Hintergrund

Schön schräg: Designer Clément Boutillon entwirft extra langsam

Pia Seidel
28.07.2022
Bilder: Pia Seidel

Geduld bringt Rosen Keramikobjekte. Zumindest im Fall von Clément Boutillon. Der französische Designer verfolgt den Slow Design-Ansatz und entwirft bewusst langsamer für einen Wertewandel in der Gesellschaft.

In der Vermarktung von Kleidung oder Möbeln fällt oft der Begriff «zeitlos». Doch wie beständig kann etwas sein, das gerade mal für während einer einzigen Saison entwickelt wurde? Oder schon ein Jahr später nicht mehr zur Kollektion gehört? Clément Boutillon glaubt, dass es mehr als Wörter braucht, um Zeitloses zu gestalten. Er war zehn Jahre lang Produktdesigner, bevor er sich das Keramikhandwerk selber beigebracht und sein eigenes Atelier gegründet hat.

Neben Parfüms, Kosmetik und Spirituosen setzte der Franzose neue Geschäftskonzepte im Einzelhandel während seiner Zeit in der Agentur Servaire & Co für Marken wie Diptyque um und arbeitete als Chefdesigner von Kossi Aguessy Studio. Irgendwann wollte er jedoch unabhängiger sein, um sich bewusst mit der Materialwahl und der Produktion auseinandersetzen zu können. Ein Ansatz, mit dem er den Prinzipien der Slow-Design-Bewegung folgt, die der Wegwerfkultur mit einem ganzheitlichen Designansatz entgegenwirkt.

Clément Boutillon geht einen Schritt zurück, um einen Schritt nach vorne zu machen.
Clément Boutillon geht einen Schritt zurück, um einen Schritt nach vorne zu machen.
Foto: Pia Seidel

«Candle on stand» heisst der Entwurf, an dem Clément in seinem Atelier vier Jahre lang gefeilt hat. Ganz schön lang. Und ein ganz schön unspektakulärer Name für ein so sorgfältig gestaltetes Objekt, das sich aus einer handgefertigten Bienen- und Sojawachskerze sowie dem passenden Ständer zusammensetzt. Für Letzteren entwickelte er auch sein eigenes Formgussverfahren. Eines, das die 3D-Technologie mit klassischem Handwerk verbindet und ihm erlaubt, schräge Sachen zu machen: «Der Kerzenhalter sollte einer freitragenden Treppe gleichen und alle Tropfen der darin liegenden Kerze auffangen», erzählt Clément. «Die Kerze ist mit ätherischen Ölen parfümiert, verströmt einen Duft von Bienen- und Sojawachs und wurde in der französischen Stadt Nevers handgefertigt.»

Mit durchdachten Designs wie diesem bietet Clément eine Alternative zu industriell gefertigten Produkten und zu Fast Design.
Mit durchdachten Designs wie diesem bietet Clément eine Alternative zu industriell gefertigten Produkten und zu Fast Design.
Foto: Pia Seidel

Massgeschneiderte Lösungen

Die industrielle Herstellung von Kunststoff-Gussformen für seine ersten Prototypen, darunter «Candle on stand», hielt der Designer damals für zu teuer. Und jeden Schritt von Hand zu machen auch. Deshalb suchte er nach Wegen, die Herstellung seiner Steingutobjekte günstiger zu machen. Er begann, seine Zeichnungen zu digitalisieren und ein sogenanntes «Mutterstück» aus Maisstärke in 3D zu drucken. Dieses verwendete er für das manuelle Erstellen einer kernlosen Gipsform, die aus mehreren Einzelteilen mit verschiedenen Teilungsebenen besteht. «Der 3D-Druck erlaubt mir, genauer zu sein,» meint Clément. «Unregelmässige Quallenformen wie die meiner Vase «La Méduse» wären ohne sie gar nicht möglich.» Für ihren Schlickerguss hat er sieben Gipsformen gebraucht. Eine herkömmliche Vase benötigt im Vergleich dazu nur eine «zweiteilige Form mit einer Teilungsebene».

Unverwechselbarer Charakter

Dass der Autodidakt den 3D-Druck hinzuzieht und eine massgeschneiderte Lösung wie diese gefunden hat, entspricht den Slow-Design-Eigenschaften. Aber auch die Tatsache, dass er seinen Keramikobjekten ein unverwechselbares Äusseres verleiht, ist ein wichtiger Teil des Designansatzes. «Ich arbeite vor allem an der Form und Funktion der Dinge statt des Dekors, um Zeitloses zu entwerfen». Durch die von ihm gewählte semitransparente Glasur, erhalten alle Objekte von ganz allein ein zartes Muster. Sie lässt den Ton des Steinguts hier und da durchschimmern. Das Unregelmässige daran macht sie gleichzeitig auch zum Unikat.

Da die Glasierung transparent ist, schimmert der Ton darunter am Ende durch.
Da die Glasierung transparent ist, schimmert der Ton darunter am Ende durch.
Foto: Pia Seidel

Ob Quallen, Helikopter oder Schiffe – wenn ich so mit Clément rede, klingen seine Inspirationsquellen eigentlich sehr konkret. In den wenigstens Fällen sind sie aber auf den ersten Blick erkennbar. Eine hübsche Ausnahme bildet der Eierbecher «Coquetier Marquise», der offensichtlich an «Pompadour»-Champagnergläser erinnert. «Das Essen eines weichgekochten Eis ist ein kostbarer Moment für mich. Diesen Wert wollte ich in einen edlen Eierbecher übersetzen.»

Der Keramik-Eierbecher ist von der Champagnerglasform «Pompadour» inspiriert.
Der Keramik-Eierbecher ist von der Champagnerglasform «Pompadour» inspiriert.
Foto: Pia Seidel

Ökoeffizienter Denkansatz

Als Slow Designer ist Clément auch ein bewusster Umgang mit Ressourcen wichtig. Er nutzt Wind- statt Gasenergie, meidet Plastik im gesamten Designprozess sowie jeglichen Abfall. Eigentlich wollte der Designer nur auf die Farben Schwarz und Weiss setzen. Doch um die weissen Objekte mit Makeln behalten zu können, begann er zu experimentieren und entwickelte die graue Glasur namens «Glacier-Finish». Wie der Kerzenhalter «Bougeoir Canyon» ist sie von Bergen und Gletschern inspiriert – genauer gesagt einer grossen Hochgebirgsfläche, deren Muster zwar zeitlos ist, die wegen des Klimawandels aber zu verschwinden droht. Ein Grund mehr für den Franzosen, seine Designprozesse zu verlangsamen und Ressourcen zu sparen. «Ich möchte nicht, dass meine Designobjekte eine vorübergehende Tendenz sind, sondern Generationen überdauern. Daher nehme ich mir Zeit, Stücke zu konzipieren und verfalle nicht dem Druck, nur verkaufen zu wollen.»

Wie Felswände: Der Kerzenhalter «Bougeoir Canyon».
Wie Felswände: Der Kerzenhalter «Bougeoir Canyon».
Foto: Pia Seidel

Was sind das für Menschen, die ständig auf der Suche nach besseren Designlösungen sind? Die einen neuen Stuhl oder Tisch entwerfen, obwohl es die schon zig tausendfach gibt? Hier findest du einige bereits publizierten Beiträge, die dir solche Menschen und ihre Leitmotive vorstellen. Folge mir, um den nächsten Beitrag auf dem Schirm zu haben.

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Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres.
– Albert Einstein


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