Warum ich ab jetzt ohne Kopfhörer laufe

Warum ich ab jetzt ohne Kopfhörer laufe

Pia Seidel
Pia Seidel
Zürich, am 08.09.2020
Smartphone und Kopfhörer waren bisher meine ständigen Begleiter beim Joggen. Ohne Musik laufen? Unvorstellbar. Es hat einen Unfall und ein kaputtes Kabel gebraucht, um mir zu zeigen: Ich laufe nur noch ohne.

Zum ersten Mal nehme ich die Limmat bewusst wahr. Das Lachen der Kinder auf dem Spielplatz, die Musik auf der belebten Wipkinger Wiese oder die Freudenschreie auf dem Fussballplatz. Ich jogge ohne Musik und das ist gut so.

Das Kabel des Anstosses

Seit sieben Jahren jogge ich die gleiche Strecke an der Zürcher Limmat. Alle drei Tage, wenn möglich. Immer mit Musik und immer mit Smartphone. Das Wasser läuft bis zum Wendepunkt «Höngger Wehr» mit mir. Danach kommt es mir entgegen und funkelt, wenn die Sonne scheint. Bis auf Ausnahmen erinnere ich mich selten an die einzelnen Läufe. Am einprägsamsten ist, wenn ich stürze. Das ist mir kürzlich schon zum zweiten Mal passiert. Dabei gingen meine Kopfhörer kaputt. Sie zu ersetzen war nicht so einfach, wie ich dachte.

Ein Unheil kommt selten allein

Nach dem Sturz denke ich einige Tage gar nicht ans Joggen. Ich habe Angst davor, wieder irgendwo zu verunfallen. Statt zu joggen suche ich mir neue kabellose Kopfhörer. Ich möchte ohnehin schon lange welche. Ich entscheide mich für die In-Ears «Beoplay E8» von Bang & Olufsen. 24 Stunden später halte ich sie schon in der Hand und bin begeistert. Von ihrem eiförmigen grauen Gehäuse in Lederoptik über den goldenen Ring bis hin zum geflochtenen Henkel – das Design ist toll. Fehlt nur noch der Soundcheck.

Die kabellosen Kopfhörer von Bang & Olufsen sind nicht nur hübsch, sondern auch elegant verpackt.
Die kabellosen Kopfhörer von Bang & Olufsen sind nicht nur hübsch, sondern auch elegant verpackt.

Bei gutem Wetter jogge ich am liebsten. Da es regnet, verbinde ich die Kopfhörer vorerst mit meinem Laptop und lege zu Hause ein Work-out mit Bloggerin Sami Clarke ein. Alles läuft einwandfrei. Der Sound ist gut. Ich freue mich schon aufs Joggen.

Einen Tag später kopple ich die In-Ears mit dem Smartphone. Ich setze sie in die Ohren und starte einen meiner Lieblingstracks: St. Tropitz. Aber ich höre nichts. Was ist los? Trotz vieler Anläufe tut sich nichts. Nach langer Recherche stellt sich heraus, dass die Beoplay E8 mit meinem Smartphone nicht kompatibel sind. Was jetzt?

Warum einfach, wenn's auch kompliziert geht

Ich will unbedingt joggen gehen, brauche dazu aber Kopfhörer. Ich suche in meiner Kabelkiste nach einem Paar und werde fündig: Ein Retro-Modell mit 3,5-mm-Anschluss.

Das Kabel fürs Kabel: Der Adapter für die Anschlüsse USB-C und 3.5 mm.
Das Kabel fürs Kabel: Der Adapter für die Anschlüsse USB-C und 3.5 mm.

Um die Hörer mit meinem Smartphone zu verbinden, brauche ich einen Adapter. Wieder stecke ich sie mir ins Ohr und starte meinen Song. Wieder keine Musik. Wie ist das möglich? Bei meinem Sturz sind wohl nicht die Kopfhörer kaputt gegangen, sondern das Adapterkabel. Alles umsonst. Meine eigentlich noch guten Hörer sind bereits entsorgt.

Damit ich dieses Mal joggen gehen kann, krame ich meinen alten, pinken Apple iPod Nano heraus. Eigentlich cool, wieder zu meiner Playlist aus dem Jahr 2012 zu joggen. Bestimmt ruft das eine oder andere Lied Erinnerungen hervor. Das motiviert – trotz Kabelgewirr.

Zurück zu den Wurzeln mit dem alten MP3-Player.
Zurück zu den Wurzeln mit dem alten MP3-Player.

Doch auch der MP3-Player lässt mich im Stich: Obwohl er aufleuchtet, spielt er keine Musik ab. Ich bin enttäuscht. Doch zuhause zu bleiben ist keine Option. Also laufe ich ohne Smartphone und Musik los.

Point of no return

Die ersten Meter bis zur Limmat sind ungewohnt. Ich fühle mich komisch ohne Musik. Irgendwie nackt. Keine Kabel um mich herum zu haben ist aber auch befreiend. Nur ein Schlüssel am Schnürsenkel. Jetzt bin ich im wahrsten Sinne des Wortes «True Wireless» wie die Kopfhörer ganz ohne Kabel heissen. Auch das Handy vermisse ich nicht. Ganz ohne lästigen Ballast in der Hose, der Jacke oder wo ich das Teil bisher sonst verstaut habe, läuft es sich besser. Warum habe ich es nicht schon früher zuhause gelassen? Ich telefoniere nie während des Joggens und tracke meine Perfomance nur selten. Eigentlich möchte ich beim Laufen in erster Linie abschalten. Fitness ist zweitrangig.

Als ich an der Stelle vorbei komme, wo ich gefallen bin, zögere ich einen Moment. Was, wenn ich wieder stürze und mich verletze? Wie hole ich dann Hilfe? Da erinnere ich mich ans letzte Mal; an die Passantin, die sich nach meinem Befinden erkundigte. Oder an das Mal davor; an den Besitzer eines Restaurants auf der Strecke, der mir ein Pflaster gab. Genau, ich muss mir keine Gedanken machen. Jetzt, wo ich meine Umgebung viel bewusster wahrnehme noch weniger. Ich brauche zum Joggen keine Musik. Und das Handy lasse ich künftig unterwegs öfter mal weg.

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Pia Seidel
Pia Seidel
Senior Editor, Zürich

Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres. – Albert Einstein


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