
Ratgeber
Ich fülle den Adventskalender für die Kinder und hinein kommt ...
von Ann-Kathrin Schäfer

Als Geschenke für Kinder sind Adventskalender gut gemeint. Doch wenn zu viele Türen geöffnet werden dürfen, klinken sich selbst die Kleinen irgendwann aus. Der Markt wächst trotzdem weiter.
Schöne Bescherung. Es ist sieben Uhr, draussen ist es dunkel, und der morgendliche Familien-Countdown tickt dem Aufbruch entgegen. Doch zwischen Frühstück, Kita oder Chindsgi muss im Dezember häufig noch ein Zeitfenster für die zahlreichen Adventskalender eingebaut werden. In manchen Jahren habe ich mich gefragt, wo die eigentlich alle hergekommen sind.
Es lief wohl ungefähr so: Die kleinen, klassischen mit den bunten Bildchen schickten die Grosseltern Ende November per Post. Die mit Spielzeug drin haben die anderen Grosseltern schon im Oktober vorbeigebracht. Schoggi-Kalender für alle gab es zu irgendeinem Anlass. Und die 24 prall gefüllten Säckchen als Krönung des Ganzen waren (und sind) natürlich Elternsache.
In der Summe ergibt das mehr, als Kleinkinder an einem Morgen verarbeiten oder vertilgen können. Und wenn man ihnen gut zureden muss, damit auch das letzte Bildchen zumindest kurz bewundert wird, läuft doch etwas falsch. Dass ich mit diesem Gefühl nicht alleine bin und sich die Galaxus-Community beim Thema Adventskalender in Fans und Zweifelnde teilt, hat mir folgender mit viel Zuspruch versehene Kommentar von brunnerl gezeigt.
Früher (vor 40 Jahren) hatten wir jeweils einen Adventskalender von Heliomalt. Eine simple Kartonrolle, wo man jeden Tag ein Türchen mit einem Bildchen drin öffnen konnte. Wir haben uns als Kinder jeweils gestritten, wer das Türchen öffnen darf und haben uns ab diesem simplen Kalender sehr gefreut.
Das sei inzwischen völlig das anders, fährt er fort.
Heute muss man seinem Gottenkind mindestens einen selbstgebastelten Kalender mit genau dem obigen Inhalt füllen. Und auch wenn jedes einzelne Päckchen «nur etwas Kleines» (sagt meine Frau) für im Schnitt CHF 3.- drin hat, so ist man inklusive Kalendermaterial schnell bei 80+ CHF. Diese «Erwartungsdegenerierung» finde ich echt krass. Wenn schon ein Adventskalender mehrere Dutzend Franken kostet, was muss man sich dann als Weihnachtsgeschenk überlegen?
Auch das und sein leicht genervtes Fazit kann ich nachvollziehen.
Ich mache da nicht mit. Aber man ist, zumindest wenn man viele kleine Kinder in seinem Umfeld hat, ein einsamer Rufer im Walde...
Ganz so einsam im Walde ruft er nicht. Ich stelle mich dazu und zünde ein Kerzchen an. Und da wir nicht der ersten Generation angehören, die das Gefühl hat, dass alles immer mehr und irgendwie zu viel geworden ist, müssen wir inzwischen bei viel zu viel angekommen sein. Doch klar ist auch: Für jede Generation ist das normal, womit sie aufwächst. Und die Entwicklung geht längst zum lebenslangen Adventskalender.
Was bei Galaxus hinter den Kulissen los ist, kannst du regelmässig nachlesen. Und da sich in den Verkaufszahlen gewisse Trends manifestieren, lässt sich sagen, dass die Adventskalender inzwischen den Kinderzimmern entwachsen sind und immer mehr zum Bestandteil des Erwachsenenlebens werden. Schon vier von zehn Kalendern enthalten nicht mehr Spielzeug oder Schokolade, sondern Socken, Tee, Wein, Bücher oder Beauty-Produkte – all die Dinge, die wir früher erst an Heiligabend als Verlegenheitsgeschenke unter den Baum gelegt haben.
Jedes Unternehmen, das diesen Trend verpasst, wird sich an die eigene Nase fassen und spätestens im Folgejahr auch einen Kalender füllen. Es ist noch längst nicht zu spät, denn der globale Markt soll nach einer Prognose von Dataintelo weiter wachsen und sich von 1,84 Milliarden Dollar im Jahr 2024 auf 3,74 Milliarden im Jahr 2033 verdoppeln. Nicht nur der Markt wächst – es gibt sogar wachsende Adventskalender.
Bislang ist Europa für 45 Prozent des Umsatzes verantwortlich, aber der globale Markt überwindet auch kulturelle Grenzen und erobert fast alle Weltregionen. So wie wir die Halloweenkürbisse wegräumen und feststellen, dass gleich schon wieder Weihnachten ist, werden andernorts ebenfalls Bräuche übernommen. Auch wenn immer mehr Adventskalender nach Asien oder Afrika gelangen, liegt die Keimzelle dieser Kultur im baden-württembergischen Örtchen Maulbronn.
Als geistiger Vater des gedruckten Adventskalenders gilt Gerhard Lang. Der Pfarrerssohn und Verleger aus Maulbronn veröffentlichte 1903 den «Münchner Weihnachts-Kalender», der noch keine Fenster hatte, sondern ein Bogen zum Ausschneiden und Aufkleben war – eine Weihnachtstradition, die schnell Anklang fand und weiterentwickelt wurde.

In den 1920ern machte Lang die perforierten, aufklappbaren Türchen populär, hinter denen sich ein Bild verbarg. Den Rest regelte der Markt. Schon früh kamen Konkurrenten auf die Idee, auf Schokolade statt Bilder zu setzen. Und seit wir in der Nachkriegs-Wohlstandsgesellschaft angekommen sind, gibt es praktisch nichts mehr, was es im Advent nicht gibt – ausser vielleicht Besinnlichkeit. Wir schenken und schicken uns grosse Boxen oder kleine Nachrichten und geben uns Mühe, an alles und alle zu denken. Nur zum Abmachen hat im Weihnachtsstress kaum jemand Zeit.
Meine Kinder sind inzwischen alt genug und würden es verkraften, wenn ich keinen Adventskalender mehr fülle. Natürlich mache ich es trotzdem. Weil ich es selbst in schöner Erinnerung habe, wie mir jeder Dezembertag mit einer Kleinigkeit versüsst wurde. Wenn die Geste im Vordergrund steht und geschätzt wird, ist alles gut. Ich bin nur froh, dass der Überfluss bei uns wieder etwas abgenommen hat. Genug anzuschauen gibt es trotzdem: Gerade erreicht mich der Link zu einem digitalen Adventskalender.
Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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