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Social Media Bots: Die Pest des 21. Jahrhunderts

Sie haben nie etwas Interessantes zu sagen, mischen sich aber überall ein, verfehlen immer das Thema und man kann überhaupt nicht mit ihnen diskutieren. Die Rede ist von Social Media Bots. Warum gibt es sie überhaupt?

Social Media Bots sind so überflüssig wie Durchfall. Und sie regen mich auf. Zuerst, vor über zehn Jahren, haben sie mich auf Twitter geärgert, später auf Soundcloud und jetzt auf Instagram.

Dass mit Social Media Bots Schindluder bis hin zu Wahlkampfmanipulation betrieben werden kann, weiss ich. Aber in meinem Alltag treffe ich diese Bots kaum an, weil ich um politische Diskussionen auf Twitter und Facebook schon lange einen grossen Bogen mache. Auch ohne Bots finde ich das alles schon ärgerlich genug.

Es ist eine scheinbar viel harmlosere Kategorie von Bots, die mich nervt. Ich versuche mal zu erklären, welche das genau sind und warum mir die so auf den Keks gehen.

Zwei Arten von Bots

Wie in einem schlechten Hollywood-Film gibt es auch bei den Bots die Guten und die Bösen, und sie zu unterscheiden ist sehr einfach. Die Guten sind diejenigen, die sich als Bots zu erkennen geben. Die Bösen sind die, die so tun, als seien sie Menschen.

Die guten Bots sind zwar selten nützlich, aber manchmal ganz lustig. Mein derzeitiger Favorit ist der Schlagzeilenbot, der Headlines für die krassesten Skandale auf Zufallsbasis zusammenschustert. Wacker seinen Dienst verrichtet nach wie vor der Tourette Bot. Er hat nicht gerade die freundlichste Wortwahl, aber er gehört zu den Guten. Denn jeder sieht, dass er nur ein harmloser Bot ist. Es ist nun mal sein Job, die Welt mit Ausdrücken wie Furzspackendummarsch, Hitlerfotzenpimmelkackehirschfotzenscheisse oder auch Socialmediaconsultant zu beglücken – und diesen Job erledigt er ohne Fehl und Tadel.

Klar als Bots erkennbar sind auch die Service-Bots. «Ist heute Freitag» klärt die dringende Frage, was nach Büroschluss zu tun ist. Der Moth Generator erfindet nicht nur laufend neue Mottenarten mitsamt lateinischen Namen, sondern generiert auch gleich ein Bild dazu. Der Bot hat schon fast 10 000 Motten erschaffen, eine reife Leistung!

Die Bösen: Bots with boobs

Die bösen Bots erbringen keine Dienstleistungen. Stattdessen imitieren sie das Verhalten und Aussehen von realen Menschen. Meistens von jungen attraktiven Frauen. Ich nenne sie deshalb «Bots with boobs».

Es gibt auch gute Bots mit Brüsten, zum Beispiel Miquela und ihre Freundin Bermuda. Sie schreiben schon in ihre Bio, dass sie Roboter sind. Und irgendwie sieht man es ihnen auch an.

Die bösen Bots haben mit solchen Kunstprojekten nichts zu tun. Sie verschleiern die Tatsache, dass sie Bots sind. Natürlich ist diese Tarnung äusserst dürftig. Dennoch können dich diese Bots täuschen, indem sie Statistiken verfälschen. Mit ihnen lassen sich leicht Like- und Followerzahlen aufblähen. Du würdest zwar den einzelnen Bot als Bot erkennen, aber meist schaust du dir ja nur die Gesamtzahl an. Die Bösbots treten in riesiger Zahl auf und vermehren sich wie Bakterien an der Sonne.

Perfid wird es, wenn echte Accounts mit Bot-Techniken vermischt werden. Hinter diesen Accounts steckt zwar ein echter Mensch, doch wird er assistiert von Algorithmen. Solche Teilzeit-Bots sind ein bisschen schwieriger zu erkennen.

Das Verhalten von Bots oder Halbbots kann zum Beispiel so aussehen:

  1. Nach dem Zufallsprinzip Beiträge liken, die mit einem bestimmten Hashtag versehen sind.
  2. Allen Accounts automatisch folgen, die bestimmte Hashtags benützen oder die einem bestimmten (bekannten) Account folgen.
  3. Wenn nicht zurückgefolgt wird, das Followen rückgängig machen, damit das Verhältnis einigermassen normal bleibt.
  4. Wenn das Opfer das Followen rückgängig macht, ebenfalls unfollowen.

Was die Algorithmen genau tun, ist abhängig davon, wie sie am erfolgreichsten ihre Statistiken aufmöbeln. Sprich, immer wenn sich eine Masche herumgesprochen hat, lassen sie sich was Neues einfallen.

Warum das ein Problem ist

Ist das Verfälschen von Statistiken schlimm? Mich kümmert es wenig, ob ein Influencer 30 000 oder 300 000 Follower hat. Allerdings beeinflussen diese Statistiken, welche Beiträge du zuoberst oder überhaupt siehst. Das kratzt mich schon eher.

Oberflächlich betrachtet ist es auch nicht schlimm, wenn ich einer Person folge, obwohl sie mir nur zufällig per Algorithmus gefolgt ist. Letztlich sind aber genau solche Tricksereien der Grund, wieso wir die Kommunikation auf Social Media nicht richtig ernst nehmen und ihr auch nicht trauen. Die Spammerei der Bots ist nicht der einzige, aber ein wichtiger Grund, wieso wir so abgestumpft gegenüber der täglichen Flut an Social-Media-Aktivitäten sind.

Dabei war ja genau das der Sinn und das Versprechen von Social Media: Dass Menschen aus aller Welt einfach miteinander kommunizieren können, ohne Schranken, Vorbehalte und soziale Zwänge.

Jede Form von unehrlicher Kommunikation zerstört die Vertrauensbasis. Kommunikation basiert auf Kooperation. Bots sabotieren diese Grundlage. Sie gaukeln Interesse vor, damit du dich «zurückinteressierst». Diese Bots haben keine Gefühle, spielen aber mit den Gefühlen anderer.

Besonders ärgerlich finde ich das, wenn ich mir bei etwas wirklich Mühe gegeben habe. Ich habe zum Beispiel eine Zeitlang auf Soundcloud selbst komponierte Synthesizer-Stücke veröffentlicht. Hinter einem solchen Posting stecken mehrere Stunden, oft mehrere Tage Arbeit. Dafür opferte ich meine Freizeit. Das heisst zum Beispiel, dass ich mir ein Stück tausend Mal anhörte, um das Intro zu verbessern oder den Sound besser abzumischen, und am nächsten Morgen noch vor dem ersten Kaffee gleich weitere zehn Mal, um Fehler zu korrigieren, die ich am Vorabend nicht mehr bemerkt hatte.

Wenn so viel Mühe und Leidenschaft dahinter steckt, will ich natürlich wissen, was andere darüber denken. Statt konstruktiver Feedbacks hagelt es jedoch «Likes» von künstlichen Brüsten, die meine Sachen gar nie gehört haben. Kommentare, die so allgemein sind, dass sie auch bei jedem anderen Stück stehen könnten. Nur weil irgendwelche Leute glauben, dass sie mit Hilfe von Spam-Bots berühmt werden.

Was ich echt krass finde: Dass die moralische Frage gar nie diskutiert wird. So heisst es in einem Beitrag mit dem Titel Should you use Instagram Bots lediglich:

Instagram bots are a bit like eating an entire chocolate cake. It might sound like the perfect decision at the time, but deep down inside, you know that it’s so bad for you! This is exactly what you have to worry about when it comes to Instagram bots. They seem like the perfect solution for a busy entrepreneur who has little to no time to spend building their following on Instagram, but here’s the risk: any sort of automation on Instagram strictly violates the platform’s terms of use and using Instagram bots can get your account banned or shadowbanned!
later.com

Die Autorin sieht das Problem also nicht darin, dass hier Menschen verarscht werden. Sondern nur darin, dass sie dafür sanktioniert werden kann.

Das andere Problem, das angesprochen wird: Selbst bei noch so allgemeinen Kommentaren können Bots dermassen daneben liegen, dass sie auffliegen. Beispiel: Jemand postet ein Foto mit dem Hinweis, dass sein/ihr Hund verstorben sei. Ein Kommentar wie «Grossartig!» passt fast überall, aber hier nicht. Mit anderen Worten, wenn die Bots besser täuschen könnten, wäre alles gut.

Dieser Marketing-Opportunismus nervt. Verpisst euch, ihr Hitlerfotzenscheisskackpimmelbots. Ihr seid die Pest des 21. Jahrhunderts.

Warum die Bots nie verschwinden

Technisch gesehen wäre es wohl einfach, Bots zu unterbinden. Diese werden ja erst dadurch möglich, dass der Betreiber der Plattform eine API, also eine Programmierschnittstelle, zur Verfügung stellt. Die Funktionen zum automatischen Liken, Kommentieren und Followen werden von Facebook, Twitter etc. selbst angeboten.

Zugleich höre ich aber immer wieder, die Nutzung von Bots verstosse gegen die Richtlinien der Betreiber. Was stimmt jetzt? Und wieso sollte eine Socia-Media-Plattform eine API anbieten für etwas, was gegen die Nutzungsbedingungen verstösst?

Laut Facebook-Nutzungsbedingungen, Stand März 2019, ist es verboten,

  • mehrere Accounts zu verwenden und nicht den eigenen Namen zu benützen;
  • etwas Irreführendes zu tun;
  • das Passwort weiterzugeben, anderen Zugriff auf dein Facebook-Konto zu gewähren.

Für die API gibt es weitere Nutzungsbedingungen. Eine ganze Bot-Armee aufziehen verstösst eindeutig gegen die Richtlinien. Doch die Frage ist weniger, ob das erlaubt ist, sondern ob es toleriert wird. Respektive wie konsequent Facebook & Co. dagegen vorgehen. Und da hapert es. Bot-Accounts werden zwar gesperrt und ihre Spuren gelöscht, aber neue Bots werden nicht grundsätzlich verhindert.

Diese Bot-Accounts wurden inzwischen gelöscht, aber dafür gibts jetzt andere.

Woran liegt es, dass die Massnahmen gegen Bots eher lasch sind? Ich habe zwei Erklärungen.

Zum einen sind Bots für die Betreiber gar nicht so schlecht. Facebook prahlt seit Jahren mit seinen Nutzerzahlen, von denen natürlich ein schöner Teil keine echten Menschen sind. Der Konzern kann so gegenüber den Investoren mehr Grösse, Aktivität und Wachstum vorgaukeln als tatsächlich vorhanden ist.

Zum anderen erfolgen auch die Gegenmassnahmen automatisiert, auf Basis von Machine Learning. Von Hand liesse sich das wohl kaum bewältigen, wenn die Angestellten dafür fair entlöhnt werden müssten. Die Sperralgorithmen liegen allerdings längst nicht immer richtig. Wenn diese virtuelle Polizei zu rigid programmiert ist, sperrt sie auch echte Menschen. Das passiert schon jetzt ab und zu und ist für die Betroffenen sehr mühsam. Letztlich schlimmer, als wenn da und dort ein Bot frei herumläuft.

Kurz gesagt, die Social-Media-Konzerne haben keinen echten Anreiz, gegen die Bots vorzugehen. Ausser wenn es dermassen überhand nimmt, dass ein Image-Schaden entsteht. Daher tun sie nur das Nötigste.

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David Lee, Zürich

  • Senior Editor
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

22 Kommentare

3000 / 3000 Zeichen
Es gelten die Community-Bedingungen.

User martinbrundle

Hey David, für mich steht da ein Wort zuviel im Titel. Würde nicht:

Social Media: Die Pest des 21. Jahrhunderts

das eigentliche Problem viel besser umschreiben? :)

08.03.2019
User David Lee

Dein Titel könnte vom Schlagzeilenbot stammen.

08.03.2019
User sevtodef

WORD!

09.03.2019
Antworten
User swiss-electronics

Grossartig!

:P

Nein, wirklich gut geschriebener Beitrag. Bots nerven - in diesem Punkt sind wir uns alle einig.

08.03.2019
User Simon Ruckli

Meine Unterwäsche ist weg, hilf mir sie zu finden

08.03.2019
User hosae

Gerngeschehen: galaxus.ch/de/s8/producttyp...

09.03.2019
Antworten
User hosae

Den Instagram-Kanal von digitec kann ich übrigens empfehlen: instagram.com/digitec 👌

08.03.2019
User Raizo

Ach wer kennt sie nicht die Twitter-Bots mit ihren "I miss your dick" Nachrichten :)
Vor allem, wenn man eine Frau ist und solche Nachrichten bekommt, wird es erst recht glaubwürdig.

08.03.2019
User iNosin

Wenn das mit den Antivaxxern so weitergeht wird die Pest die Pest des 21. Jahrhunderts.

(Vom wissenschaftlichen standpunkt her natürlich Schwachsinn.)

09.03.2019
User etu97

Warum ist im letzten Bild der Postillon als bad Bot drauf? Das ist kein Bot, das ist eine satirische Newsseite. Das Motto lautet: Wir berichten über die News bevor sie passiert sind.

Sonst ist der Artikel sehr unterhaltsam.

08.03.2019
User David Lee

Nicht der Postillon selbst, sondern die Kommentare dort (links im Bild).

08.03.2019
User etu97

Ahaa, sorry mein Fehler.

08.03.2019
Antworten
User Canavar

Schlagzeilenbot:
Wir decken auf: Bemittleidenswerte Raser-Terroristen vergewaltigt.

XD

08.03.2019
User fabianscherrer

"Verpisst euch, ihr Hitlerfotzenscheisskackpimmelbots"
😡
Amen!

09.03.2019
User hosae

Bin mir ziemlich sicher, dass du den TouretteBot bereits kennst: twitter.com/tourettebot :D

09.03.2019
Antworten
User Praind

Nicht immer bedienen sich Bots einer API. Oftmals verwenden diese auch einfach eine Bibliothek für HTTP Kommunikation. In Python z.b. beautifulsoup oder scrapy. Diese Bibliotheken besitzen ebenfalls Features, um einen "realen" Internetbenutzer zu imitieren.

11.03.2019
User mnemocron

Dem kann ich zustimmen. API's sind bequem, aber mit requests, urllib und beautifulsoup geht's auch ;)

11.03.2019
Antworten
User hennimport

in letzter Zeit bekomme ich wieder andauernd diese Fake Anfragen und Fake Nachrichten auf Instagram gibt es abgesehen von Instagram löschen einen weg um dem zu entgehen?

10.03.2019
User aufdenblatten

Würde mich auch interessieren. Kriege pro Tag einige Bots mit Boobs Anfragen die einfach nur nerven. LG Marali1736538

13.03.2019
Antworten
User mnemocron

Interessanter Beitrag, die Bots sind mir in meiner Filterblase noch gar nie so aufgefallen.

Ich habe jedoch eine Anmerkung zu deiner Behauptung, dass API's nur für Bots verwendet werden. Das ist so nicht richtig. API's werden als generelle Schnittstelle zu den Datenbanken von Social Media Plattformen verwendet. Also auch eine Instagramm App holt die Photos und schickt die Likes über die API in die Cloud. Gerade zu diesem Zweck werden API's von dem Plattformern zur Verfügung gestellt.
Nebenbei bemerkt würde das wegfallen einer API nicht verhindern, dass es Bots gibt. Alles was du in einem Browser anzeigen lassen kannst, kann auch automatisiert von einem Bot eingesehen werden. Das hab ich auch schon ein paar Mal gemacht (nicht für böse Bots) es ist dann halt etwas mühsamer als wenn man eine gut dokumentierte API vor sich hat.

11.03.2019
User Anonymous

chatwithigod.com/

08.03.2019
User zernoxlol

GrammDomminator beste Bot ever

08.03.2019