
Produkttest
Nintendos Virtual Boy im Test: ein (zu) originalgetreues Retro-Revival
von Domagoj Belancic

Retro-Handhelds gibt es wie Sand am Meer. Keiner vereint so viele gute Eigenschaften wie der Ayn Thor. Nicht nur für Nintendo-DS-Games ist das Gerät ein Traum.
An Möglichkeiten, alte Games zu zocken, mangelt es mir nicht. Neben den Original-Konsolen kann ich Nintendo- und Sega-Klassiker auf meinem Analogue Pocket, unzähligen Mini-Retro-Konsolen oder dank Emulatoren auf dem Steam Deck spielen. Mache ich das? Gelegentlich. Für fünf Minuten. Meistens ist es mir zu umständlich, unvollständig oder aus anderen Gründen unbefriedigend. Neben der Spielauswahl ist das Spielerlebnis entscheidend. Bei keinem kommt alles so gut zusammen wie beim Ayn Thor.
Der Ayn Thor ist ein Android-basierter Gaming-Handheld mit zwei Displays. Er sieht aus wie eine etwas dickere Version des Nintendo 3DS XL. Mit dem Dual-Screen-Design schliesst der Ayn Thor eine wichtige Lücke, die Analogue Pocket, Steam Deck und Co. nicht stopfen können: Games, die zwei Displays brauchen, spielen sich auf einem Bildschirm äusserst unbefriedigend.

Auf dem Ayn Thor läuft das nicht mehr ganz taufrische Android 13. Pixel-Phone-Besitzerinnen und -Besitzer spielen bereits mit Version 17 herum. Für den Retro-Handheld reicht die vier Jahre alte Version vollkommen aus. Bankgeschäfte würde ich auf dem Gerät aber vielleicht nicht tätigen.
Das Gerät bediene ich mit den physischen Knöpfen, die dem typischen Controller-Schema von Playstation und Co. entsprechen. Die Touchbedienung funktioniert ebenfalls wunderbar. Beide Displays sind kapazitiv. Beim Nintendo DS ist der untere resistiv. Das bedeutet, dass er nicht auf Berührung, sondern auf Druck reagiert. Das war damals für die Stifteingabe notwendig. Dafür fehlt dem Thor die 3D-Technik. Die vermisse ich nicht im Geringsten.

Die Nutzeroberfläche und die Navigation unterscheiden sich kaum von Googles Standard-Android. Einzig mit der Ayn-Taste am unteren Bildschirmrand startet ein dediziertes Menü. Dort gibt es einige gerätespezifische Einstellungen, Informationen zu Leistung, Lüftern und FPS.

Apps installiere ich wie gewohnt über den Play Store. Starten kann ich sie anschliessend wahlweise auf dem oberen oder unteren Screen. Will ich nicht nur Android-Games spielen, hole ich mir auf diesem Weg Emulatoren für die Retro-Systeme meiner Wahl – sofern sie Nintendo noch nicht ins Nirvana geklagt hat.
Möchtest du nicht alles selber zusammensuchen, installierst du Obtainium. Das ist eine App, über die du nicht nur verschiedene Emulatoren, sondern auch alternative Launcher und sonstige nützliche Tools installieren kannst.
Mit dem Cocoon-Launcher verwandle ich meinen Thor in einen waschechten Nintendo DS. Nicht nur die Icons und das Layout erinnern damit an den Kult-Handheld, es gibt auch die passenden Klickgeräusche beim Navigieren. Ich bevorzuge die Emulation Station. Die App gibt es schon länger für Steam Deck und Co. Damit werden meine Emulatoren und Roms hübsch und übersichtlich dargestellt – inklusive Bilder, Infos und Bewertungen. Es gibt bereits eine Erweiterung, die auch den zweiten Bildschirm nutzt.

Je nachdem, wie viele Emulatoren du brauchst, ist der Thor in wenigen Minuten eingerichtet. Mit spezifischen Konfigurationen für verschiedene Emulatoren sowie dem Aussehen habe ich trotzdem ein paar Stunden verbraten. Kompliziert ist nichts davon. Auch Dual-Screen-Spiele von Nintendo DS und 3DS benötigen mit dem richtigen Emulator kaum mehr Anpassungen.
Eine der grössten Stärken des Ayn Thor ist das Multitasking. Ich kann auf dem Hauptbildschirm ein Spiel zocken und auf dem unteren eine Walkthrough auf Youtube anschauen oder einen Podcast starten. Auch während der Konfiguration der Emulatoren ist der zweite Bildschirm ungemein praktisch. Etwa, wenn ich bestimmte Einstellungen nachschauen muss oder wenn ich Login-Daten aus meinem Passwort-Manager kopieren will.

Den Ayn Thor gibt es in vier Ausführungen und vier Farben. Das günstigste Modell gibt es für 250 US-Dollar und das teuerste für 450 US-Dollar. Neben der Speichergrösse unterscheiden sie sich primär beim Arbeitsspeicher und dem verbauten Chip. Während die Lite-Version auf den Snapdragon 865 setzt, steckt in den drei anderen Modellen der schnellere Snapdragon 8 Gen 2. Ausserdem besitzen sie statt 8 Gigabyte DDR4-RAM bis zu 16 Gigabyte DDR5.
Die zusätzliche Leistung ist relevant, wenn ich modernere Konsolen-Systeme wie die Wii U oder die Switch emulieren möchte. Oder wenn ich DS- und 3DS-Games höher skalieren will. Dort wähle ich meist die vierfache Auflösung. Bis dreifach sollte auch die Lite-Version hinbekommen. Selber kontrolliert habe ich das nicht, da ich die schnellste Version gekauft habe. Selbst anspruchsvolle Switch-1-Games wie «The Legend of Zelda: Breath of the Wild» laufen wunderbar auf dem Gerät, wenn auch nur mit 30 FPS. Mehr gab es auf der Original-Switch aber auch nicht.
Mit dem entsprechenden Emulator zocke ich sogar meine Steam-Games auf dem Thor. Dafür habe ich zwar bessere Geräte mit deutlich mehr Leistung, für «Hades 2», «Megabonk» und Co. reicht es aber allemal.

Mein Modell hat 1 Terabyte Speicher und damit mehr als genug Platz für all meine Games. Sonst gibt es auch noch einen microSD-Kartenslot. Physische Spielmodule kann ich hingegen anders als bei einem Analogue Pocket nicht nutzen.
Das in Hongkong ansässige Unternehmen macht auch bei den Displays keine Kompromisse. Beide sind AMOLED. Das obere misst sechs Zoll, löst mit 1920 × 1080 Pixel auf und besitzt eine Bildwiederholrate von 120 Hertz. Das untere begnügt sich mit knapp vier Zoll, 1240 × 1080 Pixeln und 60 Hertz. Da ich Spiele tendenziell auf dem grossen Display spiele und das untere als Zweitbildschirm dient, reichen diese Spezifikationen aus.
Die Spiele von Nintendos zweiterfolgreichster Konsole aller Zeiten sind sicherlich eines der Highlights auf dem Ayn Thor. Dank höherer Display-Auflösung und Upscaling sehen DS- und 3DS-Games deutlich schärfer aus als auf meinen diversen Original-DS-Geräten. Besonders im Direktvergleich wirken die alten Games auf dem Thor wie aufgebohrte Remaster-Versionen. Die OLED-Displays sorgen obendrauf für kräftigere Farben. Hinzu kommen unzählige praktische Funktionen wie Vor- und Zurückspulen, freies Speichern und Retro-Achievements.
Wie beim DS kann ich den Thor einfach zuklappen und das Gerät geht in den Standby-Modus. Später kann ich ohne Unterbruch dort weiterspielen, wo ich aufgehört habe.

Der Spielspass hängt für mich entscheidend von dem Gefühl ab, das mir ein Gerät bereitet. Der Thor enttäuscht auch da nicht. Das Gerät wirkt sauber verarbeitet und anders als beim DS wackelt das Display nicht. Die Tasten haben genau den richtigen Widerstand und die versenkten Analogsticks sind ebenfalls angenehm präzise. Der Handheld liegt gut in der Hand und ist mit 380 Gramm nur 50 Gramm schwerer als der Nintendo 3DS XL.
Der Ayn Thor bleibt bei den meisten Spielen lautlos. Bei anspruchsvollen Games oder bei sehr hohem Upscaling macht sich der Lüfter bemerkbar. Kommt noch etwas Spielsound dazu, ist er aber kaum zu hören. Die Audioqualität ist nicht die beste. Der Klang ist etwas blechern, aber für mich immer noch ausreichend für einen Handheld.
Die Akkulaufzeit hängt stark von den Spielen ab, die ich zocke. Bei NES- oder Game-Boy-Games hält der 6000-mAh-Akku gerne zehn Stunden durch. Bei PC-Games oder 3DS-Titeln sind es noch rund sechs Stunden. Die Bildwiederholrate des Systems von 120 Hz auf 60 Hz zu reduzieren, erhöht die Laufzeit.

Egal ob «Minecraft» aus dem Google Play Store, «Hollow Knight» über Steam oder Retro-Games per Emulator, der Ayn Thor packt alles. Und er macht es mit einer Leichtigkeit, dass es eine wahre Freude ist. Bisher habe ich bei Dual-Screen-Handhelds nur die Schultern gezuckt. Wer braucht das schon? Ich, stellt sich heraus. Ich brauche das.
Nicht nur, weil ich damit endlich wieder längst vergessene Nintendo-DS-Schätze ausgrabe, das Zweitdisplay ist auch sonst Gold wert. Schnell etwas im Internet nachschauen, eine Datei verschieben, eine App installieren oder eine Serie streamen, während ich auf dem Hauptdisplay ein anspruchsloses Game zocke. Ich liebe es. Genauso wie die Konfigurationsmöglichkeiten, die mir Android und die unzähligen Emulatoren und Launcher bieten. Der Ayn Thor macht Freude und genau dafür kaufe ich mir so ein Spielzeug.
Pro
Contra
Als Kind durfte ich keine Konsolen haben. Erst mit dem 486er-Familien-PC eröffnete sich mir die magische Welt der Games. Entsprechend stark überkompensiere ich heute. Nur der Mangel an Zeit und Geld hält mich davon ab, jedes Spiel auszuprobieren, das es gibt und mein Regal mit seltenen Retro-Konsolen zu schmücken.
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