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Dayan Pfammatter
Meinung

Warum digitales Audio die Schallplatte schlägt

Die Schallplatte lebt – vielleicht mehr denn je. Das Knistern und der warme Sound finden Anklang. Aber ist der Vinyl-Hype berechtigt? Oder hören wir Musik doch nur durch die rosarote Brille der Nostalgie?

Ich stöbere durch die Sammlung, ziehe das fast schon angestaubte Album heraus. Bestaune das aufwendig gestaltete Cover und lese die Tracklist durch. Vorsichtig ziehe ich die Platte aus der Hülle, lege sie auf den Plattenteller, platziere die Nadel sorgfältig – und geniesse.

Musik auf Vinyl zu hören, ist ein Ritual, das längst nicht mehr einer bestimmten Generation vorbehalten ist. Der Hype rund um die Schallplatte ist in vollem Schwung, vor allem bei der jungen Bevölkerung. Hierzulande berichten Plattenläden und Brockis durch die Bank von jungen Besucherinnen und Besuchern. Auch die Gen Z kaufe Platten, stellte der «Tages-Anzeiger» fest (Artikel hinter der Paywall). Global steigen die Verkaufszahlen ebenfalls: In den USA wurden 2025 erstmals seit 1983 wieder Schallplatten im Wert von über einer Milliarde Dollar verkauft.

Platten gibt es in allen möglichen Farben und Varianten.
Platten gibt es in allen möglichen Farben und Varianten.

Auch ich entkomme dem Strudel der Vinyl-Tonträger nun schon seit einigen Jahren nicht mehr. In meinem Wohnzimmer steht ein Einsteiger-Turntable von Sony, im Regal sammeln sich mittlerweile über hundert Platten. Einen Grossteil davon habe ich direkt aus der Sammlung meiner Eltern übernommen. Vieles habe ich aber auch Secondhand oder sogar neu gekauft. Denn auf Vinyl gibt es nicht nur Electric Light Orchestra, Fleetwood Mac oder Dire Straits. Auch aktuelle Künstlerinnen und Künstler wie etwa The Weeknd, Billie Eilish oder Dua Lipa verkaufen ihre Musik im grossen Stil auf Vinyl.

Sammler-Editionen, Box-Sets und bunte Platten gehören heute mehr denn je zum Musikgeschäft. Denn wer die Musik der Lieblingsband richtig erleben will, hat sie gefälligst auf einer Schallplatte zu hören – so zumindest der Eindruck. Aber ist das Hörerlebnis via Plattenspieler der digitalen Variante wirklich überlegen?

Das Ding mit der Klangqualität

Objektiv betrachtet ist moderne Technologie der Schallplatte längst überlegen. Das Knistern und Rauschen einer Platte, von dem Vinylfans schwärmen, ist nichts anderes als ein Störgeräusch in der Musik. Imperfektionen im Material. Die Klangqualität einer Schallplatte hängt direkt von ihrem physischen Zustand ab. Und der verschlechtert sich mit jedem Mal Hören, durch unsorgfältige Handhabung und billige Plattenspieler – ja, genau wie der, der in meinem Wohnzimmer steht.

Hier suchst du vergeblich nach guter Audioqualität.
Hier suchst du vergeblich nach guter Audioqualität.

Ohne das richtige Equipment – hochwertige Cartridge, Verstärker und perfekt ausgerichtete Lautsprecher in einem akustisch abgestimmten Raum – bringt dir selbst eine druckfrische Platte im «Mint»-Zustand nichts. Für ein solches Setup landen die Kosten schnell im vier- bis fünfstelligen Bereich. Ganz zu schweigen vom Aufwand, der Pflege und der Zeit, die das Ganze erfordert.

Wenn es dir wirklich darum geht, möglichst viele Details und die absolut beste Qualität bei deiner Musik zu erreichen, gibt es mittlerweile eine viel einfachere und günstigere Option: digitales Audio.

FLAC über Vinyl für Sound

Mit praktisch jedem Musikabo bekommst du heutzutage Hi-Res-Audio in irgendeiner Form, sei es Spotify, Apple Music oder Tidal. Ob du mit der moralischen Implikation eines Abomodells leben kannst, ist eine andere Diskussion. Pairst du das mit den richtigen Bluetooth-Kopfhörern, hörst du Musik mit bis zu 96 Kilohertz und 32 Bits pro Sample – sprich eine nahezu perfekte Wiedergabe des Originals. Für einen Bruchteil der Kosten eines hochwertigen Vinyl-Setups.

Hast du Zugriff auf die hochauflösenden FLAC-Files, kannst du noch einen Schritt weiter gehen und dein Setup um einen hochwertigen DAC und Kabelkopfhörer ergänzen. Damit erreichst du eine Klangqualität, die für die meisten Menschen nicht mehr von der Studioaufnahme zu unterscheiden ist.

Mit digitalen Audioformaten hörst du in jedem Fall deine Lieblingsmusik in vollem Umfang. Keine Variablen, keine Störgeräusche, kein Klangmedium, das sich mit jedem Mal Hören abnutzt. Das klingt etwas steril, aber eben auch sauber.

Und wenn es darum geht, die Musik physisch zu besitzen, vereint die CD dieselben Vorteile von digitalem Audio und der Vinylplatte, ohne deren Nachteile.

All das bezieht sich nur auf die Diskussion um reine Klangqualität. Ich will die Freude an Vinyl keinesfalls als sinnlosen Humbug abtun. Schliesslich habe ich selbst schon viel Zeit und Geld in das Hobby investiert. Aber wofür, wenn nicht für den überlegenen Klang?

Musik bewusster statt besser erleben

Als Musikliebhaber höre ich meine Lieblingsalben immer gerne auf Vinyl. Nicht wegen der Qualität, sondern wegen des eingangs erwähnten Rituals. Wenn ich Daft Punks «Random Access Memories» oder ELOs «Time» aus der Hülle ziehe und im Wohnzimmer auflege, ist das etwas anderes als auf dem Arbeitsweg Spotify zu öffnen und auf «Shuffle» zu drücken.

Für die Dauer der LP widme ich meine Aufmerksamkeit voll und ganz der Musik. Ich lese das beigelegte Booklet, studiere das Cover oder lasse einfach nur den Klang auf mich wirken. Keine Benachrichtigungen, kein Doomscrollen, nur die Musik und ich. Ich lasse mich verführen von Kate Bush, David Gilmour, Kim Wilde oder Mark Knopfler.

Die Qual der Wahl – welche Platte will ich heute hören?
Die Qual der Wahl – welche Platte will ich heute hören?

Ein weiterer Aspekt, der von vielen geschätzt wird: die Entschleunigung. In einer Welt, in der jedes Lied und alle Informationen immer auf Abruf und nie weiter weg als ein Handgriff sind, stellt die Platte einen reizenden Kontrast dar. Eine Atempause zwischen Microsoft Teams und WhatsApp.

Dazu kommt: Auf Vinyl besitzt du deine Musik physisch. Die haptische Erfahrung, eine Platte aufzulegen, nach der Hälfte aufzustehen und sie umzudrehen, ist etwas Besonderes. Anders als bei einem digitalen Abo kann dir bei deiner Plattensammlung auch niemand den Zugriff auf die Musik verweigern, die du gekauft hast.

Unterm Strich: Ich liebe Vinyl – innig. Wegen der Erfahrung, wegen der emotionalen Bedeutung, aber nicht wegen der überlegenen Qualität. Dafür habe ich Lossless Audio und Bluetooth LDAC. Will ich meine Musik analysieren, mache ich das digital. Will ich sie erleben, greife ich zur Platte.

Titelbild: Dayan Pfammatter

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Praktisch seit ich denken kann fasziniert mich alles, was Tasten, Displays und Lautsprecher hat. Als Journalist mit Fokus auf Technik und Gesellschaft schaffe ich Ordnung im Dschungel aus Tech-Jargon und unübersichtlichen Spec-Sheets.


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