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Sony Pictures
Kritik

Der neue «Spider-Man» braucht 60 Minuten, um endlich gut zu werden

Luca Fontana
28.7.2026

In «Spider-Man: Brand New Day» stecken zwei Filme: Einer verzettelt sich zwischen Nebenfiguren und Nebenschauplätzen. Der andere erzählt eine richtig starke Spider-Man-Geschichte. Schade nur, dass der bessere erst zur Halbzeit beginnt.

Keine Sorge: Die folgende Filmkritik enthält keine Spoiler. Ich verrate dir nicht mehr, als ohnehin schon bekannt und in den Trailern zu sehen ist. «Spider-Man: Brand New Day» startet am 29. Juli im Kino.

Da sitze ich also, das Licht im Saal geht wieder an, und ein wenig enttäuscht stelle ich fest, dass meine Prognosen aus diesem Meinungsbeitrag fast so akkurat waren wie die schier gedankensprengenden hellseherischen Fähigkeiten des Akinators.

Damals befürchtete ich, dass «Brand New Day» beliebig bis zur Austauschbarkeit werden würde. Dabei hat der Film eine der stärksten Ausgangslagen für einen Spider-Man-Film seit Jahren. Peter Parker ist nach «No Way Home» isoliert, von der Welt vergessen und auf sich allein gestellt. Sein Leben als Spider-Man funktioniert, während er als Mensch leidet. Das ist eigentlich gutes Drama. Nur weiss der Film lange nichts damit anzufangen.

Lange. Aber nicht für immer. Und das rettet «Brand New Day».

Aber der Reihe nach.

Zwei Filme in 144 Minuten

Der erste dieser beiden Filme ist der, den ich befürchtet hatte. Spider-Man jagt darin von einem kleinen Auftrag zum nächsten, kümmert sich um «little potatoes», wie es der Film selbst nennt, während sich um ihn herum praktisch das gesamte Marvel-Regal auffährt: Scorpion kommt vor, Boomerang, «The Hand», die Ninja-Organisation, die man aus «Daredevil» kennt, dazu Bruce Banner in seiner Nicht-Hulk-Form und ein kurzer Auftritt von Frank Castle als Punisher.

So weit, so … normal.

Anfangs folgt «Brand New Day» zu sehr dem «villain of the week»-Schema.
Anfangs folgt «Brand New Day» zu sehr dem «villain of the week»-Schema.
Quelle: Sony Pictures

Mit genau dieser Normalität kämpfe ich anfangs lange. Einerseits spüre ich sie, die Intention, Spider-Man nach all seinen wilden Ausflügen im Weltall oder Kämpfen mit multiversalen Wesen wieder etwas zu erden. Sie ist gut gemeint. Bringt Spider-Man wieder etwas auf «street level», wie man’s von der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft gewohnt ist.

Und trotzdem – gerade nach «No Way Home» fühlt sich «Brand New Day» wie ein Downgrade an, das nicht so recht weiss, welche Geschichte es erzählen will. Einerseits ist zwischen all den kleinen Kartoffeln eben doch dieser eine Bösewicht, der locker zu den bedrohlichsten Gefahren des ganzen Marvel-Universums zählen könnte: Mit einer Mischung aus Gedankenkontrolle und Telepathie kann er mit seinem Bewusstsein blitzschnell von Mensch zu Mensch «hüpfen» und ihn kontrollieren – wie eine unaufhaltbare Seuche. Seine Motive und Ziele sind zunächst unbekannt. Das sorgt für Spannung, weil Spider-Man ein Rätsel zu lösen hat.

Na, wer versteckt sich hier wohl unter der Kaputze?
Na, wer versteckt sich hier wohl unter der Kaputze?
Quelle: Sony Pictures

Andererseits ist da ja noch dieses Dilemma, dass es mit Spider-Man als neuer, gefeierter Held New Yorks gerade deshalb so gut läuft, weil Peter Parker als Mensch beinahe verschwindet. Nicht nur metaphorisch. Sondern buchstäblich: Peter unterdrückt seine Einsamkeit so konsequent, dass seine Spinnen-DNA beginnt, überhand zu nehmen und Peters Persönlichkeit zu verschlingen.

Narrativ würde das ja einiges hergeben. Der Film versucht’s sogar, wenn Peter seine Freunde, die ihn nicht mehr kennen, besucht und sich dadurch nur noch einsamer fühlt. Nur eben: Unter dem Gewicht der vielen, kleinen und diesem einen grossen Nebenschauplatz passiert eine Stunde alles und irgendwie auch erstaunlich wenig, an das ich mich nach dem Kinobesuch erinnern würde.

Genau das ist es, was ich mit «austauschbar» und «beliebig» meine.

Welche Story soll’s denn bitte sein?

Doch dann, ungefähr zur Filmmitte, verändert sich alles. Wir erfahren, wer wirklich hinter dieser Bedrohung steckt und warum – mehr verrate ich an dieser Stelle nicht, versprochen. Aber diese Enthüllung ist der Moment, in dem «Brand New Day» plötzlich weiss, was er eigentlich die ganze Zeit hätte sein sollen.

Ab der zweiten Hälfte weiss «Brand New Day» endlich, welche Geschichte man erzählen will.
Ab der zweiten Hälfte weiss «Brand New Day» endlich, welche Geschichte man erzählen will.
Quelle: Sony Pictures

Die kleinen Kartoffeln verschwinden, das Marvel-Regal schliesst sich wieder, und übrig bleibt eine einzige, klar fokussierte Geschichte. Zum ersten Mal vereinen sich die beiden Konflikte, die bis dahin nur nebeneinanderher liefen: der äussere, den dieser Bösewicht verkörpert, dessen Körper-Hüpferei symbolisch eng mit Peters Identitätsverlust verknüpft ist, und der innere, den Peter mit sich selbst austrägt. Wer ist er eigentlich noch, wenn Spider-Man ihn längst zu verschlingen droht?

Genau hier zeigt sich, warum echte Spider-Man-Geschichten seit jeher funktionieren. Schon Sam Raimi wusste in seinen ersten beiden Filmen mit Tobey Maguire, dass der Konflikt zwischen Held und Mensch nicht bloss behauptet werden darf. Er muss wehtun.

Spider-Man und das Gewicht der Welt – sozusagen.
Spider-Man und das Gewicht der Welt – sozusagen.
Quelle: Sony Pictures

Genau deshalb ärgert mich dieser erste Film im Nachhinein umso mehr. Hätte man den gut gemeinten Ausflug ins «Street-Level»-Terrain kürzer gehalten und das Regal an Nebenfiguren spürbar eingedampft, hätte «Brand New Day» wohl schon nach zwanzig statt nach weit über sechzig Minuten bei sich selbst ankommen können. Es ist, als ob «Brand New Day» eigentlich schon von Anfang an gewusst hätte, wie seine beste Version aussieht – er legt sie nur erschreckend spät frei.

Ein Maulkorb, den ich kommen sah – und erstaunlich gut funktioniert

Bei aller Kritik: In einem Punkt hat mich «Brand New Day» dann doch positiv überrascht: Bei Frank Castle, besser bekannt als der Punisher. Schon im Trailer verklebt Spider-Man Frank Castle mit einem Spinnennetz den Mund, bevor der das Wort «Motherf*cker» aussprechen kann. Ich hatte das damals als Statement gelesen, dass man den Punisher hier zähmt, ihm die Zähne zieht und ihn jugendfreundlich macht.

Dem Punisher nicht nur einen metaphorischen, sondern buchstäblichen Maulkorb gegeben.
Dem Punisher nicht nur einen metaphorischen, sondern buchstäblichen Maulkorb gegeben.
Quelle: Sony Pictures

Genau das bereitete mir grosse Sorgen. Schliesslich gibt es für mich nur vier Marvel-Figuren, die ohne R-Rating schlicht nicht funktionieren: Blade, Deadpool, Daredevil und eben der Punisher. Nicht, dass sie Gewalt und Schimpfwörter bräuchten, um interessant zu sein. Aber ihre moralische Kompromisslosigkeit ist ihr ganzer Charakter – nimmt man ihnen die, bleibt bloss noch die Maske übrig.

Tatsächlich bestätigte sich meine Befürchtung: Dieser Frank ist ein anderer Mann als jener, den Jon Bernthal in «Daredevil», «The Punisher» und «Daredevil: Born Again» gespielt hat. Weicher. Gezähmter. Fast schon kollegial.

Dass ausgerechnet dieser domestizierte Frank Castle trotzdem zum Besten gehört, was «Brand New Day» zu bieten hat – ich hätte es nicht für möglich gehalten. Aber FSK-12-Frank-Castle funktioniert. Einwandfrei. Und wenn auch nur, weil Jon Bernthal und Tom Holland zusammen eine derart wahnsinns Chemie haben, dass sie mich an Ryan Reynolds und Hugh Jackman aus «Deadpool & Wolverine» erinnern.

Kein Wunder, wenn ich diese Bromance-Energie hier sehe.

Spidey und Frank – ich brauche mehr davon in meinem Leben!
Spidey und Frank – ich brauche mehr davon in meinem Leben!
Quelle: Sony Pictures

Da wird gezankt wie ein altes Ehepaar, ständig, aber unter der ganzen Reibung liegt eine Vertrautheit und ja, vielleicht sogar eine Freundschaft, die ich ihnen sofort abnehme, obwohl der Film ihre gemeinsame Vorgeschichte kaum erklärt. Immerhin bekommt Frank aber auch deutlich mehr Screentime, als ich’s zunächst befürchtet hatte. Und ganz ehrlich? Wenn das hier der Vorgeschmack auf ein eigenes Team-up der beiden sein soll, will ich diesen Film so schnell wie möglich sehen. Notfalls auch mit Maulkorb.

Fazit

Erst beliebig, dann richtig gut

Ich bin mit einer Prognose in diesen Film gegangen, die sich beim Zuschauen fast lückenlos bestätigt hat: «Brand New Day» ist in seiner ersten Hälfte tatsächlich so austauschbar, wie ich es nach dem Trailer befürchtet hatte. Ein Film, der zwischen lauter kleinen Kartoffeln vergisst, welche Geschichte er eigentlich erzählen will. Erst mit der Enthüllung um die Filmmitte findet er zu jener fokussierten, klügeren Version, die er von Anfang an hätte sein können. Diese zweite Version ist dann so gut, dass ich dem Film gerne vier von fünf Sterne gebe.

Bei einer einzigen Sache aber habe ich mich komplett getäuscht: Ich hatte Frank Castle bereits abgeschrieben, kaum dass ich ihn im Trailer mit einem Spinnennetz mundtot gemacht sah. Ausgerechnet dieser gezähmte Punisher liefert mir nun zusammen mit Tom Holland die Szenen, die von diesem Kinobesuch bleiben werden. So, Marvel, jetzt kündigt bitte bald «Spider-Man & Punisher» an!

Titelbild: Sony Pictures

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Ich schreibe über Technik, als wäre sie Kino, und über Filme, als wären sie Realität. Zwischen Bits und Blockbustern suche ich die Geschichten, die Emotionen wecken, nicht nur Klicks. Und ja – manchmal höre ich Filmmusik lauter, als mir guttut.


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