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Jota Buyinch Photo/Shutterstock
Hintergrund

Schmerzhaftes Fettgewebe: Warum kennt kaum jemand diese Krankheit?

Anna Sandner
13.4.2026

Schmerzen, Schwellungen, blaue Flecken und statt einer Diagnose oft Vorurteile und falsche Ratschläge. Lipödem, eine chronische Erkrankung des Fettgewebes, wird noch immer missverstanden. Was die Krankheit ausmacht und welche Behandlungen helfen können.

Chronische Schmerzen in den Beinen, Hämatome bei der kleinsten Berührung, ein Körper, der sich durch Sport oder Ernährung nicht verändern lässt. Trotzdem die immer gleiche ärztliche Empfehlung: mehr bewegen, weniger essen. Wer an Lipödem leidet, ist dieser Situation oft jahrelang ausgeliefert.

Lipödem ist eine chronische Erkrankung des Fettgewebes, die fast ausschließlich Frauen betrifft. Sie ist weder eine Folge von Übergewicht noch von mangelnder Disziplin und doch wird genau das Betroffenen häufig unterstellt.

Was im Körper passiert

Beim Lipödem lagert sich krankhaft verändertes Fettgewebe symmetrisch an Beinen, Hüften und teilweise Armen an, während Oberkörper, Füße und Hände charakteristischerweise ausgespart bleiben. Schon leichte Berührungen lösen Schmerzen aus, Blutergüsse entstehen ohne erkennbaren Anlass, und gegen Abend schwellen die betroffenen Stellen merklich an.

Anders als bei Übergewicht und Adipositas lässt sich das Lipödem-Fett weder durch eine veränderte Ernährung noch durch Sport abbauen. Studien weisen darauf hin, dass sich das Fettgewebe bei Lipödem grundlegend anders verhält als normales Körperfett. Es ist dauerhaft leicht entzündet, die kleinen Blutgefäße arbeiten nicht richtig und Östrogen greift direkt in das Wachstum der Fettzellen ein. Nicht zufällig tritt die Erkrankung fast immer dann auf oder verschlechtert sich, wenn sich im Körper hormonell etwas verändert. In der Pubertät, während einer Schwangerschaft oder in den Wechseljahren bemerken viele Betroffene erstmals, dass etwas nicht stimmt. Dazu kommt eine erbliche Komponente. Bis zu 60 Prozent der Betroffenen berichten, dass auch ihre Mutter, Schwester oder Tochter ähnliche Beschwerden hat.

Eine Krankheit, die die Medizin lange übersehen hat

Wie viele Frauen betroffen sind, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Eine Studie fand bei rund fünf Prozent der untersuchten Frauen Hinweise auf Lipödem, andere Schätzungen gehen von mehr als dem Doppelten aus. Die große Spanne liegt daran, dass einheitliche Diagnosekriterien und bevölkerungsweite Studien bis heute fehlen.

Viele Betroffene erhalten jahrelang die falsche Diagnose, etwa Adipositas, Lymphödem oder psychosomatische Beschwerden. Eine tschechische Studie aus dem Jahr 2025 zeigte, dass unter Frauen mit gesicherter Diagnose über die Hälfte unter moderaten bis schweren depressiven Symptomen litt. Eine lange Suche nach der richtigen Diagnose hinterlässt Spuren.

Behandelbar, aber nicht heilbar

Heilen lässt sich Lipödem nicht. Wer die Diagnose erhält, wird in der Regel zunächst mit manueller Lymphdrainage, Kompressionsstrümpfen und angepasster Bewegung behandelt. Das lindert die Beschwerden und bremst das Fortschreiten der Erkrankung.

Das veränderte Fettgewebe selbst lässt sich nur operativ durch eine sogenannte Liposuktion entfernen. Sie hat bisher den größten nachgewiesenen Effekt. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2024 zeigte, dass Betroffene nach dem Eingriff deutlich weniger Schmerzen hatten, sich besser bewegen konnten und ihre Lebensqualität merklich gestiegen war. Allerdings weist die Studie auch darauf hin, dass mehr als die Hälfte der Patientinnen nach der Operation weiterhin auf Kompressionskleidung angewiesen ist.

Ein Wendepunkt in Deutschland – Handlungsbedarf für die Schweiz

Deutschland hat vergangenes Jahr eine Entscheidung getroffen, auf die Betroffene jahrelang gewartet haben. Seit Januar 2026 übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für die Liposuktion, unabhängig davon, wie weit die Erkrankung fortgeschritten ist. Eine groß angelegte Studie hatte zuvor gezeigt, dass der Eingriff deutlich wirksamer ist als eine Behandlung ohne Operation.

In der Schweiz kämpfen Betroffene noch. Zwar steht die Liposuktion seit 2021 auf der Liste der Pflichtleistungen, in der Praxis entscheidet aber jede Krankenkasse selbst und Ablehnungen sind keine Seltenheit. Wer sich informieren oder vernetzen möchte, findet bei der Vereinigung Lipödem Schweiz eine erste Anlaufstelle.

Leben mit Lipödem: Buchtipp

Ein Lipödem belastet nicht nur den Körper, sondern auch die Seele. Scham, Selbstzweifel und die Angst davor, wie sich die Krankheit weiterentwickeln wird, gehören für viele Betroffene zum Alltag. Weil diese emotionalen Themen in der ärztlichen Praxis oft zu kurz kommen, suchen Patientinnen nach alltagsnahen Hilfen. Hier setzt das Buch «Emotional frei mit Lipödem» an.

Kosmos Emotional frei mit Lipödem (Deutsch, Caroline Sprott, Marianne Jouanneaux, 2026)
Ratgeber
EUR24,–

Kosmos Emotional frei mit Lipödem

Deutsch, Caroline Sprott, Marianne Jouanneaux, 2026

Hinter dem Ratgeber stehen zwei Frauen, die die Erkrankung aus eigener Erfahrung kennen. Caroline Sprott lebt seit 2010 mit der Diagnose an Armen und Beinen. Sie wurde zwar operiert, ist aber nicht beschwerdefrei. In ihrem Blog teilt sie ihre realistische Sichtweise, ohne dabei falsche Heilsversprechen zu machen. Die zweite Autorin, Marianne Jouanneaux, arbeitet als Ergotherapeutin und Beraterin. Sie bringt sowohl ihre berufliche Erfahrung in der Begleitung chronisch kranker Menschen als auch ihre eigene Lipödem-Diagnose mit in das Buch ein.

Um die seelischen Herausforderungen greifbar zu machen, ist das Buch um fingierte Therapiegespräche herum aufgebaut. Die Dialoge greifen typische Sorgen auf, etwa den Kampf mit dem eigenen Körperbild, ständige Schmerzen oder das Gefühl der völligen Überforderung. Dazu kommen praktische Übungen und Arbeitsblätter. Leserinnen können den Text direkt als Arbeitsbuch nutzen, um die eigenen Gedanken zu ordnen.

Wichtig zu wissen: Das Buch ist ein reiner Selbsthilfe-Ratgeber und kein medizinisches Fachbuch. Es bietet keine klinischen oder wissenschaftlichen Herleitungen und kann auch keine echte Psychotherapie ersetzen. Vielmehr ist es ein emotionaler Begleiter für Frauen, die sich in den persönlichen Geschichten wiederfinden und einen gut strukturierten Ansatz suchen, um im Alltag besser mit ihrem Lipödem zu leben.

Titelbild: Jota Buyinch Photo/Shutterstock

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Wissenschaftsredakteurin und Biologin. Ich liebe Tiere und bin fasziniert von Pflanzen, ihren Fähigkeiten und allem, was man daraus und damit machen kann. Deswegen ist mein liebster Ort immer draußen – irgendwo in der Natur, gerne in meinem wilden Garten.


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