele wie die 30- bis 49-Jährigen und dreimal so viele wie die Ü50-Jährigen. Die MPAA-Berichte (heute Motion Picture Association) von 2009 bis 2019 bestätigen laut Deadline und den zugehörigen MPA-Statistiken das Muster über ein ganzes Jahrzehnt hinweg. Die besucherstärkste Altersgruppe pro Kopf? Immer die Jüngsten.
Was sich ändert, ist lediglich das Etikett: Vor zehn Jahren hiessen die 20-Jährigen «Millennials». Heute heissen sie «Gen Z». Dass diese Generation jetzt häufiger ins Kino geht als die inzwischen 30- und 40-jährigen Millennials, ist weniger eine Entdeckung als eine demografische Uhrwerkmechanik. Warum? Weil Menschen in ihren frühen Zwanzigern mehr Zeit, mehr soziale Anlässe und weniger familiäre oder berufliche Verpflichtungen haben als Menschen mit Kindern und Vollzeitjobs.
Das war 1995 so, das war 2010 so, und das ist auch 2026 nicht anders.

Fairerweise muss gesagt werden: Viele in Hollywood befürchteten tatsächlich während der Pandemie, dass Gen Z nie lernen würde, regelmässig ins Kino zu gehen. Umfragen stützten das sogar. YPulse fand 2020, dass 68 Prozent der 16- bis 34-Jährigen neue Filme lieber zu Hause schauen. Die Pandemie habe dabei eine Entwicklung beschleunigt, die das moderne Streaming-Zeitalter schon vor Jahren angestossen hat.
Aber diese Angst war immer eher Branchenpanik als belastbare Prognose. Schon «Spider-Man: No Way Home» im Dezember 2021 bewies, dass Gen Z sehr wohl ins Kino stürmt, wenn der Anlass stimmt. Und spätestens der «Barbenheimer»-Sommer 2023 beerdigte die These endgültig: Die Gen Z stellte laut Statista sogar fast die Hälfte des «Barbie»-Publikums.
Fandango beantwortet also eine Frage, die sich in der Praxis schon lange erübrigt hatte. Das Timing ist trotzdem kein Zufall.
Denn die Studie erscheint nicht zufällig an der CinemaCon, dem Ort, an dem Kinobetreiber und Studios sich gegenseitig davon überzeugen, dass alles gut wird. Fandango hat 7000 Erwachsene befragt, davon 5091 selbsterklärte Kinogängerinnen und Kinogänger – also Menschen, die mindestens einmal im vergangenen Jahr im Kino waren.
Das vollständige methodische Design gibt Fandango nur «auf Anfrage» heraus. Und die Studie ist kein Einzelfall: Jedes Jahr seit 2022 hat Fandango an der CinemaCon eine Studie präsentiert, die beispiellose Vorfreude auf den kommenden Kinosommer verkündet.
Dass Fandango es mit Unabhängigkeit nicht immer ganz so genau nimmt, ist übrigens dokumentiert. FiveThirtyEight wies bereits 2015 nach, dass 98 Prozent aller Filme auf Fandango mindestens 3 von 5 Sternen hatten und das System konsequent aufwärts rundete – eine Bewertung von 4,1 wurde zu einer 4,5, nie zu einer 4,0. Fandango nannte das einen «Bug». Die Richtung des «Bugs» war allerdings immer dieselbe: pro Kino.
Wertlos ist die Fandango-Studie deshalb nicht. Die Daten zu Premiumformaten und Generationsunterschieden sind durchaus aufschlussreich. Dazu gleich mehr. Aber sie ist Branchenlobbyismus in wissenschaftlicher Verpackung. Ein Tickethändler, der herausfindet, dass Leute gerne Tickets kaufen, ist ungefähr so überraschend wie eine Studie von Digitec Galaxus, die sagt, dass Onlineshopping im Trend liegt.
Wer ein realistischeres Bild will, schaut besser auf Quellen ohne Interesse an möglichst hohen Ticketverkäufen. Und dort sieht die Lage deutlich anders aus.
Das Pew Research Center – methodisch einer der zuverlässigsten Umfragedienstleister der USA – hat im März 2026 ermittelt, dass nur 53 Prozent der US-Erwachsenen im letzten Jahr überhaupt einen Kinofilm gesehen haben. Nicht sieben Filme. Nicht fünf. Einen. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ging 2025 kein einziges Mal ins Kino.

Die harten Verkaufszahlen bestätigen das Bild. Laut besagtem Pew Research Center verkauften die Kinos in den USA und Kanada 2025 «nur» 769 Millionen Tickets – weniger als die Hälfte des Volumens von 2002 und ein Drittel unter dem Vor-Corona-Niveau von 2019. Selbst Variety, das positiv über die Fandango-Studie berichtet hat, räumt ein, dass die Besucherzahlen 20 Prozent unter dem Vor-Pandemie-Niveau liegen.
Das Problem ist dabei gar nicht, dass die Jungen nicht mehr ins Kino gehen. Sie tun’s sehr wohl. Die Generation, die wirklich fehlt, sind die Älteren. Laut MPA-Daten, aufbereitet von Deadline, brach der Ticketanteil der Ü60-Jährigen nach der Pandemie um 40 Prozent ein, ihre Pro-Kopf-Käufe sanken laut MPA gar um 80 Prozent.
Und laut einer Analyse von Morning Consult aus dem Jahr 2023 liegt das nicht am Streaming: Ältere sind seit der Pandemie insgesamt weniger häufig unterwegs – sie gehen seltener auswärts essen, seltener an Konzerte und seltener in Sportstadien. Das Kino ist nur eines von vielen Opfern dieser neuen Zurückgezogenheit.
Stirbt das Kino also doch? Nicht ganz. Die eigentliche Geschichte, die Fandangos Studie nur streift, weil sie nicht so sexy klingt, ist nämlich: Kinosäle haben zwar immer weniger Besucher, aber sie erzielen mehr Umsatz pro Kopf. Denn das Kino verwandelt sich gerade von einem Massenmedium in ein Luxuserlebnis. Und die Zahlen dazu sind eindrücklich.
84 Prozent der US-Kinobesucher haben 2025 mindestens einmal ein sogenanntes Premiumformat besucht – also IMAX, Dolby Cinema oder 3D. 2023 waren es noch 71 Prozent. IMAX allein erzielte 2025 laut Hollywood Reporter einen Rekordumsatz von 1,28 Milliarden Dollar weltweit. Das sind 40 Prozent mehr als im Vorjahr und 13 Prozent über dem bisherigen Rekord von 2019.
Mit solchen Premiumformaten stiegen auch die Ticketpreise: Während ein US-Kinoticket 2019 laut der National Association of Theater Owners (heute Cinema United) im Schnitt noch 9,16 Dollar kostete, waren es 2025 laut den Branchenanalysten von EntTelligence bereits 13,29 Dollar. Selbst nach Abzug der Inflation bleibt ein realer Preisanstieg von rund 12 Prozent – deutlich mehr, als man für ein normales Alltagsprodukt erwarten würde.
Selbst innerhalb Hollywoods ist das Unbehagen spürbar: Sonys Filmchef Tom Rothman klagte kürzlich über zu viel Werbung und zu teure Tickets in den Kinos, obwohl sein eigenes Studio zu den Preistreibern gehört.
Ein Ticket für ein Premium-Format wie IMAX oder Dolby hingegen kostete 2025 im Schnitt sogar 17,69 Dollar. AMC, die grösste US-Kinokette, hat laut Retailstat offen zugegeben, dass sie das Vor-Corona-Besucher-Niveau gar nicht mehr brauchen, um die gleichen Umsätze zu erzielen.
Gentrifizierung par excellence.
Der Branchenanalyst NRG spricht laut einem anderen Variety-Artikel bereits von einer «K-förmigen Erholung»: Premiumkinos gewinnen Marktanteile, während Standard-Multiplexe verlieren. Das Kino wird also exklusiver, teurer, erlebnisorientierter – und schliesst dabei jene aus, für die es einst gedacht war.
Die Fandango-Studie liefert – vermutlich unfreiwillig – auch ein Schlaglicht auf ein anderes Phänomen. Denn die zehn meisterwarteten Sommerfilme 2026, die von den Befragten genannt wurden, lesen sich so: «Toy Story 5», «Spider-Man: Brand New Day», «The Devil Wears Prada 2», «The Odyssey», «Scary Movie 6», «Moana», «Minions & Monsters», «Mortal Kombat II», «Supergirl» und das «Insidious»-Sequel.

Neun von zehn sind Sequels, Reboots oder Franchise-Ableger. Der einzige Nicht-Franchise-Film ist Christopher Nolans «The Odyssey», der wiederum auf Homers Epos basiert. Frische Ideen? Fehlanzeige.
Das ist kein Zufall, sondern die logische Konsequenz einer Industrie, die das Risiko scheut, weil ein Blockbuster-Kinostart samt Marketing mal eben über 500 Millionen Dollar kosten kann. Franchise-Filme bringen verlässliche Renditen, weil sie auf eingespielte Fanbasen, vorhandene Markenbekanntheit und reduzierte Marketingkosten zurückgreifen können. Filme, die auf keinem existierenden Franchise basieren, müssen ihr Publikum hingegen erstmal neu erobern.
Dieselbe Kostenangst treibt Hollywood dann auch noch zur nächsten Sparstrategie: KI. Sie soll Drehbücher schreiben, Statisten und Schauspielerinnen ersetzen und Effekte generieren. Damit sollen nicht nur Millionen, sondern gleich auch eine ganze Reihe von Jobs eingespart werden.
Dass das langfristig funktioniert, ist allerdings alles andere als sicher. CNBC berichtete Anfang 2026, dass immer mehr Franchise-Fortsetzungen an der Kinokasse enttäuschen. «Thunderbolts*» etwa. «Fantastic Four». Oder das «Superman»-Reboot.
Sequel-Müdigkeit ist real. Darüber habe auch ich schon berichtet.
Die Fandango-Studie erzählt die Geschichte, die die Kinoindustrie hören will: Gen Z ist da, Gen Z gibt Geld aus, alles wird gut. Und ja, es stimmt, dass junge Erwachsene das Kino als sozialen Treffpunkt schätzen, dass sie für IMAX-Screenings und Premiumsitze mehr zahlen und dass die Generation, die mit Smartphones aufgewachsen ist, den physischen Kinosaal als Gegenentwurf zur digitalen Dauerbeschallung entdeckt hat.
Aber diese Geschichte ist nur ein Ausschnitt. Der grössere Rahmen zeigt ein Kino im Wandel: Es hat weniger Besucherinnen und Besucher als je zuvor, höhere Preise, ein Programm, das fast nur noch aus Franchises besteht, und eine Premiumisierung, die das Erlebnis besser, aber auch teurer und exklusiver macht, während die Mid-Budget-Filme ins Streaming abwandern.
Das Kino stirbt nicht. Aber es verwandelt sich.
Was denkt ihr: Geht ihr heute häufiger oder seltener ins Kino als vor der Pandemie? Und lohnt sich der Aufpreis für IMAX und Co.? Ich bin gespannt auf eure Kommentare.
Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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