
Schiri, das war ein Leckerli!
Anstelle eines Fussballspiels habe ich 90 Minuten in einem Katzencafé verbracht. Ein Bericht über tierisches Pressing, fragwürdige Fouls, kreative Taktiken und unerwartete Sieger.
Manchmal schickt dir das Leben ein Zeichen: Zum Beispiel, wenn dein Motel auf der Teamreise direkt neben einem Katzencafé liegt. Natürlich hätte ich es auch besucht, wenn ich ans andere Stadtende von Hamburg hätte fahren müssen. So aber wurde aus einem Abstecher ein Stammplatz.
Und so gucke ich mir – während ein paar Teamkollegen an einem Dienstagabend ein Fussballspiel verfolgen – Katzenreflexe, Boxen und Kisten lieber im Katzentempel nebenan an.
Spielaufstellung
Als ich einlaufe, mustert mich ein stattlicher, grau-weisser Kater mit der Autorität eines Captains: Herr von und zu Ottensen. Er lebt hier mit fünf Teamkollegen. Ich nicke ihm anerkennend zu und setze mich auf die Bank.

«Oh, Entschuldigung!» Fast hätte ich die Dreifärberin Pauli übersehen. Sie verzeiht mir das Foul – im Austausch für einen kurzen Krauler – und lässt mich gegenüber Platz nehmen.

Dort studiere ich die Speiseaufstellung. Neben einem Katerfrühstück, Purrschettas und einem Catprese-Sandwich finde ich darauf die Spielregeln des Katzentempels:
- Sich vorsichtig nähern, insbesondere schlafenden Katzen
- Nicht nachjagen und hochheben
- Katzenklappe zum Ruhebereich frei halten
- Nicht füttern
Klingt strikt, aber fair. Schliesslich habe ich schon oft Grenzüberschreitungen im Umgang mit Katzen erlebt – und Schiedsrichter, die weggeschaut haben. Eigentlich wäre hier der perfekte Ort für eine kleine Verhaltensstudie … über Menschen, versteht sich.
Ich klappe meinen Laptop auf und äuge unauffällig über die Bildschirmkante.
Anpfiff
1. Der Trickser
Erst fokussiere ich mich auf den jungen Mann gegenüber. Er verhält sich defensiv. Als der schwarz-weisse Wilmi zwischen seinen Beinen durchdribbelt und an seinen Füssen schnuppert, blickt er nur kurz auf. Dann widmet er sich wieder seinem Essen. Doch ... was sehe ich da? Auf einmal wandert eine Hand unbemerkt zum verfressenen Kater runter. Ist das ein Leckerli? Ich kann es nicht genau erkennen, doch irgendein Regelverstoss findet hier definitiv statt. Das schreit nach dem VAR!

2. Die Stürmerin
Ein paar Tische weiter sind zwei ältere Damen ausser Rand und Band. Ihr penetrantes «Psssssss, pssss!» zischt bis zu mir rüber. Herr von und zu Ottensen verzieht sich angewidert in die Höhe, um auf die beiden Unruhestifterinnen herabzublicken. Eine beginnt Pauli zu kraulen, die in einer Hängematte liegt. «Rrrrr, ich könnte dich auffressen!», gurrt sie. Pauli klatscht ihr eins mit der Pfote. So verteidigt man den Strafraum.

3. Die Taktikerin
Vor mir auf dem Boden hat sich ein Einlaufkind vor die rot-weisse Katzendame Eppi hingesetzt. Es blinzelt ihr kleine Liebesbotschaften zu und hält ihr geduldig seine kleine Hand hin. Irgendwann erbarmt sich Eppi und stösst ihren Kopf einiges sanfter als Zidane an die kleinen Finger. Das Kind gluckst. Fairplay zahlt sich aus.

4. Der Pressingsspieler
Etwas mehr Pressing gibt es weiter hinten bei einem Teenager. Der Junior bearbeitet Katzenbäuche mit der Hartnäckigkeit eines Aussenverteidigers. Immer wieder entfährt ihm ein verzücktes «Ooooooi!». Der fast blinde Kater Toni quittiert den Enthusiasmus mit einem verdatterten Blick und einem spielerischen Biss. Doch der Youngster lässt sich nicht beirren. Kichernd greift er zur Spielangel und versucht sich an einer neuen Taktik.

5. Die Jokerin
Eine junge Frau ist mir bisher kaum aufgefallen. Sie scheint mehr ihrer Kollegin als den Katzen zuliebe mitgekommen zu sein. Mit einem Mix aus Widerwillen und Abscheu (etwa so, wie ich Fussball schaue) beobachtet sie die Katzen aus respektvoller Distanz. Kein Blinzeln, kein Kraulen, kein Zischen, keine Leckerli. Eine knappe Stunde später ist sie die Einzige, die einen Volltreffer gelandet hat: Auf ihrem Schoss liegt Kater Georgi.
Matchanalyse
Schmunzelnd klappe ich meinen Laptop zu. 90 Minuten sind rum. Ich habe genug gesehen. Menschen mögen glauben, sie würden das Spiel bestimmen. Tatsächlich stehen sie nur an der Seitenlinie. Die Katzen entscheiden selbst, wer zum Zug kommt und wer die Partie von der Ersatzbank aus verfolgt.
Warst du auch schon in einem Katzencafé? Erzähle von deinen Erlebnissen in einem Kommentar.
Ich liebe alles, was vier Beine oder Wurzeln hat – besonders meine Tierheimkatzen Jasper und Joy sowie meine Sukkulenten-Sammlung. Am liebsten pirsche ich auf Reportagen mit Polizeihunden und Katzencoiffeurinnen umher oder lasse in Gartenbrockis und Japangärten einfühlsame Geschichten gedeihen.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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