Das Sex Toy im Fokus

Das Sex Toy im Fokus

Natalie Hemengül
Natalie Hemengül
Zürich, am 03.03.2021
Bilder: Thomas Kunz
Mitarbeit: Jon Andri Hoppler
Wenn Erwachsene zum Spielzeug greifen, geschieht dies meist im Verborgenen. Trotzdem gehören Love Toys für viele Menschen zum Alltag. Sexualtherapeutin Dania Schiftan über deren Vor- und Nachteile.

2020 wurden hier auf Galaxus siebeneinhalbmal so viele Love Toys verkauft als noch vor fünf Jahren. Allein von 2019 auf 2020 haben sich die Verkäufe im Shop verdoppelt. Das Interesse am Erwachsenenspielzeug steigt. Der Griff in die Nachttischschublade wird für viele zur Routine. Offene Gespräche über Vibratoren, Masturbatoren und Co. bleiben hingegen die Ausnahme. Schliesslich ist das Schamgefühl schon beim Kondom- oder Tamponkauf ein treuer Begleiter. Wieso sollte sich das bei Love Toys anders verhalten?

«Themen wie Lust, Erregung oder Geschlecht werden von den Menschen als sehr intim wahrgenommen und daher selten vorbehaltlos diskutiert», sagt Sexualtherapeutin Dania Schiftan. In ihrer Praxis klärt sie interessierte Patienten und Patientinnen deshalb über die Vor- und Nachteile von Love Toys auf. «Mir ist es ein wichtiges Anliegen, dass die Menschen die Chancen aber auch die Gefahren kennen, die mit dem Gebrauch von Toys einhergehen.» Insbesondere, weil sich laut der Expertin in den letzten Jahren einiges zugunsten der Popularität von Sexspielzeug verändert hat.

Vom Schmuddel-Gadget zum Alltagsgegenstand

Laut Schiftan verdanken wir es den Erotikshops, dass Sex Toys für die Gesellschaft zugänglicher geworden sind. «Beate Uhse hat als einer der ersten begonnen, seine Läden optisch ansprechender zu gestalten.» Fernab einer klischeehaften Schmuddel-Optik, die dir vor dem Betreten einen schüchternen Blick über die eigene Schulter abverlangt. Die Hemmschwelle, solche Shops zu betreten, ist dadurch insbesondere für Frauen gesunken. Andere Läden zogen nach, neue (Online-) Erotikshops wie Amorana, Amorelie, Eis etc. kamen dazu. «Heutzutage findest du sogar in den Supermarkt-Regalen kleine Vibratoren», sagt Schiftan. Toys werden nicht mehr versteckt und sind unter anderem auch dank dem Online-Handel besser und einfacher verfügbar. «Gleichzeitig fördern die Medien den offenen Diskurs. Diese Entwicklung gibt den Menschen das Gefühl, dass sie Toys verwenden dürfen und dass daran nichts verwerflich ist.»

Auch optisch haben Toys einen Wandel durchgemacht. Scrollst du durch das Online-Angebot diverser Anbieter, scheinen abstrakte Designs Standard. Ein Vibrator ist in den wenigsten Fällen das anatomisch korrekte Abbild eines Penis. «Designer entwerfen Toys, die sich visuell vom Körperlichen entfernen. Diese Verfremdung macht es den Menschen einfacher, Toys in ihren Alltag zu integrieren.» Experimentierfreudigkeit in Sachen Gestaltung kann laut Schiftan charmant sein, weil viel Kreativität und Abwechslung in die «Tarnung» der Sexspielzeuge fliesst. Zum Beispiel wenn sich hinter einem vermeintlichen Lippenstift ein handtaschentauglicher Vibrator verbirgt. «Auf der anderen Seite hält uns diese Entwicklung die eigenen Grenzen vor Augen: Nämlich, dass Sexspielzeug neutral, verspielt, lieblich und körperfremd sein muss, bevor wir uns selbst überwinden können, es zu verwenden.»

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Die Chancen

Der einfache Zugang und die abstrakten Designs sind Entwicklungen, die besonders der weiblichen Sexualität zu Gute gekommen sind. «Sex Toys wie Vibratoren gehören mittlerweile zum Alltag vieler Frauen. Männer hingegen sind in dem Bereich eher unerfahren und greifen selten zum Masturbator.» Das spiegelt sich auch in den Verkaufszahlen wieder. Im Jahr 2020 wurden bei Galaxus fast doppelt so viele Vibratoren wie Masturbatoren gekauft. Weshalb ist das so?

Selbstbefriedigung als Emanzipation

Frauen, die ihre Toys im Rahmen der Selbstbefriedigung verwenden, sammeln laut Schiftan mehrheitlich neue, gute Erfahrungen. «Toys zeigen schneller Wirkung, wodurch Frauen einfacher zum Höhepunkt gelangen.» Auf diese Weise helfen sie den Frauen aus einem – wie Schiftan es nennt – «Defizit-Modell» herauszukommen. «Frauen, die beim Sex mit dem Partner oder der Partnerin nicht besonders viel spüren, können durch das Experimentieren mit Toys neues Selbstvertrauen gewinnen. Sie lernen, dass es doch etwas gibt, das sie stimuliert, sodass auch sie Freude an ihrer Sexualität haben können.»

Laut der Sexualtherapeutin kann Selbstbefriedigung generell – mit oder ohne Toy – als eine Art der Emanzipation wahrgenommen werden. Dahinter stecken bewusste Gedanken wie «Ich gönn mir das jetzt» oder «Ich darf das». Sie ist eine Form der Selbstliebe. Hinzu kommt, dass Sex Toys alles andere als erschwinglich sind. Letztes Jahr lag der Durchschnittspreis aller gekaufter Vibratoren im Shop bei 95 CHF. «So ein Kauf will wohl überlegt sein und ist ein bewusster Entscheid, in sich selbst zu investieren. Dadurch messen Frauen dem Toy einen Wert und einen festen Platz in ihrem Leben zu», erklärt Schiftan.

«Ist das nicht Betrug?»

Frauen wie auch Männer machen die Erfahrung, dass sie im Alleingang einfacher, schneller und zuverlässiger zum Höhepunkt gelangen. Das bedeutet aber nicht, dass der Partner oder die Partnerin beim gemeinsamen Liebesspiel etwas falsch macht. Wer Toys verwendet, sieht sein Gegenüber dennoch häufig mit Fragen wie «Bin oder kann ich das nicht gut genug?» konfrontiert. «Für diese Menschen kommt der Einsatz eines Toys einem Mangel ihrer selbst gleich. Sie nehmen das Spielzeug als etwas wahr, das sie und ihre vermeintlich mangelnden Fähigkeiten ersetzen soll.»

Die Selbstbefriedigung sowie der Gebrauch von Sex Toys haben in der Regel jedoch nichts mit dem Partner oder der Partnerin zu tun. «Aus der Forschung wissen wir, dass die Selbstbefriedigung eine eigenständige Form der Sexualität darstellt. Darin einen Betrug oder einen Mangel in sich selbst zu sehen, ist völlig unbegründet.» Im Gegenteil sogar. Toys stellen eine Spielvariante und eine Erweiterung der sexuellen Möglichkeiten dar. Alleine sowie in der Paar-Sexualität. «Ausserdem können die Erkenntnisse aus der Selbstbefriedigung helfen, das Repertoire in der Paar-Sexualität zu erweitern.»

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Männern, die es sich in der Selbstbefriedigung angewöhnt haben, ihren Penis mit hohem Druck und schnellen Reibbewegungen zu stimulieren, empfiehlt Schiftan beispielsweise gerne Masturbatoren – umgangssprachlich auch «Taschemuschis» genannt. «Diesen Männern fällt es oftmals schwer, dieselbe starke Stimulanz in der Paar-Sexualität zu empfinden. Sprich: Die Vagina oder der Anus fühlen sich im Vergleich zur eigenen Hand zu weit oder zu feucht an. Masturbatoren kommen einer Vagina vom Empfinden her nahe und können dabei helfen, gewisse Bewegungsabläufe zu trainieren.» Auf diese Weise lernen die Männer mithilfe des technischen Geräts, ihren Körper einzusetzen, statt die Hand. «Das ist körperlich gesehen eine völlig andere Erfahrung.»

Der Überraschungseffekt

Auf der emotionalen Ebene bieten Toys den Menschen laut Schiftan Sicherheit. Erstens, weil sie wissen, dass sie sich damit verlässlich Lust verschaffen können, zweitens, weil sie sich dabei weniger alleine fühlen. «Toys stellen im Vergleich zur eigenen Hand eine 'fremde' Komponente dar, die für aufregende Überraschungseffekte sorgt. Arbeitest du hingegen mit der Hand, hat dein Hirn bereits alle Infos, noch bevor du dich berührt hast», erklärt die Expertin.

Die Gefahren

Trotz der Vorteile, die Love Toys mit sich bringen, betont Schiftan: «Toys sollen Spass machen und dürfen keinesfalls als eine Art Pflicht wahrgenommen werden. Selbst wenn sie von Therapeutinnen und Therapeuten empfohlen werden.» Laut Schiftan kann die wachsende Popularität von Sex Toys Druck auf Menschen ausüben, sodass sie das Gefühl haben, sie müssten sich in dem Bereich ausprobieren, um nicht als prüde zu gelten.

Abhängigkeit

Mensch und Maschine sind nicht vergleichbar. «Kein Penis kann so schnell vibrieren, keine Hand sich so schnell bewegen, um ähnliche Empfindungen zu erzeugen wie ein technisches Gerät. Die Nerven in der Klitoris reagieren gut auf starke Vibrationen. Gewöhnt sich eine Frau an ein hohes Level an Reiz, lässt sich diese Art der Stimulation nicht in die Paar-Sexualität übertragen – zumindest nicht ohne einen Vibrator.» Fällt der Helfer weg, können sich Frauen schnell ausgeschlossen oder benachteiligt fühlen. Es entsteht eine Art Abhängigkeit.

Sicher ist sicher

Darüber hinaus ist die richtige Handhabung grundlegend. «Am Ende vom Tag sind es immer noch technische Geräte, die gemäss Bedienungsanleitung korrekt gehandhabt werden müssen.» Das heisst: Toys nur so einsetzen, wie sie gedacht sind. Hochwertige Produkte kaufen, die Sicherheitsstandards einhalten. Regelmässige und materialgerechte Pflege sowie Reinigung. «Anal-Toys zum Beispiel sollten wirklich nur bis zum Stopper eingeführt werden und nicht so, dass sie ganz im Körper verschwinden. Ich höre auch des öfteren von Frauen, die ihren Vibrator über Nacht eingeschaltet in der Scheide lassen. Das überreizt das System völlig und sollte auf keinen Fall gemacht werden. Zu festes Aufdrücken in der Erregung kann ebenfalls zu Verletzungen führen.»

Schlussendlich sind Toys das, was du aus ihnen machst. Du kannst sie als Experimentiermöglichkeit, Ergänzung und Perspektivenwechsel betrachten, solange du dich dabei wohlfühlst und nicht vergisst, deine eigene Sicherheit gross zu schreiben.

Dies ist der fünfte Artikel einer mehrteiligen Serie mit Dania Schiftan zum Thema Sexualität. Du hast spannende Anmerkungen oder Fragen, die du in den kommenden Beiträgen klären willst? Lass es uns in den Kommentaren wissen oder schreib mir eine Mail an natalie.hemenguel@digitecgalaxus.ch

Schiftan arbeitet seit 13 Jahren als Sexologin und Psychotherapeutin in eigener Praxis in Zürich. Mehr über sie und ihren Job erfährst du im Interview mit ihr:

Alle weiteren Beiträge aus der Serie findest du hier:

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Natalie Hemengül
Natalie Hemengül

Editor, Zürich

Als Disney-Fan trage ich nonstop die rosarote Brille, verehre Serien aus den 90ern und zähle Meerjungfrauen zu meiner Religion. Wenn ich mal nicht gerade im Glitzerregen tanze, findet man mich auf Pyjama-Partys oder an meinem Schminktisch. PS: Mit Speck fängt man nicht nur Mäuse, sondern auch mich.

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