Eleganter Edelschrott: Canon Ixus 70
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Eleganter Edelschrott: Canon Ixus 70

David Lee
David Lee
Zürich, am 25.08.2020
Die Canon Ixus 70 kostete mich theoretisch einen und praktisch null Franken, passt in eine Zigarettenpackung und ist einfach schön. Irgendwann habe ich auch herausgefunden, wozu sie gut ist.

Alte Kompaktkameras sind out. Niemand will sie. Du kriegst sie auf Ricardo, Tutti oder Ebay zum Spottpreis. So habe ich meine Canon Ixus 70 für einen Franken ersteigert und letztlich geschenkt bekommen. Ich hatte beim Abholen keinen Einfränkler dabei und die nette Frau wollte keinen Fünfliber annehmen. Obwohl die Kamera in einem tadellosen Zustand war. Wechseln konnte sie auch nicht.

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Weil ich diese «Youngtimer» einfach so haben kann, laufe ich Gefahr, mir eine grosse Sammlung zuzulegen. Ich muss aufpassen, da ich das eigentlich gar nicht will. Ich mag die kleinen Knipser zwar, aber brauchen tu ich sie nicht. Mir geht es ein wenig wie Thomas Meyer. In der Theorie bin ich für ein einfaches Leben ohne viel Besitz. In der Praxis habe ich ein umgekehrtes Gear Acquisition Syndrome (GAS): Anstatt mir immer den neuesten heissen Scheiss zu kaufen, besorge ich mir noch mehr alten Krimskrams.

Canon PowerShot A50, eine Digicam aus dem *letzten Jahrtausend**
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Aus unserer Schrottsammlung geklaut: *Nikon Coolpix L3**
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Aber warum?

Warum habe ich mir gerade die Ixus 70 unter den Nagel gerissen? Weil sie schön ist und ich sie begehre. Da ich mich aber lieber als rationales denn als triebgesteuertes Wesen betrachte, schiebe ich folgende Rationalisierung vor:

Alte Kameras erzeugen Bilder mit einer einzigartigen Anmutung. Das habe ich bei der PowerShot A50 gemerkt. «Der Stil der Bilder ist schon fast ikonisch», sagte Thomas Kunz anerkennend. Nun ist aber die A50 dermassen langsam und unpraktisch, dass es physisch weh tut. Ich will etwas, das alt genug ist für ikonische Bilder, aber neu genug um es einfach verwenden zu können.

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Die Kamera ist von 2007, hat 7,1 Megapixel und ein Dreifach-Zoom. Der Bildschirm ist mit 2,5 Zoll schon recht gross, die Kamera hat die Masse einer Kreditkarte. Falls dir die Qualität der obigen Fotos etwas dürftig vorkommt, liegt dies wahrscheinlich daran, dass ich sie mit der PowerShot A50 aus dem Jahr 1999 geschossen habe.

Debugging: Vergiss den Käfer, David

Also, hopphopp, ikonische Bilder daher! Geduld ist nicht meine Stärke. Das muss schnell gehen und mit wenig Aufwand. Doch meine Tastatur und mich selbst habe ich bereits mit der Nikon Coopix L3 fotografiert. Und meine Landschaftsbilder vom Greifenseeufer hast du wohl auch langsam gesehen. Ich brauche neue Ideen.

In meiner Küche ist ein Marienkäfer zu Gast. Ein umgekehrter Marienkäfer: Nicht rot mit schwarzen Punkten, sondern schwarz mit roten Punkten. Das ideale Opfer. Im Makromodus der Ixus 70 komme ich bis auf 4 cm heran. Das müsste reichen.

Allerdings ist der Autofokus ziemlich träg, und der Käfer hat in diesem Moment beschlossen, einen Marathon zu laufen. Er läuft erstaunlich schnell. Ich bringe ihn nicht in den Fokus.

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Vielleicht ist auch nur die Belichtungszeit zu lang. Ich schraube mal die ISO hoch.

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Doch statt die Verschlusszeit zu verkürzen, schliesst die Kamera die Blende. Vielen Dank auch! Vielleicht gehts mit dem Blitz?

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Nein.

Der Käfer spürt, dass ich ihm nachstelle. Er fühlt sich beobachtet, verfolgt. Marienkäfer sind sensible Wesen. Sie bringen Glück, und das Glück ist flüchtig. Ich muss den Flüchtigen einsperren. Ich lass den Käfer so lange nicht raus, bis ich ein gutes Bild habe.

Mit stark überhöhter Geschwindigkeit rast der Käfer durch die Küche. Jetzt auf der Fensterscheibe. Gegenlichtsituation. Nicht gut. Die Kamera kann sogar so etwas wie ein Bokeh erzeugen, nicht schlecht. Aber nicht das, was ich will. Dann wieder oben am Fensterrahmen. Auch nicht optimal.

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Was ist jetzt? Der Käfer ist verschwunden! Ach so, er befindet sich auf der Kamera. Jetzt bleibt er endlich stehen. Aber auch mit dem Handy gelingt kein schönes Bild.

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Ich gebe auf. Vielleicht bringen invertierte Marienkäfer invertiertes Glück, also Unglück.

Per Hack ans Rohformat

Bei der Canon PowerShot A50 haben mir die Farben gefallen. Aber nur in RAW, nicht im JPEG. Die Canon Ixus 70 bietet kein RAW, wie viele Kameras aus jener Zeit. Mit dem Canon Hack Development Kit (CHDK) komme ich trotzdem an das Rohformat heran – und an DNG. Das Rohformat kann Lightroom nicht lesen, weil es offiziell nicht existiert. DNG dagegen ist ein einheitlicher Standard.

Dennoch bringt mir die Funktion wenig. Die Bilder werden auch als JPEG okay, manchmal sogar besser. Der interne Bildprozessor scheint wirklich das Optimum aus den Rohdaten herauszuholen. Ausserdem sind diese Rohdaten im Vergleich zu einer heutigen Kamera recht limitiert, weswegen ich das RAW nicht in jede gewünschte Richtung bringen kann.

JPEG Original
JPEG Original
JPEG bearbeitet
JPEG bearbeitet
DNG
DNG

Das CHDK ist insofern praktisch, als es mir den Akkustand anzeigt. Die normale Kamera-Software tut das nämlich nicht. Dafür könnte ich ein eigenes Auslösergeräusch aufnehmen. Bei den Features hat Canon die Prioritäten reichlich merkwürdig gesetzt.

Schwarzweiss kommt es am besten

Zu den lustigen Features gehört auch, dass ich zwischen vielen Farbeinstellungen wählen kann: neutral, kräftig, Diafilm, Sepia, schwarzweiss, kräftiges Grün, Rot oder Blau, heller oder dunkler Hautton – und eine eigene Farbeinstellung. Finde ich theoretisch cool, doch praktisch kann ich nichts damit anfangen. Die Unterschiede sind gering und teilweise unerwünscht: Kräftiges Grün führt nicht zu leuchtenderen Landschaften, sondern dazu, dass auch gelbe Dinge grün werden.

Ähnlich geht es mir mit der Farbpipette, einem weiteren Gimmick der Ixus 70. Sie pickt eine Farbe und stellt nur diese dar, alles andere wird schwarzweiss dargestellt. Color key heisst das auf Englisch. Mir gelingt damit nichts, weil die Toleranz zu gering ist: Ähnliche, aber nicht genau gleiche Farben fallen durch und werden in tristem Grau dargestellt.

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Sehr angetan bin ich dafür von der Schwarzweiss-Funktion. Natürlich könnte ich das Schwarzweiss auch nachträglich am PC erstellen und hätte dabei erst noch mehr Möglichkeiten der Monochrom-Gestaltung. Aber wenn das Sucherbild schon monochrom ist, erkenne ich viel besser, was sich überhaupt für ein Schwarzweissbild eignet.

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Aufgrund der miesen Dynamik erzeugen alte Kompaktkameras tendenziell zu harte Kontraste. Bei der Schwarzweissfotografie lässt sich das aber hervorragend als Stilmittel einsetzen. Mein Favorit in diesem Bereich ist der Fotograf Fred Mortagne alias French Fred.

Hier meine ersten Versuche, etwas Frenchfredartiges zu produzieren:

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Ziel erreicht

Ich wollte, dass mich eine alte Kamera auf einen neuen Stil bringt. Nach einigen Irrwegen ist das schliesslich gelungen. Schwarzweiss mit harten Kontrasten, das ist die Berufung der Canon Ixus 70. Das kann sie am besten. Und zufälligerweise ist das etwas, was ich schon lange mal ausprobieren wollte.

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David Lee
David Lee
Senior Editor, Zürich
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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