Star Trek: Picard: Der Captain, den wir heute brauchen, kehrt zurück

Star Trek: Picard: Der Captain, den wir heute brauchen, kehrt zurück

Dominik Bärlocher
Dominik Bärlocher
Zürich, am 27.01.2020

Mit «Star Trek: Picard» feiert Patrick Stewarts Jean-Luc Picard seine Rückkehr. Die erste Folge hat kaum Plot, erzählt aber viel über einen Mann, dessen Ideale verraten wurden und der heute nötiger ist denn je.

Captain Jean-Luc Picard ist ein Held. Er ist das, was jeder Mann auf der Erde im 21. Jahrhundert sein sollte. Und jede Frau auch. Picard ist jemand mit Prinzipien und Ehre. Er kennt keinen Rassismus, hegt keinen Groll, begegnet allen und allem offen und mit harter Güte. Denn wenn seine Prinzipien verraten werden, dann bleibt er eisern, vergibt aber nach dem Konflikt. Picard ist ein Mann, der für die Sternenflotte gemacht ist. Er ist es, der die Prinzipien der Sternenflotte am besten zusammenfasst:

«The first duty of every Starfleet officer is to the truth. Whether it's scientific truth, or historical truth, or personal truth. It is the guiding principle upon which Starfleet is based.»
Jean-Luc Picard, Star Trek: The Next Generation: The First Duty, Episode 05x19

Jean-Luc Picard hat vor über zehn Jahren seinen Dienst quittiert.

Als ihn eine Fernsehreporterin mit «Admiral» anspricht, unterbricht er sie. Der stolze Mann voller Güte wirkt eine kurze Sekunde lang verletzt, geschlagen und müde. «Retired», sagt er.

Das ist der Beginn der Serie «Star Trek: Picard». In der Episode «Remembrance» geschieht nichts, sie erzählt aber viel. Im Review spoilere ich wenig, aber trotzdem gehe ich inhaltlich über das, was der Trailer erzählt, hinaus. Daher: Vorsicht.

Ein Mann am Ende

«Remembrance» ist kurz. Zu kurz. Andererseits macht sie so einen fulminanten Auftakt in eine Serie, nach der niemand gefragt hat und der viele skeptisch gegenüber gestanden sind. Klar, da ist Jean-Luc Picard, der nicht nur Mann, sondern Legende ist. Andererseits sieht sich die Schwesterserie «Star Trek: Discovery» harter Kritik gegenüber. Zu actionlastig. Und überhaupt: Seit wann ist die Föderation eine Horde Arschlöcher? Ist die Organisation, zu der die Sternenflotte der Erde gehört, nicht inhärent gut?

Historisch ist die Sternenflotte eine Inspiration. Die Offiziere in den Raumschiffen der Föderation sind besser als wir es sind, aber nicht unerreichbar gut. Das ist genau der Aspekt, der Jean-Luc Picard zu so einer guten Figur macht. Jeder kann so sein wie Picard. Es braucht nur wenig Aufwand. Jetzt aber hat die Sternenflotte auf einmal «Section 31», eine Art Geheimdienst für dreckige Sachen, unter der Leitung von Philippa Georgiu, einer Frau aus einem von Nazis besiedelten Paralleluniversum.

Ist denn das die Sternenflotte, mit der wir aufgewachsen sind?

Ja, denn mit dem Rutsch in Richtung Dunkelheit kommt das Star Trek Universe des US-Senders CBS einem Kernauftrag der Science Fiction nach. Science Fiction spiegelt die Gesellschaft, wie wir sie heute haben und zeigt auf, wie wir sein sollten oder könnten. Dass da noch Raumschiffe rumfliegen und Klingonen Gagh essen ist nur Beigemüse. Zudem ändern sich die Zeiten auch im Universum der Fernsehserien. Wir hatten seit dem letzten Flug von Archers Enterprise mindestens zwei neue Zeitlinien, die sich irgendwie noch mit der originalen Zeitlinie von TOS und TNG vertragen müssen.

Kurz: Die Zeiten ändern sich, sowohl in unserer Realität wie auch im Universum Star Treks.

Das ist nicht die Sternenflotte, wie sie einst von James Tiberius Kirk und Jean-Luc Picard belebt wurde. Nicht die Flotte, die Benjamin Sisko gegen das Dominion vertreten hat und nicht die Sternenflotte, die Katherine Janeway auf der Voyager mit Ach und Krach zusammengehalten hat.

Picard ist auf der Seite der alten Schule der Sternenflottenanhänger. Er hat dieser neuen, isolationistischen und manchmal bösartigen Sternenflotte den Rücken gekehrt. Das hat ihn zutiefst verletzt. Doch er ist nicht im Frieden in den Ruhestand getreten. Er lebt mit seinem Hund auf einem Weingut in Frankreich, ist aber unzufrieden. Als eine junge Frau mit einer doch recht interessanten Verbindung zu Picards Zeit an Bord der USS Enterprise auftaucht, werden alte Wunden aufgerissen, neue gemacht und ein alter Idealist, der von seiner Lebensmission verraten wurde, muss wieder zu den Sternen aufbrechen.

Picard wäre nicht Picard, wenn da nicht das grossartige Schauspiel des Patrick Stewart wäre. Stewart fungiert bei «Star Trek: Picard» als ausführender Produzent und hat so massgeblichen Einfluss auf die Entwicklung und Produktion der Serie. Als Beispiel: Stewart ist es, der bestimmt hat, welchen Hund Picard sich hält. Die Wahl war nicht einfach «Ja, so ein kniehoher Wauwau, der telegen ist», sondern da ist Überlegung dahinter. Welchen Hund hätte Picard? Welche Charaktereigenschaften muss der Hund haben?

Die Wahl fiel auf einen Pitbull namens De Niro, der in der Serie «Number One» genannt wird. So, wie Picard einst immer Commander William Riker angesprochen hat. Im Interview erklärt Stewart, dass ein Pitbull seinem Herrchen gefallen will, mehr als andere Hunderassen das tun. Daher sei nur schon die Anwesenheit des Pitbulls ein starkes Indiz darauf, dass Picard die Bestätigung sucht, dass da emotionale Abhängigkeiten und tiefe Wunden sind.

Wen kümmert schon die Action?

Die Erinnerung an die erste Folge der Serie ist dominiert von Momenten, nicht vom Plot oder der Action. Wen interessieren diese Dinge schon? Denn «Remembrance» ist mehr Charakterstudie als eine Geschichte. Picards Antwort auf «Haben Sie je den Glauben an Data verloren?» im Fernsehinterview, in dem die rassistische Interviewerin nach mittlerweile verbotenen Androiden fragt, bleibt eher in Erinnerung als die aufwändig choreografierten Actionszenen.

Diese Actionszenen sind zwar weder falsch noch uninteressant, sondern gut inszeniert, in der Folge gut platziert und fühlen sich notwendig an, um die Spannung für den Plot aufzubauen. Dennoch: Patrick Stewart als Picard dominiert. Kurz vor einem Phaser-Gefecht und inmitten einer Verfolgungssituation hält er inne. Auf einmal sind die Verfolger mit ihren Phasern, die in einigen Sekunden auftauchen werden, unwichtig. Picard freut sich aufrichtig über die Aufnahme einer jungen Frau in eine Universität. Da können nachher noch so viele High Kicks fliegen – Picard ist da nicht zu Hause. Im Mitgefühl und der ehrlichen Freude für das Leben hingegen schon.

Damit wird «Star Trek: Picard» einer Kernmission des Genres der Science Fiction gerecht. Die Serie hält uns einen Spiegel vor. Den Spiegel unserer Gesellschaft, die politisch dominiert wird von den Unworten des US-Präsidenten Donald Trump und seiner drohenden Amtsenthebung, Brexit und Greta Thunbergs umstrittener Kampf gegen den ebenfalls umstrittenen Klimawandel. Doch auf dieser Welt leben die Menschen, die nicht inhärent schlecht sind. Die kleine Erfolge feiern und Tag für Tag auf dieser Erde leben müssen. Picard, die Figur, weiss, dass wir alle im selben Boot hocken, auch wenn wir uns politisch, gesellschaftlich oder persönlich mal streiten. Und Picard weiss: Nur gemeinsam kommen wir weiter. Das vertritt er bis zuletzt.

«Star Trek: Picard» zeigt uns nicht nur das beste im Menschen, sondern das Beste in der Science Fiction, das Beste im Schauspiel des Patrick Stewart und bringt uns die wenig glorreiche Rückkehr einer Figur, die die Welt braucht.

Das zeigt sich dann auch im Interview, das Picard gibt. Die Interviewerin spricht ihn auf eine Rettungsmission an. Sie sieht offensichtlich den Sinn nicht, Romulaner zu retten, wenn Picard auch hätte Menschen retten können. Picard unterbricht sie, als sie implizit rassistisch «Romulan lives» sagt. Der Captain spricht:

«No. Lives.»

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Dominik Bärlocher

Journalist. Autor. Hacker. Ich bin Geschichtenerzähler und suche Grenzen, Geheimnisse und Tabus. Ich dokumentiere die Welt, schwarz auf weiss. Nicht, weil ich kann, sondern weil ich nicht anders kann.


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