Stadttauben: Ratten der Lüfte oder eigentlich arme Tiere?
Meinung

Stadttauben: Ratten der Lüfte oder eigentlich arme Tiere?

Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Zürich, am 05.05.2021
Sie verbreiten Krankheiten und kacken überall hin. Vor allem auf meine Fenstersimse. Meine Abneigung gegen Tauben kennt kaum Grenzen – dabei müsste ich eigentlich Mitleid mit ihnen haben.

«Gruuh, uu-hu, guu-ru-gu.» Schon bevor mein Wecker klingelt, wecken mich Kehlkopfgesänge durch’s offene Fenster. Ohne aufzustehen weiss ich: Tauben verderben mir geerade den Morgen. Wie Zinnsoldaten aufgereiht gurren sie vor sich her. Sobald ich den Rolladen öffne, höre ich wildes Geflatter und der Spuk ist für ein paar Minuten vorbei. Nicht aber ohne mir ein paar Souvenirs hinterlassen zu haben. So also geht gute Nachbarschaft unter Tauben.

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Auch den restlichen Tag begleiten mich die Viecher. Mit einer Mischung aus Arroganz und Grenzdebilität, die nur Tauben ausstrahlen können, sitzen sie vor Fenstern und kacken die Simse voll. Mir bleibt nichts anderes übrig als von meinem Bürostuhl aufzustehen, um die Vögel zu verscheuchen. Wenige Minuten später sitzen sie schon wieder am selben Ort. Immerhin stehe ich so im Homeoffice ab und zu auf. Mein Dank hält sich dennoch in Grenzen.

Ratten der Lüfte

Ihr Gefieder, ihre Laute, ihr winziger Kopf und ihr viel zu grosser Körper. Für mich ist alles an der Stadttaube eklig. Nicht umsonst wird sie auch «die Ratte der Lüfte» genannt. Ausserdem frisst sie ihre Nahrung unzerteilt. Barbarisch. Meine Ablehnung gegenüber der «Columba livia» teile ich mit dem Berliner Rapper MC Bomber, der das Wort «Taube» als Schimpfwort für sich entdeckt hat.

«Wir sind Nummer Eins, Dicker, deine Gang sind Honks. Wo soll die Schelle landen? Ching, Chang, Chong. Alles was du schaffst, ein weisser Haufen Kot. Sogar deine dumme Mutter nennt dich einen Taubensohn.»
Taubensohn - MC Bomber

Dabei fand ich Tauben bis vor Kurzem gar nicht so übel. Bis vor Kurzem wohnte ich auch noch nicht mitten in der Stadt Zürich, sondern in einer Kleinstadt. Da lassen sich allenfalls ein paar Tauben am mittelalterlichen Brunnen oder einem gepflasterten Platz nieder. Als flanierende Passantin fand ich das Gurren und Flattern sogar ganz angenehm. Doch jetzt sind sie omnipräsent, nehmen überall ungefragt Platz. Alle Sympathiepunkte sind weg.

Positive Symbolik

Auch in der Menschheitsgeschichte ist die Taube stets gut weggekommen. In der Antike vertrat die Wissenschaft die Meinung, die Taube besässe keine Gallenblase und sei deshalb frei von jeglichem Bösen. Die Taube symbolisiert Frieden, Liebe, die Seele und in der Kirche den Heiligen Geist. Im alten Griechenland wird sie zusammen mit der Liebesgöttin Aphrodite und danach mit deren römischen Pendant Venus dargestellt. Hat diese ganze positive Aufmerksamkeit die Taube zum Rotzlöffel gemacht?

Ich tendiere zu «ja», die Antwort ist aber bislang nicht vollends geklärt. Fakt ist, dass die Taube ursprünglich wegen ihrer Schönheit als eines der ersten Tiere domestiziert wurde. Wilde Felstauben wurden zuerst im Orient als Haustaube herangezüchtet. Die Brieftaube ist eine spezielle Art, die vor allem zur Nachrichtenübermittlung und später auch für Flugrennen diente. Und die Stadttaube? Sie ist vom Job als Pöstler auf der Strasse gelandet, denn sie ist eine wieder verwilderte Form der Haustaube.

Kot, überall Kot

Halt, stopp. Wir sind also selbst schuld, dass es die Stadttauben überhaupt gibt? Ja, und daran, dass sie bis heute in rauen Mengen vorhanden sind. Prof. Dr. phil. II Daniel Haag-Wackernagel, der an der Uni Basel über Tauben forscht, klärt mich per Mail darüber auf, dass das hohe Nahrungsangebot durch Fütterung und Abfälle schuld daran sei, dass eine solche grosse Population an Tauben überleben kann. Im Durchschnitt kommen weltweit auf etwa jeden zehnten bis zwanzigsten Stadtbewohner eine Taube. Jede dieser gut 300 Millionen Tiere setzt zweimal pro Stunde einen kleinen Kothaufen ab, das sind 30 Gramm pro Tag. Und die wirkten sich vor allem auf kalkhaltiges Baumaterial und Metalle aggressiv aus. Zudem können Krankheiten und Parasiten auf den Menschen übertragen werden.

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Sollte ich meine Simse irgendwann reinigen wollen, muss ich mich dafür sogar in spezielle Schale werfen. Gesichtsmaske, Handschuhe und sogar ein Wegwerf-Overall seien von Vorteil, um mir über den Kot nichts einzufangen. Solche extremen Massnahmen habe ich nicht erwartet.

Bitte nicht füttern

Gleichzeitig zeigt mir der Professor für Biologie in der Medizin aber auch auf, dass ich Mitleid mit den Strassentauben haben müsste. Denn auch für sie selbst ist ihre hohe Population problematisch. Der Dichtestress führt zu slumartigen Bedingungen. Jungtiere sterben regelmässig qualvoll an Krankheiten. Übrigens sind Tauben auch nur bei Krankheit dreckig. Sonst investieren sie 15 Prozent ihrer Zeit in die Reinigung. Sie ist gar nicht so barbarisch, wie ich mir das zusammengereimt habe. Langsam macht sich ein schlechtes Gewissen breit. Ist die Taube eigentlich das wahre Opfer und ich nur ein Jammerlappen? Ich befürchte ja.

Um die Situation zu verbessern, gibt’s nur eine Lösung: Der viele Müll muss weg und das Füttern aufhören. Nur wenn das Nahrungsangebot verknappt wird, kann die Anzahl Tauben in den Städten auf Dauer gesenkt werden. Die natürlichen Feinde wie Wanderfalken und Marder kommen längst nicht mehr hinterher. Tut vor allem den Tauben, aber auch ein bisschen mir und euch selbst einen Gefallen und verwertet eure Reste. Aus altem Brot lassen sich zum Beispiel ganz einfach leckere Serviettenknödel machen.

Ich arbeite unterdessen daran, das beharrliche Gurren nicht als Provokation, sondern als Hilfeschrei aufzufassen. Und suche auf Galaxus schon einmal nach einem passenden Schutzanzug, um den ganzen Kot still leidend wegzuputzen. Die Strassentaube kann auch nichts dafür, dass sie Strassentaube ist. Sie wäre wohl auch lieber heute noch für die Post zuständig.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger

Editor, Zürich

Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Menschen, Gedanken und Lebenswelten kennenzulernen,. Journalistische Abenteuer lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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