Von Schlaglöchern, Bünzlis und vergessener Solidarität
Meinung

Von Schlaglöchern, Bünzlis und vergessener Solidarität

Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Zürich, am 03.09.2021
Motzen, petzen, denunzieren. Es gibt mehr Ordnungshüter und Polizisten, als das offizielle Statistiken vermuten lassen würden. Das ist mir durch die Reparatur eines Schlaglochs vor meinem Haus wieder bewusst geworden.

In meiner Strasse gab es ein Schlagloch. Es war schon da, bevor ich im Sommer 2019 meine Wohnung bezog. Am Wochenende liegt manchmal etwas Müll drin. Wenn’s regnet, bildet sich eine wunderbare Pfütze und es hat mir gar schon aus der Patsche geholfen, als ich ein paar Steine für einen Blumentopf brauchte. Ich mochte es sehr. Es war ein wunderbarer Makel in einer sonst sehr gepützelten Stadt. Und ich dachte wirklich, dass das auch das Tiefbauamt so sah. Da es auf einem Parkplatz der weissen Zone war und nicht mitten auf der Strasse oder dem Veloweg, stellte es kein wirkliches Sicherheitsproblem dar.

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Schlagloch gemeldet

Nun aber ist es weg. Auf dem Parkplatz prangt stattdessenein grosses schwarzes Rechteck. Schöner als das Schlagloch ist das definitiv nicht. Aber halt nach Vorschrift ausgeführt. Auf solche Schäden an der Infrastruktur aufmerksam gemacht wird die Stadt Zürich unter anderem über das Tool «Züri wie neu». Dort können die Bewohner:innen anonym Meldungen mit Foto erfassen. Am 6. August wurde dort auch mein liebgewonnenes Schlagloch gemeldet und als Folge von zwei Angestellten des Tiefbauamts entfernt.

Ich bin zwar etwas traurig, aber es ist ja nicht so, als wäre hier denunziantisch auf eine illegale Corona-Party aufmerksam gemacht worden. Und als ich als Kind mit meinem Kickboard bergab in einem Schlagloch hängen blieb, über den Lenker flog und unsanft vom Asphalt gebremst wurde, wäre ich wahrscheinlich auch froh gewesen, hätte das vorher jemand gemeldet. Obwohl ich damals gar nicht auf die Idee kam, dass so etwas überhaupt möglich sein könnte. Meine Tränen galten einerseits den Schmerzen, andererseits der Wut auch mich selbst. Besser aufpassen.

Hier kannst du schlimmere oder weniger schlimme Schäden an der Infrastruktur melden.
Hier kannst du schlimmere oder weniger schlimme Schäden an der Infrastruktur melden.

Ein Tool für Mötzler?

Dennoch, bin ich sicher: Solche Meldungstools ziehen nicht nur Leute an, die einfach helfen wollen, sondern auch «übergewissenhafte» Bürger:innen und Mötzler an. Solche mit einem Wunsch, möglichst alles zu kontrollieren. Solche wahrscheinlich, die sich eine Ring Doorbell kaufen, um zu wissen, wer vor der Türe stand, als sie selbst gerade auf Schlaglochinspektion waren. Oder noch besser, solche, die sich gleich die Ring Überwachungsdrohne für daheim kaufen.

Also verweile ich noch ein wenig auf der Website «Züri wie neu» und scrolle durch die 29’982 Meldungen. Schon nach weniger Minuten erhärtet sich mein Verdacht. Da wird längst nicht nur ein grösserer Strassenschaden gemeldet, sondern auch moniert und sich aufgespielt.

So weist eine Meldung zum Beispiel auf einen schlecht angebrachten Entwässerungsschlauch hin, wodurch bei starkem Wasseraustritt doch tatsächlich die Strasse nass wird. Ein paar Wochen später tritt die Person noch nach, weil die Baufirma den Schlauch lediglich «dilettantisch» versetzt hatte. Da ist er wieder. Der Schlag Mensch, der es einfach nicht sein lassen kann, andere zu ermahnen. Der gemeine Bünzli.

Dazu gehört der Jogger, der mich im Vorbeilaufen anmaulte, als ich einmal an einem Sonntag um 14 Uhr Glasflaschen entsorgte. Dazu gehört auch eine ehemalige Nachbarin, die bei einem Gartenfest so lange hinter ihrem Spitzenvorhang hervorlugte, bis die Uhr endlich 22.01 schlug und sie zum Hörer greifen und die 117 wählen konnte. Und dazu gehörten mit Sicherheit die drei (!) Leute, die mich als Kantischülerin mit Blicken und in einem Fall sogar Schritten verfolgten. Ich habe damals als freiwillige Plakatiererin eines örtlichen Kulturlokals gearbeitet. Einmal war die offizielle Plakatwand so zugekleistert, dass ich ein paar alte Poster herunterreissen und entsorgen musste. Nur passten die nicht in die Haifisch-Abfalleimer, weshalb ich sie heimlich in eine offene Mülltonne werfen wollte. Ich sah keine andere Lösung. Wegen der bösen Blicke der drei Leute habe ich sie dann aber heimgeschleppt.

Corpus delicti.
Corpus delicti.

Markus is watching you

Klar, diese Leute haben recht. So steht’s in den Gesetzen und Verordnungen. Von grosser Nächstenliebe und Menschlichkeit zeugt dieses Verhalten aber nicht. Der Jogger hätte sich einfach auf seine Atmung konzentrieren können, die Nachbarin auf eine Fernsehsendung und die Stadtverfolger auf ihren Einkauf. Nicht Big Brother is watching you, sondern deine Mitmenschen. Natürlich bei Weitem nicht alle, die meisten Leute leben nach dem Grundsatz «Leben und leben lassen». Es ist eine nicht vernachlässigbare Minderheit, die immer links und rechts schauen muss. Und die Behörden unterstützen dieses Verhalten durch diverse Meldetools wie gegen Corona-Partys oder Schwarzarbeit. Lieber wird «denen da oben» geholfen als seinen Nachbarn. Das Kollektiv zählt nichts mehr, der Hyperindividualismus sorgt dafür, dass sich jeder hervortun will. Gilt übrigens auch oft beim Arbeitsplatz. Ellbogen nach links und rechts, anstatt nach oben. Lieber gegen die 99 Prozent als gegen das eine.

Dieses Verhalten scheint nicht überall gleich ausgeprägt zu sein. Erst kürzlich hatte ich zu dem Thema ein Gespräch mit einem Schweizer, der in Paris lebt. Dort wird «fraternité» anscheinend auch 232 Jahre nach der Französischen Revolution noch gross geschrieben. Er erzählte unter anderem, wie bei der Retournierung in Geschäften gerne einmal ein Auge zugedrückt wird, auch wenn die Quittung fehlt. Man fühle eben mit. Die Last der beinahe undurchsichtigen Bürokratie bringe die Menschen näher zusammen. Im Zweifel für den anderen Normalo als für den Chef. Und genau darum geht’s doch. Den anderen Menschen nicht immer gleich böse Absichten zu unterstellen und bei Lappalien vielleicht auch ab und zu wegzuschauen. Es gibt Leute, die dafür bezahlt werden, Bussen zu verteilen. Sollen sie uns gefälligst selbst erwischen.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger

Editor, Zürich

Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Menschen, Gedanken und Lebenswelten kennenzulernen,. Journalistische Abenteuer lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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