Warum ich meine linearen Schalter künftig in Muttermilchbechern schmiere

Warum ich meine linearen Schalter künftig in Muttermilchbechern schmiere

Kevin Hofer
Kevin Hofer
Zürich, am 10.05.2022

Schalter von mechanischen Switches zu schmieren, kann eine Pein sein. Deshalb habe ich das Massenschmieren in einem Kunststoffbecher ausprobiert.

Dieses Wochenende habe ich mir eine DIY-Tastatur gebaut – wieder einmal. Die Zoom65 von Meletrix kommt als Komplettbausatz. Sprich: Im Gegensatz zu sonstigen DIY-Kits bekomme ich auch Switches und Keycaps mitgeliefert. Die Keycaps sind mir egal, da ich etwas Spezielles mit der Tastatur vorhabe.

Aber die Switches haben es mir angetan. Es handelt sich um sogenannte Jwick Linear Switches. Der lineare Schalter wird von JWK hergestellt und gehört in die Budget-Kategorie. Er ist einzeln im Handel für etwa 23 US-Cents pro Stück zu haben. Das ist günstig für Switches. Deshalb will ich etwas probieren, was ich bisher noch nie gemacht habe, weil ich mich vor einem schlechten Ergebnis fürchtete. Ich wollte mein Geld nicht zum Fenster hinauswerfen. Doch jetzt traue ich mich endlich: Ich bag lube meine Switches oder zumindest einen Teil davon.

Wieso überhaupt Schalter schmieren?

Bei so vielen Anglizismen in einem Satz raucht dir jetzt bestimmt der Schädel. Keine Sorge, ich verwende jetzt falls möglich nur noch deutsche Ausdrücke. Bestimmt fragst du dich, wieso wir schrägen Vögel Tastatur-Enthusiasten unsere mechanischen Schalter schmieren.

Eine mechanische Tastatur heisst wegen ihrer Schalter so. Sie sind das einzig mechanische an ihnen. Bei mechanischen Dingen entsteht bei Bewegung Reibung. Und diese Reibung kann sich kratzig anfühlen und hören.

So bewegt sich der Stem (rot) innerhalb des Switches.
So bewegt sich der Stem (rot) innerhalb des Switches.

Der sogenannte Stem bewegt sich innerhalb des Switches beim Tippen wie der Kolben bei einem Motor auf und ab. Dabei berührt er das Gehäuse des Switches. Das erzeugt Reibung und für Enthusiasten wie mich das ungewollte kratzige Gefühl und der draus resultierende Klang beim Tippen. Ein typisches First-World-Problem. Weil mich das aber derart stört, greifen Menschen wie ich zu Pinsel und Schmiere und versuchen so die Reibung zu reduzieren.

Du kannst dir vorstellen: Alle Schalter einer Tastatur einzeln zu schmieren, ist ein riesiger Aufwand. Sollen die Dinger aber konsistent geschmiert sein, ist das nötig. Das habe ich zumindest gedacht, bis ich jetzt das Massenschmieren im Kunststoffbecher – bag lubing – ausprobiert habe.

Mit ein paar Tropen Krytox GPL 105 schmiere ich die Federn meiner Switches in einem Plastiksäckchen.
Mit ein paar Tropen Krytox GPL 105 schmiere ich die Federn meiner Switches in einem Plastiksäckchen.

Nebst dem Gehäuse und dem Stem besteht ein Switch aus einer Feder, die den Stem wieder in die Ausgangsposition drückt. Bereits seit längerem schmiere ich die Federn alle gleichzeitig in einem Plastiksäckchen, indem ich ein paar Tropfen Krytox GPL 105 – ein Öl – hinzugebe und das Teil schüttle, als gäbe es kein Morgen. Dasselbe Prinzip will ich jetzt auf den Stem anwenden.

Ich schmiere sowieso immer nur den Stem und belasse die Gehäuseteile im Auslieferungszustand, weil sich für mich Aufwand und Ertrag nicht rechnen. Der Switch fühlt sich nicht wirklich weicher an, wenn ich die Gehäuseteile ebenfalls schmiere. Aber das ist meine Meinung, andere sehen das vielleicht anders.

Bag Lubing Stems oder Switches in Muttermilchbechern schmieren

Statt Plastiksäckchen verwende ich zum Schmieren Muttermilchbecher, die wir als junge Familie noch in grossen Mengen herumliegen haben. Du kannst selbstverständlich jegliche Kunststoffbehälter nehmen, die dir zur Verfügung stehen. Ich zerlege alle meine Jwick-Schalter und trenne die Teile. Zwei Switches lege ich zur Seite: Einen, den ich nicht schmiere und einen, den ich wie gewohnt von Hand mit dem Pinsel anstreiche. So habe ich Vergleichsswitches.

Etwas Schmiere verteile ich am Rand des Muttermilchbechers.
Etwas Schmiere verteile ich am Rand des Muttermilchbechers.

Die Stems kommen in den Muttermilchbecher. Ich gebe ein fast erbsengrosses Stück G-Lube von Glorious an die Wand des Bechers. Enthusiasten werden sich jetzt fragen: Wieso kein Krytox 205 Grade 0? Antwort: Ich probiere das zum ersten Mal aus und diese Art zu schmieren ist verschwenderischer, als es von Hand zu machen. Ich will mein teures Krytox nicht dafür verschwenden – sagt der Typ, der immer wieder 50 Franken und mehr für einzelne Keycaps ausgibt. 😉

Sobald die Schmiere und die Stems drin sind und der Deckel drauf ist, schüttle ich den Becher ordentlich durch.
Sobald die Schmiere und die Stems drin sind und der Deckel drauf ist, schüttle ich den Becher ordentlich durch.

Jetzt muss ich nur noch den Deckel auf den Becher schrauben und ein paar Minuten schütteln. Ich schaue mir fünf zufällige Switches an und bin entzückt: Das Ergebnis ist sehr konsistent und es hat für meinen Geschmack weder zu viel noch zu wenig Schmiere auf den Switches.

Beim Schmieren im Muttermlichbecher ist der Stem gleichmässig mit Schmiere überzogen.
Beim Schmieren im Muttermlichbecher ist der Stem gleichmässig mit Schmiere überzogen.

Zum Vergleich hier der von Hand geschmierte und im Auslieferungszustand belassene Switch. Bei diesem hat es etwas Schmiere ab Werk darauf, dies aber inkonsistent und vor allem weitaus weniger.

So sieht ein von mir per Hand geschmierter Stem aus. Von der Menge Schmiere her ist es vergleichbar mit der Methode im Muttermilchbecher.
So sieht ein von mir per Hand geschmierter Stem aus. Von der Menge Schmiere her ist es vergleichbar mit der Methode im Muttermilchbecher.
Ein Stem im Auslieferungszustand ist ungleichmässig geschmiert und an gewissen Stellen gar nicht.
Ein Stem im Auslieferungszustand ist ungleichmässig geschmiert und an gewissen Stellen gar nicht.

Vom Gefühl beim Tippen ist es gleich wie beim Aussehen: Die beiden nachträglich geschmierten Switches fühlen sich deutlich weniger kratzig an. Zwischen diesen beiden bemerke ich aber keinen Unterschied. Es fühlt sich butterweich an beim Tippen.

Das Gefühl kann ich dir nur beschreiben, aber den Klang kann ich dir im folgenden Video zeigen.

Auch hier verhält es sich wie beim Aussehen und Gefühl: Die nachträglich geschmierten Switches hören sich deutlich weniger kratzig an.

Schmiere, die sich oben am Befestigungsmechanismus ansetzt, wische ich, nachdem ich die Switches wieder zusammengesetzt habe, mit einem fusselfreien Tuch ab.

Hier ein paar bewegte Bilder zur fertigen Tastatur mit Tipptest:

Fazit: Meine linearen Schalter schmiere ich nur noch so

Dank dieser Methode spare ich bei einer 65-Prozent-Tastatur wie der Zoom65 etwa anderthalb Stunden fürs Schmieren und erhalte für mich dasselbe Ergebnis. Geil, das mache ich künftig bei allen linearen Schaltern so – und zwar mit Krytox 205 Grade 0 statt G-Lube. Wieso nur bei den Linearen fragst du dich? Beim Schmieren im Muttermilchbecher wird der ganze Stem geschmiert. Bei einem taktilen Schalter will ich die Füsse des Stems, die für das taktile Gefühl sorgen, nicht schmieren. Ich befürchte, dass dadurch Taktilität verloren geht. Aber vielleicht sollte ich das auch mal überdenken.

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Kevin Hofer

Technologie und Gesellschaft faszinieren mich. Die beiden zu kombinieren und aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten, ist meine Leidenschaft.


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