Wie ich meinen Freund an die Tatami-Matte verlor
ProduktvorstellungWohnen

Wie ich meinen Freund an die Tatami-Matte verlor

Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Zürich, am 25.08.2021
Die Tatami-Matte. Eine Unterlage aus Reisstroh, die in Japan als Fussboden genutzt wird und bei mir zu Hause als Gästebett. Eigentlich.

Seit ein paar Monaten liegt unter meinem Bett eine Tatami-Matte samt Futon. Ursprünglich habe ich sie als ästhetische Alternative zur Luftmatratze gekauft. Ein Gästebett oder Schlafsofa gibt’s in meiner Wohnung nämlich nicht. Kürzlich hat sich aber mein Freund für eine Woche darauf einquartiert. Heftige Rückenschmerzen liessen ihn auf unserer normalen Matratze nicht zur Ruhe kommen. Ständig wälzte er sich hin und her auf der Suche nach einer bequemen Position. Er fand sie erst auf der Tatami-Matte.

keine Informationen über dieses Bild verfügbar

Warum liegt hier Stroh?

Tatami-Matten sind ein wichtiges Element in der traditionellen japanischen Architektur. Dort werden sie als Fussboden ausgelegt. Ja, sogar als Flächenmass halten sie her. In Japan wird die Zimmergrösse nicht in Quadratmetern, sondern in Tatami-Matten angegeben. Sechs Matten gelten als guter Durchschnitt. Das sind umgerechnet 9.72 Quadratmeter, da Tatami-Matten üblicherweise 90 Zentimeter breit und 180 Zentimeter lang sind. Die Höhe beträgt 5.5 Zentimeter. Es werden drei Bestandteile unterschieden.

  • tatami-doko: Das Innere der Matte besteht aus gepresstem und festgebundenem Reisstroh.
  • tatami-omote: Für die Oberfläche wird traditionell Binsengras verwendet.
  • tatami-beri: Bestickte Stoffbänder, meist aus Baumwolle, dekorieren die Ränder der Matte.
keine Informationen über dieses Bild verfügbar

Meine Tatami-Matte sprengt diese Masse mit ihren zwei Metern Länge – zur Freude meines Freundes. Dem würden sonst die Füsse unten raushängen. Trotzdem passt sie bei Nichtgebrauch genau unter mein Bett und ist somit schnell verstaut. Wie in Japan liegt die Tatami bei mir direkt am Boden. Deswegen muss ich sie immer mal wieder lüften. Sie ist ein Naturprodukt und kann durch Feuchtigkeit irgendwann zu schimmeln beginnen. Dafür öffne ich das Fenster und lehne die Matte irgendwo an.. Den Futon hingegen hänge ich bei schönem Wetter regelmässig über das Balkongeländer.

Futon In A Bag (70 x 190 cm, Naturkern)
Matratze/>
Europe & Nature Futon In A Bag (70 x 190 cm, Naturkern)
27

Stallgeruch

Dass die Tatami ein Naturprodukt ist, riechst du übrigens auch. Als ich die Matte erst seit Kurzem hatte, habe ich mich durch das ganze Schlafzimmer geschnuppert, um diesem neuen, etwas stalligen Geruch auf die Spur zu kommen. Ich beschuldigte allfällig modrige Erde bei meinen Zimmerpflanzen und sogar meine Bettwäsche, bevor ich an die Tatami-Matte dachte. Seit die Unwissenheit beseitigt ist, stört mich der Geruch überhaupt nicht mehr. Im Gegenteil. Er sorgt schon fast für ein wohliges Gefühl. Die User-Bewertungen der einzigen Tatami-Matte bei uns im Shop ergeben aber eher ein ambivalentes Bild. Für die einen gehört der Geruch dazu, für die anderen ist er ein klarer Minuspunkt.

keine Informationen über dieses Bild verfügbar

Tatami, der Erlöser

Ein klarer Pluspunkt ist aber die Schlafqualität. Von den bisherigen Gästen hat sich zumindest noch niemand über die Nacht auf der Tatami-Matte beschwert. Sogar die damals hochschwangere Schwester meines Freundes fand’s gemütlich, obwohl oder gerade weil die Matte mit Futon härter ist als unsere gewohnten Matratzen. Nachdem mein Freund von der Tatami-Matte wie von Christus dem Erlöser gesprochen hatte, habe nun auch ich zwei Nächte habe auf ihr verbracht und muss sagen, dass ich tatsächlich weniger zerknautscht aufgestanden bin. Ich kann verstehen, weshalb es für ihn während seiner Rückenschmerzen gar nicht anders ging. Dieses Gefühl ist weder medizinisch bewiesen noch muss es für jede:n so sein. Laut Experten ist die richtige Matratze mittelhart und passt sich der Wirbelsäule an, ist aber auch von individuellen Bedürfnissen abhängig.

So sah das eine Woche lang aus.
So sah das eine Woche lang aus.

Apropos Rückenschmerzen. Allzu sehr herumtragen würde ich die Tatami-Matte nicht, sie wiegt nämlich etwa 30 Kilogramm. Das war nicht immer so. Tatami kommt vom Verb «tatamu», was zusammenlegen bedeutet. Schon im 712 n. Chr. verfassten Kojiki, einer Aufzeichnung der Mythologie und Frühgeschichte Japans, werden sie erwähnt. Damals noch viel dünner, sodass man sie eben zusammenlegen und wegräumen konnte. In der Muromachi-Zeit (1336 - 1573) begannen adelige und Samurai-Familien damit, ganze Räume mit den Matten auszulegen. In normalen japanischen Haushalten sollen die Matten erst Anfang des 20. Jahrhunderts Einzug gehalten haben.

Tatami Shot

Obwohl seither immer mehr westliche Einflüsse auf die japanische Einrichtung wirkten und längst nicht mehr alle auf Tatami schlafen, sind die Matten doch noch immer ein elementarer Teil der Wohnkultur. Das lässt sich nicht nur daran erkennen, dass in Tatami gemessen wird, sondern auch daran, dass eine Kameraeinstellung nach ihr benannt wurde. In der japanischen Filmindustrie gibt es den sogenannten Tatami Shot, der vom Regisseur Yasujiro Ozu erfunden wurde. Die Kamera wird dabei relativ tief platziert, um auf Augenhöhe mit einer auf einer Tatami-Matte sitzenden oder knienden Person zu sein.

Szene aus dem Film «Tokyo Story» von Yasujiro Ozu. Bild: moma.org
Szene aus dem Film «Tokyo Story» von Yasujiro Ozu. Bild: moma.org

Während in Japan einige Haushalte ihre Tatami-Matten gegen ein Bettgestell eingetauscht haben, scheint es mir bei uns gerade umgekehrt zu sein. Ich kenne unterdessen etwa ein halbes Dutzend Leute, die sich in den letzten Monaten oder Jahren eine Tatami-Matte angeschafft haben. Wahrscheinlich auch, weil ein minimalistischer Lebensstil immer mehr als erstrebenswert gilt. In diese Denkweise passt die zurückhaltende und natürliche Tatami perfekt. Eine Freundin, die dauerhaft darauf schläft, benutzt zusätzlich einen Lattenrost, um einerseits etwas erhöht zu schlafen und andererseits um für stetige Durchlüftung zu sorgen.

Sehnsucht

Mein Freund liegt unterdessen wieder neben mir und wälzt sich ab und zu passiv-aggressiv in die Non-REM-Phase. Er vermisst die Nächte auf der Tatami. Mein Wunsch nach Nähe hat ihn anscheinend seines guten Schlafs beraubt. Er will nun entweder eine härtere Matratze oder gleich ein Tatami-Bett für zwei. Am liebsten hätte er zusätzlich ein Fernsehzimmer ganz mit Tatami ausgekleidet. Dafür müssten wir umziehen. Das steht wahrscheinlich als Nächstes auf dem Plan.

67 Personen gefällt dieser Artikel


Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger

Editor, Zürich

Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Menschen, Gedanken und Lebenswelten kennenzulernen,. Journalistische Abenteuer lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren