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Warner Bros.
Kritik

«Clayface»: Es wird hässlich. Verdammt hässlich.

Luca Fontana
21.10.2026

Ein Schauspieler verliert sein Gesicht, seine Karriere und schliesslich sich selbst. «Clayface» ist ein verstörender Body-Horror-Trip durch Gothams dunkelste Abgründe. Ekelhaft, tragisch – und gut.

Keine Sorge: Die folgende Filmkritik enthält keine Spoiler. Ich verrate dir nicht mehr, als ohnehin schon bekannt und in den Trailern zu sehen ist. «Clayface» läuft ab dem 22. Oktober im Kino und ist ab 16 Jahren (R-Rating in den USA) geeignet.

Gotham City ist ein Drecksloch. Eine Stadt, in der Korruption bis in die höchsten politischen und gesellschaftlichen Kreise reicht, Verbrecher die Strassen beherrschen und Gerechtigkeit bestenfalls eine Frage des Geldes ist. Wer hier auf die schiefe Bahn gerät, hat schlechte Karten. Wer sich mit den falschen Leuten anlegt, noch schlechtere.

Matt Hagen (Tom Rhys Harries) wird das auf die denkbar schmerzhafteste Weise erfahren. Dabei hatte für ihn gerade alles so gut angefangen. Ein junger Schauspieler aus einfachen Verhältnissen, der sich mit Talent und Ehrgeiz aus der Gosse Gothams bis nach Hollywood hochgearbeitet hat. Jung, attraktiv, erfolgreich. Ein aufstrebender Star, über den gerade alle reden.

Tom Rhys Harries spielt Matt Hagen mit so viel Menschlichkeit, dass dessen Schicksal umso schmerzhafter wird.
Tom Rhys Harries spielt Matt Hagen mit so viel Menschlichkeit, dass dessen Schicksal umso schmerzhafter wird.
Quelle: Warner Bros.

Dann macht er einen dummen Fehler – und verliert sein Gesicht. Buchstäblich.

Darum geht's in «Clayface»

Eigentlich will Matt nur seinen Erfolg feiern. In einem Nachtclub lernt er eine attraktive Frau kennen, flirtet drauflos und verbringt schliesslich die Nacht mit ihr. Das Problem: Sie ist die Freundin des gefürchteten Mafiabosses Markos Szabo (David Dencik). Matt weiss das. Aber in seinem jugendlichen Übermut fühlt er sich unantastbar.

Ein fataler Irrtum. Szabo lässt ihn brutal zusammenschlagen und sein Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellen. Oder besser: zerschnippeln. Doch damit nicht genug. Mithilfe seiner Kontakte und einer gezielten Rufmordkampagne sorgt Szabo dafür, dass Matt auch seine Karriere verliert. Aus dem gefeierten Nachwuchsstar wird über Nacht ein gesellschaftlicher Aussenseiter.

Seine letzte Hoffnung ist eine Wissenschaftlerin (Naomi Ackie), die an einem experimentellen Verfahren zur Regeneration menschlichen Gewebes arbeitet. Tatsächlich gelingt es ihr, Matts Gesicht wiederherzustellen. Nur: Die Behandlung hat Nebenwirkungen, die niemand vorhersehen konnte.

Erst jetzt beginnt der eigentliche Horror.

Gotham frisst seine eigenen Kinder

Joker. Pinguin. Riddler. Two-Face. Batmans Schurkengalerie gehört zu den berühmtesten der Comicgeschichte. Clayface hingegen dürfte ausserhalb eingefleischter Comic-Kreise kaum jemandem ein Begriff sein. Dabei ist das wandelnde Lehmmonster einer der tragischsten Gegenspieler des Dunklen Ritters. Denn hinter der entstellten Fratze steckt nicht einfach ein Bösewicht, der Gotham terrorisieren will, sondern ein gebrochener Mensch, dem sein eigenes Schicksal zum Verhängnis geworden ist.

Interessanterweise war Clayface bei seinem ersten Auftritt 1940 noch gar kein Monster. Damals steckte bloss Schauspieler Basil Karlo hinter einer Maske, der aus Rache zum Mörder wurde. Erst spätere Comicversionen machten ihn zum formwandelnden Wesen, dessen Körper aus einer schlammartigen Masse zu bestehen scheint. Eine dieser Versionen war Matt Hagen, dessen tragische Geschichte Regisseur James Watkins nun als Body-Horror-Film auf die Leinwand bringt.

Und was für einen Horrorfilm.

Matt Hagen hat nicht nur sein Gesicht verloren, sondern praktisch sein ganzes Leben.
Matt Hagen hat nicht nur sein Gesicht verloren, sondern praktisch sein ganzes Leben.
Quelle: Warner Bros.

Was mir an «Clayface» besonders gefällt, ist, wie konsequent Watkins seine Geschichte in diesem verrotteten Gotham verankert. Gerade mit ihrer düsteren Ästhetik und der allgegenwärtigen Korruption erinnert mich die Stadt stark an Matt Reeves' «The Batman». Polizei, Justiz, Politik – alles scheint ist käuflich. Selbst vor Gericht ist Gerechtigkeit keine Selbstverständlichkeit.

Matt hat in dieser Welt keine Chance. Natürlich, er ist kein Unschuldslamm. Sein jugendlicher Übermut und seine Arroganz bringen ihn überhaupt erst in Schwierigkeiten. Aber was Szabo ihm daraufhin antut, ist so unverhältnismässig grausam, dass ich kaum anders kann, als mit ihm zu leiden.

Und Watkins lässt mich leiden. Er hetzt nicht von einem Schockmoment zum nächsten, sondern gibt Matt genügend Raum, um als Mensch zu funktionieren. Um seine Verzweiflung nachvollziehbar zu machen. Seine Wut. Seinen zunehmenden Hass auf all jene, die ihn vernichtet haben. Irgendwann wünsche ich ihm beinahe, dass er sich rächt.

Beinahe.

Bitte nicht mit der Schere ins Auge!

Dann ist da dieser Body-Horror. Meine Güte. Wer David Cronenbergs «The Fly» kennt, weiss ungefähr, worauf er oder sie sich einlässt. Nur dass «Clayface» noch eine gehörige Portion Gotham-Wahnsinn obendrauf packt: Körper verformen sich, Haut schmilzt und Fleisch verwächst mit Fleisch. Für Matt wird der eigene Körper damit zur unberechenbaren Bedrohung. Denn längst muss er nicht mehr nur um sein schönes Gesicht fürchten, sondern auch um die Kontrolle darüber.

Eine Szene hat sich besonders in mein Gedächtnis gebrannt: Matt sitzt während eines turbulenten Flugs auf der Flugzeugtoilette. Seine Augenlider beginnen zusammenzuschmelzen. Erst langsam, dann immer stärker, bis sie regelrecht miteinander verwachsen. In Panik greift er zu einer Schere und versucht, das Gewebe wieder aufzuschneiden, während das Flugzeug rüttelt und schüttelt. Ich sitze da und denke nur: Bitte, bitte stich dir jetzt nicht auch noch ins Auge!

Die Kamera hält natürlich voll drauf. Auf die viel zu kleine Schere. Auf die Haut. Auf das zerfledderte Fleisch, das Matt eher zerreisst als zerschneidet. Nichts wird beschönigt, nichts gnädig ausgeblendet. Als wäre das nicht schon schlimm genug, steigert Watkins den körperlichen Zerfall im Verlauf des Films immer weiter. Was zunächst wie eine besonders groteske Hautkrankheit aussieht, entwickelt sich zunehmend zu einem Albtraum aus Schlamm, Blut, Knochen, Zähnen und menschlichem Gewebe.

Widerlich.

Ich habe selten so sehr gehofft, dass ein Flugzeug ruhig in der Luft liegt.
Ich habe selten so sehr gehofft, dass ein Flugzeug ruhig in der Luft liegt.
Quelle: Warner Bros.

Vor allem, weil Watkins erstaunlich viel mit praktischen Effekten und Make-up arbeitet. CGI hilft zwar dort nach, wo es nötig ist. Vereinzelt sehe ich die digitalen Tricks sogar etwas zu deutlich. Meistens aber wirken die Verformungen so erschreckend körperlich, dass ich mich kaum entscheiden kann, ob ich genauer hinschauen oder lieber wegsehen will.

Kompliment!

Ein Monster, das ich eigentlich mögen möchte

All das wäre nur halb so wirkungsvoll ohne Tom Rhys Harries. Den walisischen Schauspieler hatte ich bislang kaum auf dem Radar. Nach «Clayface» definitiv schon. Denn Harries spielt nicht einfach einen Mann, der langsam zum Monster wird. Er spielt einen verzweifelten Menschen, der sich mit aller Kraft an jenes Leben klammert, das ihm genommen wurde. Aber je mehr er darum kämpft, desto weiter entfernt er sich davon. Es ist eine tragische Entwicklung, die mich trotz ihrer zunehmenden Grausamkeit nie kaltlässt.

Ich glaube, ich werde eine Badewanne nie wieder mit denselben Augen sehen.
Ich glaube, ich werde eine Badewanne nie wieder mit denselben Augen sehen.
Quelle: Warner Bros.

Gerade hier liegt allerdings auch meine grösste Kritik. Matt richtet seine Wut lange gegen Menschen, die selbst kaum einen Funken Anstand besitzen. Das erinnert mich ein wenig an «John Wick»: Natürlich ist brutale Selbstjustiz moralisch fragwürdig. Aber hey, die haben seinen Hund getötet! Da drückten wir Zuschauenden gerne mal ein Auge zu.

Ähnlich geht’s mir mit Matt. Denn «Clayface» macht es mir zu einfach, seine Grausamkeiten zu entschuldigen, solange sie sich gegen seine Peiniger richtet, die selbst nicht besser oder gar schlimmer sind. Erst spät zwingt mich der Film dazu, meine Sympathie für Matt ernsthaft zu hinterfragen. Schade. Gerade bei einer derart tragischen Figur hätte Watkins uns Zuschauenden ruhig etwas mehr moralische Zerrissenheit zutrauen dürfen.

Vielleicht sogar müssen.

Fazit

Das Monster hinter dem Gesicht

«Clayface» erzählt keine sonderlich neue Geschichte. Tragische Monster, fehlgeschlagene Experimente und blutige Rachefeldzüge kennen wir längst. Doch James Watkins macht daraus einen derart packenden Body-Horror-Film, dass mir die vertraute Ausgangslage herzlich egal bleibt. Sein Gotham ist ein moralischer Abgrund, seine Effekte sind widerlich überzeugend und Tom Rhys Harries verleiht dem Monster genau jene Menschlichkeit, die seine Geschichte so tragisch macht.

Sicher, etwas mehr moralisches Unbehagen hätte dem Film gutgetan. Trotzdem: Dass dieser düstere, gnadenlose Horrortrip im selben DC Universe spielt wie James Gunns hoffnungsvoller «Superman», ist schon ziemlich verrückt. Offenbar muss nicht jeder DC-Film die Welt retten. Manchmal reicht es, wenn ein Mann verzweifelt versucht, sein Gesicht zu wahren. Oder zu behalten. Je nachdem.

Titelbild: Warner Bros.

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Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.


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