Übermässiges Schwitzen und was du dagegen tun kannst
Hintergrund

Übermässiges Schwitzen und was du dagegen tun kannst

Vanessa Kim
Vanessa Kim
Zürich, am 20.12.2021

Warum schwitzen wir auch im Winter? Was sind die Ursachen für übermässige Transpiration? Sind operative Methoden die beste Lösung? Ein Dermatologe klärt auf.

Ich will mir am liebsten die Kleider vom Leib reissen, wenn ich warm eingepackt ein überfülltes Tram betrete. Weil die Fahrt kurz und alle Plätze besetzt sind, behalte ich die Winterjacke meistens an und schwitze mir einen ab. Der Grund für die Produktion von Schweiss hat allerdings nicht zwingend etwas mit der Aussen- oder Innentemperatur zu tun, sondern kann auch anderer Natur sein. Im Interview verrät mir der Dermatologe Dr. med. Hero Schnitzler weitere Ursachen und was du bei (übermässigem) Schwitzen tun kannst.

Warum schwitzen wir überhaupt?
Dr. med. Hero Schnitzler: Beim Transpirieren handelt es sich um einen lebensnotwendigen Mechanismus, um die Körpertemperatur zu regulieren. Sobald wir heiss haben, sondern unsere Schweissdrüsen ein wässriges Sekret ab, das beim Verdunsten auf der Haut den Körper abkühlt. So schützt er sich vor Überhitzung.

Wie sieht es im Winter aus?
Ob wir schwitzen, hängt nicht zwingend von der Innen- oder Aussentemperatur ab. Menschen schwitzen auch bei körperlichen Anstrengungen und beim Verzehr von scharfen Speisen. Zudem kommt der Transpiration auch eine Signalwirkung zu: Die im Schweiss enthaltenen Pheromone dienen der nonverbalen Kommunikation. Die Sexualduftstoffe bestimmen darüber, wen wir anziehend finden und wen nicht.

Um auf die Frage zurückzukommen: Wenn sich unter warmer und luftundurchlässiger Winterbekleidung Hitze staut, kann unser Organismus seiner körpereigenen Verdunstung nicht mehr nachkommen. Das ist auch dann der Fall, wenn wir beispielsweise beim Einkaufen in der Eiseskälte an der Bahnhofstrasse ein beheiztes Ladenlokal betreten.

Mit welchen Tipps beuge ich die Schweissbildung vor?
Lebensmittel wie Kaffee, Alkohol und scharfes Essen können die Transpiration verstärken. Auch die richtige Garderobe spielt eine Rolle: Kleidungsstücke aus atmungsaktiven Materialien wie Baumwolle und Leinen sorgen für einen optimalen Wärmeaustausch. Finger weg von Kunststofffasern wie Polyester und Acryl, da sie nicht atmungsaktiv sind. Spezielle Antitranspirante in Form von Deos und Lotionen für Hände und Füsse reduzieren die Schweissproduktion, indem sie die Öffnung der Schweissdrüsen verengen.

Dr. med. Hero Schnitzler. Bild: Anna Janson Photography
Dr. med. Hero Schnitzler. Bild: Anna Janson Photography

Woran merke ich, ob ich «normal» oder übermässig schwitze und an einer Hyperhidrose leide?
Der Übergang ist fliessend, da auch bei einer Hyperhidrose die Schweissbildung unabhängig von Wärme oder Kälte, Tages- oder Jahreszeit unkontrollierbar ist. Wissenschaftler:innen unterscheiden zwischen einer angeborenen (primären) und einer sekundären Hyperhidrose, die die Folge einer Krankheit ist.
Bei der primären beginnen die Symptome meist schon im Kindes- oder Jugendalter. Die Schweissproduktion tritt örtlich begrenzt an Händen, Füssen, der Stirn und/oder in den Achselhöhlen auf. Bei der sekundären Hyperhidrose schwitzen Betroffene am ganzen Körper. Hierbei handelt es sich meistens um Symptome oder Begleiterscheinungen einer Erkrankung wie Fieber.

Was sind die Ursachen einer primären Hyperhidrose?
Während bei der sekundären häufig eine Erkrankung zugrunde liegt, gibt es für die primäre keine bestimmte Ursache. Wissenschaftler:innen gehen davon aus, dass sie genetisch bedingt ist, weil Verwandte öfter davon betroffen sind.

Wann besteht Handlungsbedarf?
Der Leidensdruck ist individuell. Darum besteht Handlungsbedarf erst dann, wenn sich Betroffene in ihrem Alltag eingeschränkt fühlen. Das ist vom Schweregrad und der Häufigkeit abhängig.

Welche Behandlung empfehlen Sie Patient:innen?
Ich rate zur lokalen Applikation von Botulinumtoxin. Bei dieser schmerzarmen Behandlung blockiert das injizierte Botox den Sekretionsreiz und die Schweissbildung wird reduziert. Die Wirkung hält bis zu einem Jahr an und wird teilweise auch von der Krankenkasse übernommen. Operative oder eingreifende Methoden halte ich hingegen für suboptimal. Die Therapien sind manchmal schmerzhaft und risikoreich. Ausserdem erziele ich damit nicht immer das gewünschte Resultat. Auch die viel beworbene Gleichstromtherapie hilft in den wenigsten Fällen nachhaltig.

Der leitende Dermatologe Dr. med. Hero Schnitzler ist Gründer des derma competence center an der Bodmerstrasse 4 in 8002 Zürich

Titelbild: Andrey_Popov/Shutterstock

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Vanessa Kim
Vanessa Kim

Editor, Zürich

Wenn ich mal nicht als Open-Water-Diver unter Wasser bin, dann tauche ich in die Welt der Fashion ein. Auf den Strassen von Paris, Mailand und New York halte ich nach den neuesten Trends Ausschau und zeige dir, wie du sie fernab vom Modezirkus alltagstauglich umsetzt.

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