

Experteninterview: «Und dann sind die Schnecken explodiert»
Wie werde ich Schnecken im Gemüsebeet ohne schlechtes Gewissen los? Was mir der pensionierte Biologe Bernhard Speiser rät, versöhnt mich mit meinen schleimigen Gartenbewohnerinnen.
Kürzlich habe ich über die Schnecken in meinem Gemüsebeet geschrieben und über meine Versuche, sie loszuwerden. Bei der Recherche nach der einen wahren Lösung, die ethisch und ökologisch vertretbar ist, bin ich auf den Biologen Bernhard Speiser gestossen. Er hat sich jahrelang am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) damit befasst, wie Bio-Gemüselandwirte das Schneckenproblem in den Griff bekommen – und Auskunft gegeben, was auch Hobbygärtnerinnen tun können.
Heute ist der Schneckenexperte pensioniert und plädiert für einen entspannten Umgang mit den kleinen, schleimigen Gartenbewohnerinnen. Er hat mir eine neue Sicht auf die Dinge gezeigt. Was ich vor allem mitnehme: Die perfekte Lösung gibt es nicht – und wo Natur stattfindet, haben auch Schnecken ihre Daseinsberechtigung.
Herr Speiser, wie werde ich die Schnecken in meinem Gemüsebeet los?
Bernhard Speiser: Ich bin schon sehr oft mit dieser Frage konfrontiert worden. Auch das Timing ist kein Zufall. Kaum kommt eine feuchte Wetterperiode, soll wie jedes Jahr der Schneckenforscher Tipps geben. Ich habe jahrelang Auskunft gegeben, aber seit ich pensioniert bin und mehr Abstand habe, frage ich mich: Moment mal, ist das wirklich nötig, noch der letzten Schnecke im Hobbygarten den Garaus zu machen? Ich verstehe Sie ja. Ich habe auch einen Garten, und es ist frustrierend, wenn man Setzlinge pflanzt und am nächsten Morgen alles weg ist.

Quelle: Bernhard Speiser
Die Schneckenabwehr hat etwas Grausames an sich. Ich habe selbst schon Schnecken eingefroren, weil ich gelesen habe, dass die Methode am humansten sei. Dabei kam ich mir vor wie eine Mörderin in einer Tatort-Folge.
Das kann ich mir vorstellen. Dennoch gehört die Methode zu den schonenderen: Wenn es kühler wird, fahren Schnecken ihren Stoffwechsel zurück und schlafen ein. Schnecken mit kochendem Wasser zu übergiessen, dürfte brutaler sein. Mir hat mal jemand erzählt, dass sie nicht wusste, wohin mit den eingesammelten Schnecken, und sie in die Mikrowelle steckte.
Oh ...
Sie sagte: «Dann sind die Schnecken explodiert.» Das fand sie so eklig, dass sie sich eine neue Mikrowelle kaufte. Vielleicht war das die kosmische Rache für die Grausamkeit.
Was halten Sie davon, Schnecken durchzuschneiden?
Ich habe vor langer Zeit mal auf einem Biobauernhof mitgeholfen und sollte dort einen Nachmittag lang Schnecken durchschneiden. Mit jeder Stunde wurde es mir ein bisschen mehr zuwider. Es ist zwar ungiftig, aber schön ist es nicht.
Gibt es Ihrer Meinung nach eine humane Art, Schnecken zu töten?
Nein, ich kann keine Methode mit gutem Gewissen empfehlen. Wir können zwar nicht einschätzen, ob und wie diese Tiere fühlen. Aber der gesunde Menschenverstand sagt mir, dass auch Schnecken nicht gerne sterben.
«In meinen Augen sind sie hochentwickelte Tiere und können ein spannendes Verhalten zeigen, zum Beispiel bei der Futterwahl.»
Ich hatte ja ursprünglich die Hoffnung, dass ich Schnecken einfach mit einem Schneckenzaun aus meinem Beet halten kann. Aber trotzdem sind Schnecken drin und fressen meine Setzlinge an. Ist das ein Irrglaube, dass so ein Zaun etwas nützt?
Ein Schneckenzaun ist sehr nützlich, weil er die meisten Schnecken abhält, vielleicht 80 bis 90 Prozent. Ein Irrglaube ist hingegen die Vorstellung, dass ein Schneckenzaun einen hundertprozentigen Schutz bietet. Die kleinen, runden Schneckenkragen haben übrigens eine ähnliche Wirkung und sind einfacher aufzustellen. Ich finde beides genial, wenn man sie mit einer relativ kleinen Menge Bio-Schneckenkörner kombiniert. Aber nur wenig und nur innen streuen. Um harmlose Gehäuseschnecken zu schonen, sollte man auf keinen Fall den ganzen Garten mit Schneckenkörnern behandeln.

Ich habe auch schon Bio-Schneckenkörner innerhalb des Schneckenzauns gestreut und finde trotzdem nach wie vor Schneckenspuren.
Schneckenkörner sind zugelassene Pflanzenschutzmittel und haben auch eine Wirkungsprüfung bestanden. Aber es wäre ein hoher Anspruch, wenn sie jede einzelne Schneckenspur verhindern müssten. Alle Methoden bleiben am Ende relativ: Es wird besser, aber nicht immer perfekt.
Wie setzen sie diese Erkenntnis in der Praxis um?
Ich selbst habe zu Hause im Garten viele Pflanzen, die von Natur aus unempfindlich gegen Schnecken sind. Von denen gibt es genug, und damit wird Gärtnern eine entspannte Angelegenheit.
Entspannt klingt gut. Zählen dazu auch essbare Pflanzen?
Primär sind es Blumen, das muss ich zugeben. Aber auch Johannisbeeren, Nüsslisalat und Tomaten sind nicht empfindlich gegen Schnecken – und Obstbäume sowieso nicht.
Plädieren Sie dafür, dass Hobbygärtnerinnen dazu übergehen, nur noch schneckenresistente Pflanzen zu setzen?
Ich würde niemandem vorschreiben, was er oder sie anpflanzen soll. Aber ich rate dazu, sich standardmässig auf schneckenharte Pflanzen zu konzentrieren. Ich habe manchmal den Eindruck, dass Menschen relativ gedankenlos eine empfindliche Pflanze setzen und danach den ganzen Sommer damit beschäftigt sind, Schnecken abzuwehren.
Und wenn ich sehr gerne Erdbeeren im Garten hätte?
Wenn Ihnen das ein echtes Bedürfnis ist, dann machen Sie das – Ihnen sollte aber bewusst sein, dass Sie vermutlich nicht um einen Kampf gegen die Schnecken herumkommen. Wenn Ihnen das nicht behagt, kaufen Sie die Erdbeeren besser und pflanzen im Beet etwas Unempfindliches an.

Quelle: Ann-Kathrin Schäfer
Wäre ein Hochbeet die Lösung aller Schneckenprobleme?
Ein Hochbeet nur wegen der Schnecken? Das würde ich umdrehen: Wer ein Hochbeet als Gestaltungselement möchte, soll eines einrichten – und hat dort möglicherweise etwas weniger Schneckenprobleme. Aber dieses auffällige Element nur wegen der Schnecken im Garten haben? Da stimmen für mich Aufwand und Ertrag nicht.
Hausmittel wie Sägemehl, Kaffeesatz, Eierschalen und Pflanzenextrakte sollen angeblich helfen. Funktioniert Ihrer Erfahrung nach davon etwas?
In den 1990er und frühen 2000er Jahren habe ich mich intensiv mit alternativen Bekämpfungsmitteln befasst. Wir haben nichts gefunden, was zuverlässig wirkt. Ein Beispiel: Da Schnecken Feuchtigkeit mögen, meiden sie trockenes Sägemehl. Aber wenn es regnet, wird auch Sägemehl feucht. Das ist eine Pseudo-Lösung, die in dem Moment funktioniert, wo das Problem sowieso nicht gross ist: bei Trockenheit.
Sie haben sich beruflich lange damit beschäftigt, wie man Schnecken im ökologischen Gemüsebau in den Griff bekommt. Was können Hobbygärtner von der Landwirtschaft lernen?
Nicht viel, weil die Bedingungen andere sind. In der Landwirtschaft helfen grosse Flächen. Wenn die ersten zwei Meter eines Feldes von Schnecken befallen werden, bleibt immer noch sehr viel Feld übrig. Im Hobbygarten ist nach diesen zwei Metern bereits das Ende des Beets erreicht.
Was machen Sie, wenn Sie eine Nacktschnecke in Ihrem Garten finden?
Wenn ich zufällig an einer empfindlichen Pflanze eine Schnecke entdecke, werfe ich sie auf den Kompost. Dort nützt sie mehr als sie schadet. In einem Garten können sehr viele Schnecken leben und sich tagsüber gut verstecken. Um alle zu finden, müsste ich sie stundenlang einsammeln. Mir würde das die Lust am Gärtnern verderben und das wäre doch schade, wo es solch ein Geschenk ist, einen Garten zu haben.
Oft wird empfohlen, den Garten möglichst naturnah zu gestalten, um natürliche Fressfeinde wie Igel oder Laufkäfer zu fördern. Wie sieht Ihr Garten aus?
Mein Garten ist vielfältig und naturnah gestaltet, weil das meiner Vorstellung von einem ansprechenden Biogarten entspricht. Mir geht es dabei um viel mehr als die Schneckenbekämpfung – die vielfältige Vegetation bietet ja letztlich auch Schnecken Unterschlupf. Wirklich gegen Schnecken helfen würde, den Garten zu betonieren und drei Blumentöpfe aufzustellen. Das wäre eine ziemlich freudlose Lösung.
Ja, dann doch lieber Schnecken im Garten …
Die Natur hat doch noch ganz andere Daseinsberechtigungen, als für uns Menschen einen Nutzen erfüllen zu müssen. Ein Igel besucht regelmässig unseren Garten, aber ich bilde mir nicht ein, dass er alle Schnecken fressen würde. Trotzdem freue ich mich jedes Mal, wenn ich ihn rascheln höre.
Gewinnst du die Schnecken auch langsam lieb – oder hast du einen Geheimtipp gegen sie? Verrate es in einem Kommentar.
Eigentlich bin ich Journalistin, in den letzten Jahren aber auch vermehrt als Sandkuchenbäckerin, Familienhund-Trainerin und Bagger-Expertin tätig. Mir geht das Herz auf, wenn meine Kinder vor Freude Tränen lachen und abends selig nebeneinander einschlafen. Dank ihnen finde ich täglich Inspiration zum Schreiben – und kenne nun auch den Unterschied zwischen Radlader, Asphaltfertiger und Planierraupe.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
Alle anzeigen


