
Dieser Einwegbecher sieht aus wie eine Sektschale – und landet danach im Kompost
Einwegbecher aus Plastik sind praktisch, aber hässlich und eine Umweltsünde. Schweizer Designer Silvio Rebholz hat eine elegante Alternative entwickelt – und sie im April an der Mailänder Designwoche 2026 gezeigt.
Wer schon mal auf einer Party aus einem Plastikbecher getrunken hat, kennt das Gefühl: irgendwie billig, irgendwie falsch. Der in Lausanne ansässige Designer Silvio Rebholz hat genau da angesetzt – und die «Paper Glasses» entwickelt: Gläser aus Papier, beschichtet mit Bienenwachs, die sich anfühlen wie echtes Glas und danach kompostieren. Er zeigte sie an der Milan Design Week als Teil von «Shared Matter» – einer Ausstellung von Pro Helvetia, die zeigt, was entsteht, wenn Schweizer Designschaffende die Welt als Werkstatt nutzen.
Vom Yunnan-Atelier in die Sektschale
Die «Paper Glasses» sehen aus wie Cocktailgläser, sind aber aus Papier, das anschliessend mit Bienenwachs beschichtet wird. Das Wachs bindet das Material, macht es wasserdicht, lebensmittelsicher und verleiht ihm diese unerwartete Durchsichtigkeit.

Wie Rebholz auf die Material-Kombination kam, war weniger Geistesblitz als Prozess. Er begann seine Pro-Helvetia-Residenz in Yunnan, China, mit dem Ziel, handwerkliche Papierproduktion zu verstehen. Was vor Ort möglich war, überraschte ihn. «Als ich nach den ersten Tests mit den Handwerkerinnen und Handwerkern verstanden habe, dass man mit den lokalen Papierfasern sehr dünne, aber trotzdem stabile Papierstrukturen mit einer schönen Transluzenz herstellen kann, kam mir die Idee, daraus Einweggläser zu machen», sagt er. Das Bienenwachs fand er nach parallelen Tests mit Sojawachs, Tungöl und Lack aus Kakifrucht-Saft. Es war schlicht das Beste: wasserdicht, stabilisierend, lebensmittelsicher.
Zerbrechlich wie Glas
Warum er das Projekt nicht einfach in der Schweiz hätte entwickeln können? Weil die Fasern entscheidend sind: «Die traditionelle Papierherstellung in Europa und in Asien sind grundlegend verschieden. In Europa werden hauptsächlich Baumwoll- oder Leinfasern verwendet, in China Reis- und Bambusfasern. Der grosse Unterschied liegt dabei in der Länge der Fasern, die dünnes, aber stabiles Papier ermöglichen.»

Die Paper Glasses sehen nicht nur aus wie Glas, sie fordern dieselbe Sorgfalt. Wer einen zerbrechlichen Gegenstand in der Hand hält, trinkt anders – langsamer, bewusster. Sie sind gedacht für Momente, in denen es was zu feiern gibt, man aber nicht auf echtes Geschirr zurückgreifen kann. «Events, Messen, Vernissagen bis hin zu Geburtstags- oder Gartenparties», sagt Rebholz. Einen heissen Kaffee solltest du aber nicht reinkippen: Die Gläser sind nur für Kaltgetränke konzipiert.

Noch ist jedes Glas Handarbeit und damit zu teuer für den Markt. Rebholz arbeitet gerade mit Papierherstellern an einer serienreifen Technik. Es könnte also sein, dass diese Gläser bald wirklich an deiner Party stehen.
Was die Natur hergibt
Rebholz war einer von sieben Designschaffenden, die Pro Helvetia für «Shared Matter» ausgewählt hat – durch eine offene Ausschreibung, bewertet von einer internationalen Jury. Alle Projekte entstanden in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern, im Rahmen von Residenzen oder selbst initiierter Praxis. Was sie verbindet: Sie arbeiten mit dem, was ein Ort, eine Kultur oder ein Material mitbringt und hören auf dessen Bedingungen. Zwei weitere Projekte bleiben besonders hängen.
Die Designerin Noelani Rutz liess sich von Schnee inspirieren oder genauer: von seiner Vergänglichkeit. Ihre «Fleeting Landscapes» sind Keramikfliesen, die direkt von Schneeoberflächen abgeformt wurden, entstanden in Zusammenarbeit mit dem japanischen Hersteller Tajimi Custom Tiles.



Vera Roggli und die philippinische Designerin Julia Villamonte haben gemeinsam die «Sapin-Sapin»-Matte entwickelt. Aussen: Karagumoy-Blätter, handgewebt mit Gemeinschaften in Labo, Provinz Camarines Norte. Innen: Schweizer Wolle, inspiriert von traditionellen Strohmatratzen.
Der Name ist Programm: «Sapin-Sapin» ist ein philippinischer Schichtenkuchen, «sapin» bedeutet auf Tagalog schlicht «Lage». Die Matte lässt sich als Bodenmatte, Raumteiler oder Sitzelement verwenden. Wer die Oberfläche berührt, erwartet Leder und spürt stattdessen etwas Trockeneres, Steiferes, Eigenartigeres.



Was alle drei Projekte verbindet: Sie arbeiten mit Materialien, die Bedingungen mitbringen – Saisonalität, Herkunft, Handwerk. Rebholz fügt noch eine Frage hinzu, die über das Material hinausgeht: Warum sollte ein Einwegbecher nicht schön sein?
Wie ein Cheerleader befeuere ich gutes Design und bringe dir alles näher, was mit Möbeln und Inneneinrichtung zu tun hat. Regelmässig kuratierte ich einfache und doch raffinierte Interior-Entdeckungen, berichte über Trends und interviewe kreative Köpfe zu ihrer Arbeit.
Vom neuen iPhone bis zur Auferstehung der Mode aus den 80er-Jahren. Die Redaktion ordnet ein.
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