Allzeit bereit? Sexuelle Lustlosigkeit bei Männern

Allzeit bereit? Sexuelle Lustlosigkeit bei Männern

Natalie Hemengül
Natalie Hemengül
Zürich, am 01.12.2020
Bilder: Thomas Kunz
Abnehmende Lust wird immer wieder als Frauenproblem abgetan. Was aber, wenn es der Mann ist, der nicht mehr möchte? Sexualtherapeutin Dania Schiftan über die Ursachen, langjährige Partnerschaften und weshalb Aphrodisiaka keine Lösung sind.

Der Mann will und kann immer. Und will oder kann er mal nicht, ist er kein Mann. Ein sexistisches Klischee, an dem laut Sexualtherapeutin Dania Schiftan heute noch Menschen festhalten. «Solche Denkmuster setzen Männer unter Druck, die keine oder weniger Lust auf Sex verspüren und machen es ihnen schwer, Probleme in diesem Bereich anzusprechen.»

In ihrer Praxis beobachtet die Expertin über die letzten Jahre hinweg dennoch eine überraschende Entwicklung. «Mittlerweile suchen mehr Männer als früher bei mir Hilfe, die mit einer Unlust zu kämpfen haben», sagt Schiftan. «Es sind zwar nach wie vor überwiegend Frauen, die wegen Lustlosigkeit Rat suchen, die Hemmschwelle für Männer scheint jedoch gesunken zu sein. Nicht zuletzt, weil das Thema vermehrt medial aufgegriffen wird.» Als Therapeutin begleitet sie Menschen, die sich ausdrücklich eine Sexualität wünschen und in diesem Bereich etwas verändern möchten. «Jeder hat das Recht auf Unlust. Wer kein Sexualleben führen will, muss daran nichts ändern.»

Unlust, aber worauf?

Laut Schiftan wird der Begriff «Lust» viel zu allgemein verwendet. «Wenn meine Patienten sagen, sie hätten keine Lust auf Sex, müssen wir gemeinsam herausfinden, worauf sie genau keine Lust haben.» Viele Männer lernen ihre eigene Sexualität über die Selbstbefriedigung kennen und benutzen sie, um Druck abzulassen. «Die Selbstbefriedigung ist eine Art Ventil, das in vielen Lebenslagen hilfreich sein kann.» Der Ausdruck «sich einen runterholen» kommt also nicht von ungefähr.

Gesellt sich zu dieser Sexualität eine Partnerin oder ein Partner, merken die Männer, dass sich der Ablauf verändert. «Plötzlich wollen sie Rücksicht nehmen und zum Beispiel aufmerksamer oder langsamer sein, als sie es sich gewohnt sind. Auch Streicheleinheiten können gefragt sein.» Das Geniesserische rückt in den Fokus. «Eine solche Veränderung ist einerseits sehr schön, bringt aber auch neue Anforderungen an den Körper und die Emotionen mit sich.»

«Viele meiner Patienten, die sich über Unlust beklagen, erzählen mir, dass sie sich noch selbst befriedigen. Die Unlust bezieht sich dann lediglich auf die Sexualität mit der Partnerin oder dem Partner.» Das liegt laut Schiftan daran, dass sie in diesem Moment nicht das abholen können, was sie brauchen. Zum Beispiel Druck ablassen. «Andere Männer wiederum merken, dass sie sich gar nicht auf eine Erektion konzentrieren können, wenn sie unter Stress stehen und deshalb keine Lust verspüren. Wieder andere machen ihre Lust abhängig von der Angst, eine Erektion nicht aufrecht erhalten zu können.» Auch die Erfahrung, dass der Sex mit der Partnerin oder dem Partner länger dauert und komplizierter ist, kann einen Einfluss haben.

Ursachen

Lust verhält sich laut der Sexologin zyklisch. Das bedeutet, dass du Phasen durchlebst, in denen du mal mehr, mal weniger Lust auf Sex hast. Kleine Schwankungen im Lustempfinden sind also völlig normal. Geht die Unlust darüber hinaus, gibt es dafür unterschiedliche Gründe.

Die Ursachen können körperlicher als auch psychischer Natur sein. «Körperliche Auslöser sind schwere Krankheiten oder ein hormonelles Ungleichgewicht. Auch diverse Medikamente wie Antidepressiva können einen Einfluss haben, müssen aber nicht.» Eine Sexualtherapie macht erst dann Sinn, wenn solche «mechanische» Leiden durch einen Arzt ausgeschlossen werden können.

Zu den psychischen Ursachen gehören unter anderem Depressionen. «Eine Depression muss sich aber nicht zwingend auf einer körperlichen Ebene bemerkbar machen. Einigen Menschen bietet die Sexualität sogar Halt. Hingegen ist die Lust von Männern mit einem instabilen Bezug zum eigenen Körper eher stimmungsabhängig.»

Bei der Suche nach den Ursachen wäre es somit zu voreilig, auf den erstbesten «Verdächtigen» zu zeigen. Ein Beispiel dazu: Wenn ein Mann einen tiefen Testosteronspiegel hat, liegt ihm die Vermutung nahe, dass dieser der Auslöser für seine Unlust ist. Im Gespräch mit dem Urologen kann dann herauskommen, dass der Testosteronspiegel zwar tief, aber nicht tief genug ist, um dafür verantwortlich zu sein. Laut Schiftan gibt es auch Fälle, in denen dem Körper Testosteron verabreicht wurde, sich an der Unlust aber nichts geändert hat. «Meist wünschen sich die Patienten insgeheim, dass ihr Problem auf ein hormonelles Ungleichgewicht zurückzuführen ist. Denn dann liesse es sich mit einer einfachen Pille beheben. In der Regel sind es aber verschiedene Faktoren, die einen Einfluss haben.»

Spezialfall: langjährige Partnerschaften

Langjährige Partnerschaften sind ein Thema für sich, sagt Schiftan. «Im Regelfall leben Paare über die Jahre hinweg eine sehr eintönige, wiederkehrende Sexualität. Sie nehmen dann das, was ich als den kleinsten gemeinsamen Nenner bezeichne. Etwas, wovon sie wissen, dass es beiden gefällt respektive für beide in Ordnung geht», erklärt Schiftan. Die Unlust bezieht sich in diesem Fall auf dieses Standardprogramm. «Aus der Forschung wissen wir, dass die Sexualität in der Partnerschaft in den ersten sechs Jahren kontinuierlich schlechter wird. Danach bleibt sie die nächsten 20 bis 30 Jahre auf diesem Level.»

Laut der Sexologin übernimmt die Unlust in einer Beziehung eine Funktion und sorgt so für eine gewisse Dynamik. «Das bedeutet, es ist meist nicht damit getan, dass die lustlose Person sich therapieren lässt. Ich beobachte häufig, dass die Person, die angeregt durch die Therapie zu Hause plötzlich die Initiative ergreift, beim Partner auf Verunsicherung oder Ablehnung stösst.» Ein Beispiel dazu: Die Frau geht in die Therapie und macht daheim Schritte in die richtige Richtung. Der Mann hingegen merkt plötzlich, dass er eigentlich gar nicht erwartet hat, dass sich etwas ändert und mit der neuen Situation überfordert ist. «Das Problem löst sich also nicht einfach in Wohlgefallen auf. Es ist und bleibt ein Thema, das alle Parteien einer Beziehung betrifft.»

Wann wird Unlust zum Problem?

Wer in der Beziehung auf die Sex-Bremse tritt, bestimmt in dieser Hinsicht. «Dieses Ungleichgewicht wirft Fragen auf: Wie lange lässt man so etwas laufen und ab wann darf die Person, die eigentlich Sex möchte, einfordern?» Eine Auseinandersetzung, der sich das Paar stellen muss. Laut Schiftan auch eine zentrale Frage: Muss ich es persönlich nehmen oder ist es ein Problem, das die lustlose Person selbst betrifft?

Ab wann die Unlust zum Problem wird, ist von Mann zu Mann unterschiedlich. «Jemand, der nie zuvor mit dem Thema zu tun hatte, der lässt sich schnell dadurch verunsichern und holt sich vermutlich früher Hilfe als andere. Bei einem Mann, der immer wieder mit dem Problem konfrontiert wurde und eine Partnerin oder einen Partner hat, der ohnehin nicht gross sexuell aktiv ist, bei dem kann es Jahre dauern, bis dieser Umstand zum Problem wird», sagt Schiftan. Aber ist es überhaupt realistisch, einen gleichen Lustnenner zu finden? «Nicht immer und bestimmt nicht einschliesslich allem, was wir uns wünschen. Ziel ist es, immer wieder aufs Neue auf einen Nenner zu kommen, der für beide stimmt. Sodass beide zu dem kommen, was sie möchten.»

«Starthilfe» Aphrodisiakum

Männer, für die eine Sexualtherapie nicht infrage kommt, suchen laut Schiftan gerne auch mal im Internet nach einer «einfachen Lösung»: Aphrodisiaka. Wirkstoffe zur vermeintlichen Steigerung der Libido: Cremchen, Pillen, Nahrungsmittel, Nahrungsergänzungsmittel und und und. Von illegalen oder verschreibungspflichtigen Medikamenten rät Schiftan dringend ab. «Die Nebenwirkungen oder Langzeitfolgen können verheerend sein. Medikamente können nur – und das nach sorgfältiger Abklärung – durch einen Arzt verschrieben werden. Meist sogar begleitend zu einer Therapie. In solchen Fällen fungieren Medikamente als sinnvolle Krücken im Rahmen einer Übergangsphase.»

Wer hingegen auf Nahrungsmittel setzt und ein romantisches Dinner mit Austern organisiert, schafft unter Umständen eine schöne Atmosphäre, die später zu Sex führen kann. «Das liegt dann aber nicht zwangsläufig an den Austern, denen eine solche Wirkung nachgesagt wird, sondern an der geschaffenen Atmosphäre selbst.» Wer erwartet, dass ein vermeintliches Aphrodisiakum aus einer Glut ein prickelndes Feuer zaubert, wartet also vergeblich. «Das kann kein Präparat dieser Welt. Einen einfachen Weg raus gibt es in den seltensten Fällen.»

Dies ist der dritte Artikel einer mehrteiligen Serie mit Dania Schiftan zum Thema Sexualität. Du hast spannende Anmerkungen oder Fragen, die du in den kommenden Beiträgen klären willst? Lass es uns in den Kommentaren wissen oder schreib mir eine Mail an natalie.hemenguel@digitecgalaxus.ch

Schiftan arbeitet seit 13 Jahren als Sexologin und Psychotherapeutin in eigener Praxis in Zürich. Mehr über sie und ihren Job erfährst du im Interview mit ihr:

Alle weiteren Beiträge aus der Serie findest du hier:

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Natalie Hemengül
Natalie Hemengül

Editor, Zürich

Als Disney-Fan trage ich nonstop die rosarote Brille, verehre Serien aus den 90ern und zähle Meerjungfrauen zu meiner Religion. Wenn ich mal nicht gerade im Glitzerregen tanze, findet man mich auf Pyjama-Partys oder an meinem Schminktisch. PS: Mit Speck fängt man nicht nur Mäuse, sondern auch mich.

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