E-Biker: Rücksichtslos und zu faul, um selber zu treten?

E-Biker: Rücksichtslos und zu faul, um selber zu treten?

Patrick Bardelli
Patrick Bardelli
Zürich, am 25.08.2021
Mountainbiker sind rücksichtslos, E-Biker sind faul. E-Mountainbiker sind beides. Okay, Moment mal: Zeit, die Perspektive zu wechseln.

Stopp! Bevor du jetzt in die Tasten und mich in der Kommentarspalte in die Pfanne haust, lass mich erklären, oder es wenigstens versuchen. Es ist ja irgendwie alles subjektiv. Das Menschsein im Allgemeinen und der Verkehr, also der auf Strasse, Trottoir und Trail im Speziellen. Alles eine Frage der Perspektive oder des Wechsels derselbigen.

Alles Idioten oder was?

Zum besseren Verständnis zunächst ein wenig Küchenpsychologie, eine kurze Selbstanalyse meines Charakters: Ich wäre nur zu gerne Philanthrop, ein Menschenfreund, neige jedoch leider ein wenig zur Misanthropie. Nicht, dass ich die Menschen generell hassen oder verachten würde. Aber mit der uneingeschränkten Zuneigung für unsere Spezies tue ich mich zuweilen schwerer als mir lieb ist. Warum das so ist? Keine Ahnung, vielleicht kann ich mich selbst nicht genug mögen, um alle anderen Menschen in mein Herz zu schliessen. Vielleicht sind einige meiner Artgenossen auch einfach nur Idioten. Wer weiss.

Kürzlich las ich den wunderbaren Satz: «Der Zynismus ist das Kondom des Romantikers». Besser kann ich meinen Seelenzustand nicht beschreiben. Und was hat das mit dem E-Bike zu tun? Dazu komme ich gleich.

Wassup Mensch?
Wassup Mensch?

Gegen den Strom

Ich muss immer gegen den Strom schwimmen. Ist bei mir ein wenig zwanghaft, von jeher. Das äussert sich in ganz trivialen Dingen. Zum Beispiel beim Thema Film: Alle rennen, um den angesagten Streifen zu sehen? Dann will ich ihn nicht sehen. Ich meine, wenn ihn alle (Idioten) gut finden, ist es Mainstream und der kann nicht gut sein. Punkt. Ich erinnere mich noch lebhaft an Fight Club von David Fincher. «Den muss man gesehen haben, Meisterwerk, brillant», waren sich 1999 die internationale Filmkritik und mein lokaler Bekanntenkreis einig. Ich habe mir den Film mit Edward Norton und Brad Pitt dann nach einer zweijährigen Trotzphase zum ersten Mal angeschaut. Ein brillantes Meisterwerk, das man gesehen haben muss. Und wie mit Fight Club verhielt es sich bisher auch mit dem E-Bike-Hype.

Bosch sei Dank mit dem Strom

Plötzlich fährt die ganze Welt nur noch mit Strom im Velo? Dann taugt das nichts, dann will ich das nicht, das ist Mainstream und der ist doof. Und überhaupt. Punkt. Das war bisher meine Haltung zum Velofahren mit Stromunterstützung. Auch wenn ich selbst die letzten Jahre gar nicht mit einem Drahtesel durchs Leben pedalierte, hielt ich eisern an dieser Haltung fest. Prinzipien sind schliesslich da, um nicht davon abzurücken.

Seit ich mit meinem Gravelbike ohne zusätzliche Power durch die Gegend strample, hat sich meine Abneigung gegen alle E-Biker noch verstärkt. Ein Velo ist ein Sportgerät, auf dem ich mich auskotzen und an meine Grenzen kommen will. Schliesslich nutze ich ja auch nicht eine E-Hantel beim Bänklidrücken und stemme mit Stromunterstützung mal eben 200 Kilo. Eben. Trotzdem nervt es, wenn ich mich eine zehnprozentige Steigung auf Schotterstrassen hochquäle und dabei dauernd von gemütlich pfeifenden älteren Herren mit Schmerbauch überholt werde. Das ist schlecht für mein Ego. Ausserdem sieht es komisch aus, wenn die mit 20 Kilometern pro Stunde den Berg hoch rauschen und dabei im Zeitlupentempo in die Pedale treten. Das passt einfach nicht zusammen. Punkt.

Zugenommen haben in letzter Zeit nicht nur die älteren Herren mit Schmerbauch, sondern auch die Zahl der Schwerverletzten nach Unfällen mit E-Bikes. Der durchschnittliche E-Bikende ist dabei rund zehn Jahre älter als der stromlose Velofahrende, trägt jedoch überdurchschnittlich oft einen Helm. Der nützt anscheinend jedoch überdurchschnittlich oft nichts. Warum? Die Vermutung liegt nahe: zu schnell unterwegs, falsches Einschätzen der Tempi, keine Ahnung von Bremspunkten, zu wenig Erfahrung im Umgang mit der komplexeren Technologie, zu schweres Gerät. Und eine Infrastruktur, die nicht mehr zeitgemäss ist: Wir fahren mit Technologie des 21. Jahrhunderts durch Infrastruktur, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts geplant und teilweise auch noch gebaut wurde. Und erreichen auf diese Weise mit einem Velo Orte, an die wir ohne Stromunterstützung nie gelangen würden. Die Wanderer in den Bergen können ein Lied davon singen.

Kleiner Motor, grosse Wirkung.
Kleiner Motor, grosse Wirkung.

Ein Freund von mir, der seit 30 Jahren mit dem MTB unterwegs ist, hat kürzlich auch aufs E-Bike umgesattelt. Seither haben wir einige angeregte bis hitzige Diskussionen zum Thema geführt und diesen Sommer während einer gemeinsamen Ferienwoche entschieden, einfach mal zusammen eine «Tour de Strom» durchs Unterengadin zu unternehmen. Und was hier im Video nach einer gemütlichen kleinen Steigung aussieht, wäre ohne Strom eine ziemliche Quälerei.

Vom Saulus zum Paulus

Unsere Tour führte uns von Scuol über Ftan nach Prui. Von dort weiter auf die Alp Laret und schliesslich nach einem Abstecher in ein Seitental wieder zurück über Ftan nach Scuol. Einen Teil der Strecke hatte ich einige Tage zuvor mit dem Gravelbike unter die Räder genommen. Dabei war ich nach 90 Minuten fix und fertig in Ftan angekommen. Mit Stromunterstützung haben wir diesen Abschnitt in 30 Minuten und einem Lächeln im Gesicht bewältigt. Vorbei an verdutzten Wanderern, die darüber am Abend vor dem Cheminée vermutlich ein Lied sangen.

Viele Weg führen in den E-Bike-Himmel: 30 Kilometer, 1'200 Höhenmeter und 3 Stunden Fahrzeit durch die Engadiner Bergwelt.
Viele Weg führen in den E-Bike-Himmel: 30 Kilometer, 1'200 Höhenmeter und 3 Stunden Fahrzeit durch die Engadiner Bergwelt.

Was so ein paar Watt ausmachen können oder eben der Wechsel der Perspektive. Zurück in Basel habe ich mir am darauffolgenden Wochenende sofort ein E-Mountainbike gemietet. Es gibt auf meiner Hausrunde zwei, drei Abschnitte, auf denen ich mit dem Gravelbike verloren bin. Zu steil, zu viel Trail. Es war ein unvergesslicher Tag mit viel Sonne, Schweiss und ein paar Freudentränen. Da habe ich begriffen: Es geht nicht immer darum, sich ins Koma zu fahren. Es ist okay, einfach Spass zu haben, die unglaubliche Schönheit der Natur bewusst wahrzunehmen, statt mit der Zunge zwischen den Speichen den Berg hochzuhecheln. Es ist okay, zwischendurch das Leben auf einem E-Bike zu geniessen und mit dem Schmerbauch gemütlich pfeifend den Berg hochzuradeln.

Notiz an mich: Unbedingt mehr die Perspektive wechseln. Prinzipientreue ist gut, Sturheit nicht. Und Mainstream muss nicht per se schlecht sein. Manchmal hat es einen guten Grund, warum viele das Gleiche tun oder sich im Kino anschauen. Nicht alle sind Idioten.

Am Ende des Tages werden es 65 Kilometer, 1'500 Höhenmeter und eine wichtige Erkenntnis sein.
Am Ende des Tages werden es 65 Kilometer, 1'500 Höhenmeter und eine wichtige Erkenntnis sein.
Was macht dieser komische Mann auf diesem seltsamen roten Töff, scheint sich der Hund zu fragen.
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Patrick Bardelli
Patrick Bardelli

Senior Editor, Zürich

Es zählt nicht, wie gut du bist, wenn du gut bist. Sondern wie gut du bist, wenn du schlecht bist.

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