Wie geht eigentlich Sportfotografie?

Wie geht eigentlich Sportfotografie?

Patrick Bardelli
Patrick Bardelli
Zürich, am 30.04.2020
Die Sportfotografie hat es mir angetan und ich würde gerne gute Bilder schiessen. Leider bin ich diesbezüglich talentfrei. Vielleicht kann mir ein professioneller Sportfotograf weiterhelfen.

Eine gute Story lebt nebst einem spannenden Text von der Bildwelt. Gerade im Sport sagt ein tolles Bild oft mehr aus als viele Worte. Ich bin zwar nicht Fotograf, möchte aber trotzdem endlich bessere Bilder machen. Das gehört bisher nicht zu meinen Stärken. Erster Schritt: Ich versuche das Bild eines Sportfotografen möglichst exakt nachzustellen. Vorerst muss ich aber mehr über die Eigenheiten der Sportfotografie erfahren.

Der Outdoor- und Sportfotograf Filip Zuan lebt und arbeitet im Engadin. Sein Studio sind die Bündner Berge, seine Motive Athletinnen und Athleten auf Bikes, Surfboards, Skis, Segelbooten oder Pferden. Vor zwei Jahren traf ich ihn in Silvaplana zum Gespräch. Damals erzählte er mir unter anderem von einem aussergewöhnlichen Shooting mit Surf-Ikone Robby Naish.

Nicht ganz so ausgefallen ist mein persönliches kleines Fotoprojekt, bei dem ich Filips Hilfe brauche. Dazu später mehr. Zuerst will ich von ihm wissen, wie sehr er eine Sportart kennen und verstehen muss, um sie zu fotografieren?

Filip, dein Portfolio umfasst unter anderem Biken auf Trail und Strasse, SUP, klassischen Wintersport, Trailrunning, aber auch Automobilsport, Hockey auf zugefrorenen Bergseen oder Snow Polo. Du bist sehr vielseitig.
Filip Zuan: Für mich ist es essentiell, mit meinen Bildern Geschichten zu kreieren, die für die jeweilige Sportart relevant und kohärent sind. Du musst ein grosses Grundverständnis für den Sport, die Athleten und die Bewegung haben und wissen, was gut aussieht. Ich finde die Challenge, verschiedene Sportarten zu shooten, sehr spannend. Ebenso spannend finde ich, Erkenntnisse aus einer Sportart auf andere zu übertragen.

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Wie lange dauert es, bis du eine dir fremde Sportart verstehst zu fotografieren?
Das ist unterschiedlich. Manche Sportarten sind sehr intuitiv, manche brauchen mehrere Anläufe, um die Essenz und visuell attraktive Angles zu finden. Aber nach all den Jahren hat sich ein Gefühl entwickelt, was funktioniert und was nicht. Ich merke, wenn es sich gut anfühlt und dies spiegelt sich meist in den Bildern wieder.

Du hast einen der schönsten «Sportplätze» der Welt direkt vor der Haustüre. Was bedeutet das für deine Arbeit?
Ja, für mich ist das Engadin einer der besten Orte der Welt, und ich fühle mich sehr privilegiert, diese Berglandschaft als meinen Vorgarten zu haben. Die verschiedenen Saisons und die damit verbundenen Aktivitäten machen das Engadin noch spannender, daher auch die Vielseitigkeit meiner Fotografie.

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Viele Athleten aus allen möglichen Sportarten kommen zum Höhentraining ins Engadin. Sitzt hinter jedem zweiten Baum ein Sportfotograf?
Es tummeln sich immer sehr viele Athleten und somit auch viele Foto- und Video-Produzenten im Tal. Wir haben im Engadin eine sehr hohe Dichte an erstklassigen Fotografen, oft bringen Produktionen oder Athleten auch ihre eigenen Fotografen mit. Ich finde es immer sehr spannend zu sehen, was andere Fotografen hier kreieren.

Was ist die wichtigste Eigenschaft eines Sportfotografen für dich?
Die Grundlage ist für mich das Zwischenmenschliche. Man kreiert gemeinsam mit den Athleten eine Story, ein Bild. Die reibungslose Kommunikation und der Spass sind ein Must für mich.

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Muss du selbst sportlich sein?
Kommt sehr auf die Sportart und den Shoot an. Aber ja, eine Grund-Fitness ist sicher von Vorteil, da man ja mit den Athleten alles mitmacht. Hinzu kommt ein meist nicht so leichter Rucksack mit dem Material. Den trägst du den ganzen Tag mit dir herum. Ich versuche, so fit wie möglich zu bleiben, damit ich mich an den Produktionstagen so gut wie möglich aufs Fotografieren konzentrieren kann.

Dein schwierigstes Bild? Und warum war das Shooting eine Herausforderung?
Da gibt es kein spezifisches Bild. Ich denke, dass fast alle starken Bilder in irgendeiner Art «verdient» sein müssen. Sonst wäre es zu einfach.

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Wie viel Inszenierung steckt in deinen Bildern, wie viel «Zufall»?
Das hängt sehr vom jeweiligen Shoot ab. Oft habe ich schon einen groben Plan oder eine Idee, die ich umsetzen will. Meist kommt aber alles anders als geplant und häufig entstehen gerade so die besten Bilder.

Du hast deine eigene Philosophie: Dem Glück eine Chance geben, immer bereit sein. Was bedeutet das?
Fotografie ist ein Gefühl. Die meisten Bilder sind unplanbar und entstehen spontan. Diesen spontanen Situationen eine Chance zu geben, sie zu erkennen und entsprechend festzuhalten, heisst, dem Glück eine Chance geben.

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Die Sportwelt steht wegen des Coronavirus still. Was bedeutet diese Tatsache für dich und deine Arbeit?
Meine Winter-Saison kam zu einem abrupten Ende. Viele Produktionen wurden verschoben, die meisten sogar abgesagt. Ich finde die «Entschleunigung» auch spannend und nutze die Zeit, um neue Projekte und Ideen potentiellen Kunden zu präsentieren, was im «daily business» oft untergeht. Aber ja, wirtschaftlich gesehen keine einfache Situation. Ich hoffe, dass sich im Sommer alles wieder einigermassen normalisiert.

Meine Foto-Challenge

Filips Bilder sind grossartig. Die Qualität meiner Fotos hingegen ist schlecht. Ich kann nicht fotografieren. Nun will ich dies Schritt für Schritt ändern und stelle mich als erstes folgender Challenge: Ich versuche, eines von Filips Bildern in meinem kleinen Garten 1:1 nachzustellen.

Aber welches und was meinst du als Profi zu dieser Idee?
Coole Challenge. Ich freue mich bereits jetzt auf das Resultat. Grundsätzlich ist das allerdings sehr schwierig, da meine Bilder zu einem grossen Teil von der Location leben. Aber ja, dieses Running Bild von schräg oben geschossen könnte funktionieren. Ich bin gespannt.

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Worauf muss ich achten? Hast du Tipps für mich?
Hinter der Kamera: Shutter speed bei mindestens 1/1000, um die Bewegung scharf festzuhalten. Mit deiner alten Nikon D90 musst du wahrscheinlich manuell vorfokussieren. Schönes Licht suchen, früh am Morgen oder kurz vor Sonnenuntergang. Vor der Kamera: Saubere, fast übertriebene Bewegungen durchführen. Good Luck :-)

Das gesamte Bildmaterial in diesem Beitrag wurde von Filip Zuan zur Verfügung gestellt. Folge ihm auf Instagram. Mehr zu meiner Challenge findest du in Kürze hier. Folge meinem Autorenprofil und bleibe am Ball oder besser gesagt auf dem Trail.

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Patrick Bardelli
Patrick Bardelli

Senior Editor, Zürich

Es zählt nicht, wie gut du bist, wenn du gut bist. Sondern wie gut du bist, wenn du schlecht bist.

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